Früher Tod
POPULÄR GESEHEN. Vier Leben, die nicht vergessen werden dürfen. Und eine Erinnerung daran, dass das Leben ganz unten lebensgefährlich sein kann.
Eine Kolumne von Martin Schenk.
Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.
Jetzt mit einem MO-Solidaritäts-Abo unterstützen!
Sie sind so früh gestorben: Sonja, Norbert, Rudi, Traude. Sie waren Lebenskünstlerinnen, Straßenzeitungsverkäufer, Leistungsträger auf ihre Weise in einem prekären stressigen Alltag, mit wenig Geld, immer wieder ganz unten, haben sich aufgerappelt, haben um ein Stück Freiheit und ihre Spielräume im Leben gerungen.
Sonja hat sich eingesetzt für bessere Gesundheitsversorgung, besonders für jene, die durch alle Netze fallen. Sie hat selbst Krebs gehabt, hat die Strassenzeitung Kupfermuckn verkauft. An guten Tagen hat sie Interessierte auf eine Gratwanderung durch das obdachlose Linz geführt.
Traude und Rudi sehe ich Theater spielen, den Augustin verkaufen und hitzige Diskussionen führen über Gott und die Welt, Rudi immer mit einem Schalk im Nacken. Besonders gefreut habe ich mich, wenn die Rezension eines Besuchs im Burgtheater oder in einer neuen Ausstellung erschienen ist. Mit ihrem Kulturpass ausgestattet brachten sie einen anderen Blick in die gewöhnlichen Besprechungen von Theaterstücken – überraschend, witzig, mit Perspektiven, die das Geschehen von unten sichtbar machen. Traude ist zuerst gestorben, Rudi drei Monate später. „Sein krankes Herz hat aufgehört zu schlagen“, hieß es im Nachruf.
Viel zu früh, und viel zu jung. Das Leben ganz unten ist lebensgefährlich. Dass angesichts dieser Tatsachen wieder alle möglichen Figuren auf die politische Bühne steigen, die nichts lieber tun, als die Armen zu bekämpfen, statt die Armut, würde Rudi mit dem Satz quittieren: Schämen sollen sie sich dafür (und nicht wir für unsere Armut).
Norbert hab ich im Häferl kennengelernt, zuerst als Gast, dann als Koch und Küchenmeister. „Ich verstehe mich als Armen-Wirt“, hat er einmal gesagt. Das Häferl ist ein Gasthaus für jeden, der es gerade baucht. Wir haben die gleiche Musik geliebt, und beim jährlichen Straßenfest geschaut, dass die richtigen Bands eingeladen werden. Auch Norbert ist tot.
Sonja, Norbert, Traude, Rudi. Wenn ich jetzt so von ihnen und ihrem Leben hier erzähle, tröstet mich das ein wenig. So sind sie noch irgendwie da, mit ihrem Leben vor dem Tod, jedenfalls: nicht vergessen.
Unterstützen Sie jetzt unabhängigen Menschenrechtsjournalismus mit einem MO-Magazin-Solidaritäts-Abo
Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie Österreich.



