Hier dürfen wir sein
DOSSIER. Was bedeutet es, einen sicheren Raum zu haben, in dem man sich nicht ständig erklären muss? Wen man liebt, warum man welche Pronomen verwendet oder warum all das überhaupt eine Rolle spielt. In Wien-Ottakring und in Innsbruck sind die ersten queeren Jugendzentren Österreichs eröffnet worden. Zwei Orte, die eine Lücke in der bestehenden Jugendarbeit schließen.
Reportage & Fotos: Judith Kantner.
Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.
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„Offene Tür, offene Herzen“ steht auf der Glastür geschrieben. In einer Seitenstraße entlang der Koppstraße in Wien-Ottakring hat das Jugendzentrum Q:WIR im Sommer 2024 eröffnet – es war das erste queere Jugendzentrum des Landes. Luca Flunger, die Geschäftsleitung von Q:WIR, öffnet heute die Tür. Ein Schlüsselbund baumelt an der Gürtelschlaufe, ein schwarzes Beanie bedeckt die dunklen Haare, ein breites Lächeln sagt: „Hereinspaziert.“
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MIT DEM Q:WIR IN WIEN ERÖFFNETE 2024
DAS ERSTE QUEERE JUGENDZENTRUM IN ÖSTERREICH.
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An diesem Mittwochvormittag wirkt das Jugendzentrum, das sich über mehrere hundert Quadratmeter erstreckt, besonders groß. Es ist niemand hier. Zu den regulären Öffnungszeiten kommen Jugendliche und junge Erwachsene von Mittwoch bis Samstag am Nachmittag vorbei und können bis zum Abend verweilen. An diesen Tagen füllt sich das Zentrum, Stimmen hallen durch die Räume, es wird gespielt, gelacht und geplaudert. In der Küche gießt Flunger heißes Teewasser in eine bunte Tasse. „Am Freitag kochen wir hier gemeinsam“, sagt Flunger. Das Jugendzentrum ist ein konsumfreier Raum, aber die Jugendlichen können sich jederzeit etwas zu essen machen. Wenn gemeinsam gekocht wird, gibt es veganes oder vegetarisches Essen. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern um niemanden auszuschließen. Dass im Q:WIR niemand ausgegrenzt wird, hat oberste Priorität.

Im Jugendzentrum in Ottakring können Jugendliche spielen, plaudern, gemeinsam kochen und mit den Mitarbeiter:innen sogenannte Entlastungsgespräche führen.
Dass diese Räume gebraucht werden, zeigt sich auch in den Zahlen: Im Jahr 2025 zählte das Q:WIR im offenen Betrieb, also abseits von Veranstaltungen, insgesamt 4.257 Besucher:innen.
Hinter dieser Zahl stehen Jugendliche wie Ahira. Die 17-Jährige wurde durch die Betreuer:innen auf das Zentrum aufmerksam und kam anfangs vor allem, um neue Freund:innen kennenzulernen und sich auszutauschen. Was sie dann hielt, war nicht nur das Angebot, sondern die Atmosphäre: die offene Stimmung, die Selbstverständlichkeit, mit der hier zugehört wird.
Im offenen Betrieb bitten Jugendliche immer wieder um ein Gespräch unter vier Augen. Diese sogenannten Entlastungsgespräche sind keine klassischen Beratungen, sollen aber in psychisch angespannten Situationen unterstützen. Die Themen, mit denen Jugendliche an die Mitarbeiter:innen herantreten, sind vielfältig: Familie, Outing, Mobbing, Beziehungen, Gewalt, finanzielle Sorgen oder Wohnsituationen. Häufig geht es auch um Diskriminierung, um Fragen der eigenen Identität sowie um „Transition“, also den Prozess, in dem eine trans Person ihr Leben Schritt für Schritt an ihre Geschlechtsidentität anpasst.
Gerade deshalb ist das Q:WIR für viele Jugendliche mehr als ein Treffpunkt. Für Ahira ist er ein Ort, an dem sie sich sicher fühlt und Gehör findet. Den Schutz, den sie hier verspürt, wünscht sie sich für Jugendliche in ganz Österreich. Für Personen, die darüber nachdenken, zum ersten Mal ins Q:WIR zu kommen, hat die 17-Jährige eine klare Botschaft: „Kommt vorbei, alle erwarten euch mit offenen Armen.“

Luca Flunger leitet das Jugendzentrum. Oberste Priorität sei, niemanden auszugrenzen. Zuletzt leitete Flunger das Regenbogenfamilienzentrum in Wien.
Wie ein „Safer Space“ entsteht
Die Räumlichkeiten im Q:WIR sind ausgesprochen sauber, sie wirken fast steril. Schmuddelige Couches, bekritzelte Wände oder fleckige Teppiche, wie man sie aus anderen Jugendzentren manchmal kennt, sucht man hier vergeblich. Das liege daran, erklärt Luca Flunger, dass Jugendliche und junge Erwachsene von Beginn an in die Planung des Zentrums eingebunden wurden. Denn wer von Beginn an mitbestimmt, gehe achtsamer mit einem Raum um.
Bevor das Jugendzentrum in den offenen Betrieb startete, erarbeitete das Team gemeinsam mit der Zielgruppe des Zentrums, was das Q:WIR bieten soll. Von der farblichen Gestaltung, der Möbelwahl bis hin zu der Raumaufteilung konnten sie mitentscheiden. Gleichzeitig entwickelten die Jugendlichen Ideen für Workshops und Angebote, die sie sich im Q:WIR wünschten. Auf diese Weise entstand das Jugendzentrum Schritt für Schritt aus der Sicht jener, für die es gedacht ist.
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DIE ZAHLEN BESTÄTIGEN DEN BEDARF:
4.257 BESUCHER:INNEN KAMEN LETZTES JAHR INS Q:WIR.
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Ein weiteres Ergebnis dieser Zusammenarbeit hängt heute eingerahmt an der Wand gleich neben dem Eingang: die Hausregeln. Neben gesetzlichen Vorgaben wie Alkohol-, Drogen- und Waffenverboten finden sich dort auch klare No-Gos: Misgendern, das Nicht-Respektieren von Namen, Pronomen und Identität sowie das sogenannte „Deadnaming“. Darunter versteht man die Verwendung des früheren Namens einer trans- oder nicht-binären Person, nachdem diese einen neuen Namen angenommen hat. Zentral ist, nachzufragen, wie eine Person angesprochen werden möchte und dies konsequent zu respektieren.
„In der Ausarbeitung in den Peer-Groups war extrem viel Bewusstsein und Verständnis dafür da, dass im Umgang miteinander ganz viele Dinge gelernt werden müssen und nicht absichtlich passieren“, erzählt Flunger. „Das Q:WIR muss ein Ort sein, an dem man Fehler machen darf und gemeinsam lernt.“
Dass es in Wien nun ein queeres Jugendzentrum gibt, ist auch Ergebnis politischer Entscheidungen. Im Koalitionsübereinkommen zwischen NEOS und SPÖ wurde festgehalten, dass die Infrastruktur für queere Jugendliche in Wien ausgebaut werden soll. Zwar gab es Beratungsstellen und ehrenamtliche Gruppen, jedoch keinen professionellen, offenen Treffpunkt. Auch eine Bedarfsanalyse aus dem Jahr 2022 plädierte dafür, ein queeres Jugendzentrum in Wien zu schaffen. Als das Projekt ausgeschrieben wurde, leitete Luca Flunger das Regenbogenfamilienzentrum und reichte – erfolgreich – das Konzept für das Q:WIR ein.

David Kaserbacher und Cordula Hinterholzer wollten mit "Queeze" eine Antwort auf die Ausgrenzungserfahrungen queerer Jugendlicher in bestehenden Jugendzentren schaffen.
Eigeninitiative statt Ausschreibung
Während in Wien die Stadt selbst nach Konzepten für ein queeres Jugendzentrum suchte, brauchte es in Innsbruck mehr Eigeninitiative. Cordula Hinterholzer und David Kaserbacher kennen sich aus ihrem Studium und beschäftigten sich bereits damals mit queeren Themen. Die ausgebildeten Sozialarbeiter:innen erarbeiteten gemeinsam ein Konzept als Antwort auf fehlende Angebote und die Erfahrungen von Ausgrenzung queerer Jugendlicher in bestehenden Jugendzentren. Mit Unterstützung aus der Jugendarbeit, von Fachstellen und der Stadt Innsbruck öffnete im Dezember vergangenen Jahres das „Queeze“ seine Pforten. Auch wenn das Zentrum in Innsbruck deutlich kleiner ist als das Wiener Pendant, bietet es alles, was sich junge Menschen für entspannte Nachmittage wünschen: bequeme Polstermöbel, Bastelmaterialien, einen Wuzzler und Spiele.
Seit der Eröffnung kommen hier jeden Freitagnachmittag Jugendliche von 13 bis 20 Jahren vorbei. „Wir waren sehr überrascht, aber freuen uns, dass nicht nur Jugendliche direkt aus der Umgebung kommen, sondern wirklich auch Jugendliche aus anderen Tiroler Bezirken extra hierher fahren“, so David Kaserbacher. Cordula Hinterholzer weiß, dass insbesondere queere Jugendliche am Land mit Isolation zu kämpfen haben: „Diese Einsamkeit kommt einfach daher, dass es wenig Angebot für junge queere Menschen gibt. Zwar ist die Community schon vernetzt, aber es ist ja trotzdem nicht so, dass wir überall gleich erkennbar sind – auch wenn manchmal dieses Bild herrscht, wir würden einen Regenbogen vor uns hertragen“.
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JUGENDLICHE AUS ANDEREN TIROLER BEZIRKEN
KOMMEN EXTRA NACH INNSBRUCK INS "QUEEZE".
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Gegenstimmen vom rechten Rand
Doch politisch gab es auch Gegenwind. Hinterholzer holt zwei handbeschriebene Zettel hervor, auf denen sie Aussagen notiert hat, die bei einer Innsbrucker Gemeinderatssitzung im vergangenen Herbst gefallen sind, bevor das Zentrum eröffnet wurde. Fabian Walch, Gemeinderat der FPÖ in Innsbruck, wetterte gegen das Subventionsansuchen zur Finanzierung des Queeze und gegen das vorgelegte Konzept der beiden. Er behauptete, dass ein queeres Jugendzentrum dazu führen könne, dass Jugendliche, die sich nicht mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren, zu geschlechtsangleichenden Operationen gedrängt werden würden.
Das sei ein grundlegendes Missverständnis, sagt Hinterholzer. „Diese Unterstellungen wurden gemacht, ohne dass man das Projekt oder die Mitarbeitenden kannte.“ Würde der Politiker den Dialog mit ihnen suchen, würde sie ihm gerne vermitteln, worum es im Queeze tatsächlich gehe: „Wir wollen niemandem etwas aufdrängen. Es geht uns darum, einen sicheren Rahmen zu schaffen, in dem Jugendliche sein können, wie sie sind.“
Judith Kantner ist freie Journalistin. Ihre Arbeit fokussiert sich auf Desinformationen, queere Lebensrealitäten und Machtverhältnisse in der Gesellschaft.
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