Integration auf Sparflamme
WELT. Im Schatten von Budgetkürzungen werden Angebote zur Arbeitsmarktintegration von Geflüchteten und Migrant:innen zurückgefahren oder ganz eingestellt. Die Sparmaßnahmen treffen jene, die arbeiten wollen, sowie ein System, das schon seit Jahren an seine Grenzen stößt.
Reportage & Foto: Julia Grassinger.
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Drei Personen sitzen an diesem Herbstmorgen bereits im Eingangsbereich der Einrichtung „Aufschwung“ und warten. Einer davon ist Zafar K., er trägt ein weiß-blaues Hemd und einen dunklen Wollmantel, seine schwarzen Haare fallen ihm leicht in die Stirn. Vor über zehn Jahren ist er nach Österreich geflohen: „Hier habe ich keine Angst, in Afghanistan schon.“
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In den Herkunftsländern werden nicht immer Zeugnisse
für Ausbildungen oder frühere Jobs ausgestellt.
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Zafar K. spricht zwar fünf Sprachen – Pashtu, Dari, Urdu, Hindi und Deutsch – kann jedoch weder lesen, noch schreiben. Deshalb fällt ihm die Arbeitssuche in Österreich besonders schwer. Denn als Analphabet kommen für den 36-Jährigen nur wenige Berufe, wie Bauarbeiter, Möbelträger oder Security in Frage. Er hat bereits mehrere Deutschkurse besucht und geht regelmäßig zu seinen Terminen beim Arbeitsmarktservice (AMS), einen Job hat er noch nicht: „Ich möchte einfach arbeiten, so wie viele andere auch.“ Doch während geflüchteten Menschen in politischen und medialen Debatten regelmäßig unterstellt wird, sie hätten es auf Sozialleistungen abgesehen, schwinden durch Budgetkürzungen aktuell Möglichkeiten der Arbeitsmarktintegration.

Angelika Welebil hat langjährige Erfahrung im Bereich der Erwachsenenbildung. Im Jahr 2023 übernahm sie die Leitung von „Aufschwung“. | Foto: privat
Ressourcen im Fokus
In der Einrichtung „Aufschwung“ der Diakonie wurden bis Dezember 2025 jährlich rund 300 Geflüchtete in Grundversorgung bei der Suche nach einem Arbeitsplatz unterstützt. Die meisten der betreuten Frauen und Männer kamen aus Syrien, Somalia und Afghanistan und haben subsidiären Schutz, weil ihr Leben oder ihre Gesundheit im Herkunftsland bedroht sind. In den Beratungen wurden Lebensläufe erstellt, Bewerbungen an potenzielle Arbeitgeber:innen geschickt oder bei der Kommunikation mit dem AMS geholfen. „Wir haben Menschen, die aus kriegerischen, kaputten oder anderen Systemen kommen, gezeigt, wie unser System funktioniert. Vielen ist gar nicht bewusst, wie komplex das alles ist“, erklärt Einrichtungsleiterin Angelika Welebil.
Damit geflüchtete Menschen erkennen, welche Fähigkeiten sie mit- und am Arbeitsmarkt einbringen können, führte „Aufschwung“ Kompetenz-Checks durch. Denn während in Österreich für Ausbildungen oder frühere Jobs Zeugnisse ausgestellt werden, ist das in vielen Herkunftsländern von Menschen mit Fluchterfahrung nicht immer der Fall. Diesen Zugang bewertet Migrationsforscherin Judith Kohlenberger als besonders wichtig: „Wir sollten uns nicht auf Mängel, sondern Ressourcen fokussieren und schauen, was immigrierte Menschen tatsächlich können.“
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Von allen durch "Aufschwung" betreuten
Klient:innen konnten rund 60 Prozent
erfolgreich vermittelt werden.
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Zafar K. kam ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung und ohne Arbeitszeugnisse nach Österreich. In Afghanistan musste er bereits als Kind im Geschäft seines Vaters mithelfen: „Ich habe auch in meiner Erstsprache nie lesen und schreiben gelernt, ich war nicht eine Stunde in der Schule.“ In Österreich findet er immer wieder auf ein paar Wochen oder Monate befristete Jobs als Hilfsarbeiter – auf der Baustelle, in einem Schlachtbetrieb oder in der Produktion. Zuletzt absolvierte er ein Arbeitstraining als Möbelpacker, bei der Bewerbung hat ihn „Aufschwung“ unterstützt. „Wenn die Beratungsstelle hier zusperrt, dann haben viele Menschen, auch ich selbst, ein Problem“, so Zafar. Seit Jänner erhält er aufgrund einer Gesetzesänderung als subsidiär Schutzberechtigter keine Mindestsicherung mehr. Eine Sparmaßnahme, durch die sich die Stadt Wien Einsparungen in der Höhe von 75 Millionen Euro erhofft.
Von allen durch „Aufschwung“ betreuten Klient:innen konnten rund 60 Prozent erfolgreich in den Arbeitsmarkt oder in Ausbildungen vermittelt werden. So zum Beispiel Yara*, eine modebewusste Frau und Mutter aus Syrien. Ihr Wunsch war es, in einer Apotheke zu arbeiten – doch trotz Pflichtschulabschluss, Deutschkenntnissen auf Level B1 und dutzenden Bewerbungen, bekam sie keine Lehrstelle. Durch einen Kompetenz-Check fand sie heraus, welcher Beruf eine Alternative für sie ist. In ihrem Herkunftsland führte sie ein kleines Kosmetik-Studio, Ästhetik ist ihr wichtig und sie ist gerne unter Menschen. Mit Unterstützung bekam Yara schließlich einen Job in ihrer Lieblings-Drogerie, in der ihre Erstsprache aufgrund der vielen arabisch-sprachigen Tourist:innen sehr gefragt ist.

„Aufschwung“ wurde 2019 eröffnet und zog 2023 in die Graumanngasse 7 im 15. Bezirk in Wien. Neun Berater:innen haben in den vergangenen sechs Jahren rund 21.000 Beratungsgespräche durchgeführt.
Kürzung von Förderungen
Mit Ende des Jahres 2025 musste die Beratungseinrichtung „Aufschwung“ jedoch zusperren, da die Förderung durch den Fonds Soziales Wien (FSW) für eine Weiterführung nicht mehr ausreichte. Der FSW erklärt: „Die Diakonie war zeitgerecht informiert, dass eine Fortführung der Förderung für die Beratungsstelle nicht vorgesehen ist.“ Grund dafür sei die rückläufige Zahl an grundversorgten Geflüchteten in Wien, weshalb die Förderung für unterschiedliche gemeinnützige Organisationen, so auch die Diakonie, reduziert wurde.
Bei „Aufschwung“ führte die starke Reduktion des Budgets zur Schließung der Beratungsstelle. Einrichtungsleiterin Welebil erklärt: „Andere Stellen sichern existenzielle Bedürfnisse ab, wie die Sozial- und Wohnberatungen. Arbeitsmarkt-Beratung kommt dann erst am Ende. Wir sind die Kirsche auf der Torte, die dann weg ist.“

Maryam Singh bezeichnet sich selbst als „Flüchtlingskind“. Seit 2020 ist sie Projektleiterin der „Migrant“-Frauenberatung. | Foto: privat
Integration als Zukunftsinvestition
Zwar ist das AMS primäre Anlaufstelle für Arbeitssuchende, jedoch sind die Ressourcen für das Jahr 2026 auch dort geringer: Circa 20 Millionen Euro weniger stehen dem AMS Wien zur Verfügung. Die Grundstruktur werde aufrechterhalten, die Quantität müsse da und dort zurückgefahren werden, erklärt des AMS Wien. Berater:innen betreuen zwischen 200 und 500 Kund:innen und führen um die 15 Gespräche pro Tag. „Das ist schon recht viel, und nicht in jedem Gespräch kann so sehr in die Tiefe gegangen werden, wie es nötig wäre“, so das AMS.
Wer umfassendere Unterstützung bei der Jobsuche braucht, muss zu Beratungsstellen von NGOs, Vereinen und gemeinnützigen Organisationen gehen, die Expertise und Beratung in Erstsprache für Geflüchtete und Migrant:innen anbieten. Die Förderungen stammen teilweise vom AMS, teilweise von der Stadt Wien oder von Spender:innen.
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„Aufschwung“ wurde 2019 eröffnet und zog
2023 in die Graumanngasse 7 im 15. Bezirk in Wien.
Neun Berater:innen haben in den vergangenen sechs
Jahren rund 21.000 Beratungsgespräche durchgeführt.
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Die angespannte finanzielle Situation ist auch für die Wiener Beratungsstelle „Migrant“, die Unterstützung beim Arbeitseinstieg bietet, deutlich spürbar. Maryam Singh, eine der Projektleiterinnen, berichtet: „Die finanziellen Ressourcen im Migrationsbereich sind seit Jahren unzureichend. Vieles gleichen wir durch Eigenengagement aus.“ Kürzlich musste Personal gekündigt und die Menge an Beratungen reduziert werden. Die Einrichtung arbeite derzeit „auf Sparflamme“ und hoffe auf einen Lichtblick am Ende des Tunnels. Gefördert wird sie teils von der Stadt, teils vom AMS. Um nachhaltige und qualitative Beratung anbieten zu können, brauche es langfristige Förderverträge und eine ausreichende Basisfinanzierung.

Für einen Job musste Zafar K. von Wien nach Linz pendeln, doch die Firma wurde insolvent. Sein Gehalt bekam er erst zwei Jahre später. | Foto: Julia Grassinger
Ob die bisherigen Sparmaßnahmen auf Dauer finanzielle Entlastung bringen werden, bewertet Migrationsforscherin Kohlenberger kritisch: „Volkswirtschaftlich gesehen sind budgetäre Kürzungen im Bereich Integration keine nachhaltige Ersparnis, sondern eine Belastung.“ Denn arbeitslose Menschen zahlen keine Einkommenssteuern und beziehen häufiger Sozialleistungen. Ebenso könne beobachtet werden, dass Arbeitslosigkeit mit einem schlechteren Gesundheitszustand einhergeht, was die Sozialversicherung zusätzlich belaste. „Wenn das in die Kosten-Nutzen-Analyse miteinbezogen wird, wäre es sinnvoll, früher zu investieren“, erklärt sie.
Zafar K. hat die Hoffnung nach einer längerfristigen Arbeitsstelle nicht aufgegeben. Auf seinem Weg dorthin ist Arbeitsmarktberatung weiterhin nicht die Kirsche auf der Torte, sondern essenziell für ein gesichertes Einkommen für ein selbstbestimmtes Leben.
*Name und Details wurden zur Anonymisierung von der Redaktion geändert.
Julia Grassinger ist Juristin und arbeitet als Beraterin im Sozialbereich. Seit 2024 studiert sie „Journalismus & Neue Medien“ und berichtet als freie Journalistin über Themen wie Gleichstellung, Migration und Rechtspolitik.
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