Thursday 27. November 2014
Hanna Silbermayr
05. Sep. 2013

Fühlst dich wie Rambo

Was läuft schief in Österreichs Jugendstrafvollzug?

Momo hat schon als Jugendlicher Erfahrungen im Gefängnis gemacht. Als er draußen war, sollte alles besser werden. Aber nach zwei Tagen, sagt Momo, machst du wieder denselben Scheiß. Was läuft schief in Österreichs Jugendstrafvollzug?

Text & Fotos: Hanna Silbermayr

 

 

Mach die Augen zu“, sagt Momo und schließt sie selbst, so als wolle er zeigen, wie das geht. „So dunkel war es dort“, sagt er dann. Zwei Tage war er in diesem schwarzen Zimmer, vielleicht auch drei, so genau weiß Momo das nicht mehr. Am ersten Tag hat er gegen die Wände geschlagen, dann hat er Spinnen gesehen. „Es sind keine Spinnen da, aber du bildest dir ein, dass da welche sind. Man denkt sich, dass man deppert wird oder krank ist“, erzählt er.

 

Jetzt sitzt der 21-Jährige am Donaukanal. Erklärt, dass er ruhiger wäre als früher, nicht mehr so viel Blödsinn machen würde. Und: dass er keine Probleme mehr haben möchte. Trotzdem erzählt er von Leuten, die ihn „dumm anmachen“ würden. Oft reicht ein blöder Blick, der in einer Schlägerei endet. So beginnt auch seine Geschichte: mit Handgreiflichkeiten. Irgendjemand  hatte den damals 15-jährigen Momo auf der Straße gefragt, warum er so blöd schaue, ob er ein Problem habe. Dann flogen die Fäuste. Sein Gegner zückte ein Messer, wollte ihn damit abstechen, sagt Momo. Im Chaos habe er es ergriffen, den anderen damit am Oberschenkel getroffen. „Ich weiß nicht einmal mehr, wie ich das gemacht habe“, beteuert er heute. Dann wäre er im Schock gewesen, hätte gewartet, bis die Polizei kam. Die brachte ihn in die Justizanstalt Wien-Josefstadt: Untersuchungshaft.

 

 

Sonst verliert man sein Gesicht

Margitta Neuberger-Essenther ist die Leiterin der Haftanstalt Gerasdorf, in der Jugendstraftäter untergebracht sind. Nur zu gut kennt sie solche Geschichten. Die Hintergründe sind meist soziale und emotionale Vernachlässigung in der Familie. „Wenn es die Wärme zu Hause nicht gibt oder diese nicht ausreicht, dann sucht man sie sich woanders, in Peergroups. Dann passieren solche Straftaten“, erklärt sie. Auch bei Momo war dieser Halt nicht da. Mit elf Jahren kam er aus der Türkei nach Österreich zu Onkel und Tante. Die Eltern waren während einer wichtigen Phase seines Lebens abwesend, einfach nicht da.

 

In der U-Haft setzte sich die Gewalt, die Momo schon von der Straße her kannte, weiter fort. Keine zehn Minuten war er in der Zelle, als er das erste Mal von einem Mitinsassen geschlagen wurde. „Sie suchen Opfer, und wenn du das bist, dann musst du alles für sie machen“, beschreibt er die Situation hinter Gittern. Natürlich habe er auch zugeschlagen – sonst verliert man sein Gesicht.

 

Das Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte hat Anfang 2013 eine Studie zum Thema veröffentlicht. Häftlinge der Justizanstalten in Wien-Josefstadt und Gerasdorf haben dafür andere Insassen über Gewalt im Jugendstrafvollzug interviewt. Das Ergebnis: Unter den Häftlingen herrscht eine Hierarchie, eine Einteilung in Stärkere und Schwächere. Die Positionen innerhalb dieser Rangfolge werden durch physische und psychische Gewalt ausgelotet. Erschwerend kommt hinzu, dass die Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren stundenlang in Gemeinschaftszellen eingesperrt sind. Eine einzige Stunde können sich die Insassen der Justizanstalt Wien-Josefstadt im Hof frei bewegen. Möglichkeiten, sich etwa durch sportliche Aktivitäten abzureagieren, gibt es nicht. „Sitzen, reden, schlafen, was macht man da sonst?“, meint Momo mit einem Achselzucken. Druck, Frustration und Langeweile führen im Endeffekt dazu, dass Auseinandersetzungen und Misshandlungen innerhalb der Hafträume programmiert sind.

 

 

Sensible Phase

Barbara Unterlerchner von der Opferschutzorganisation Weißer Ring, die an der Studie federführend mitgearbeitet hat, verortet in der Unsicherheit über den Ausgang ihrer Verfahren eine große Belastung für die Jugendlichen: „Sie wissen noch nicht, ob sie verurteilt werden, wie lange sie im Gefängnis bleiben müssen.“ Im regulären Strafvollzug in der Justizanstalt Gerasdorf ist die Situation besser. Man muss sich zwar damit abfinden, dass man für längere Zeit in Haft sein wird, doch die Ungewissheit ist nicht mehr so groß. Zusätzlich gibt es mehr Beschäftigungsmöglichkeiten. Untertags absolvieren die meisten Jugendlichen eine Ausbildung in den anstaltsinternen Lehrwerkstätten, am Abend und in der Nacht sind sie in Einzelzellen untergebracht. Dennoch, auch hier gibt es sensible Phasen, wie Neuberger-Essenther erklärt: „Vor allem jene Häftlinge, die lange Strafen absitzen, werden drei bis sechs Monate vor ihrer Entlassung unruhig. Sie fürchten sich vor dem, was draußen auf sie zukommt.“ Dann steigt das Aggressionspotenzial wieder an.

 

Wird ein Jugendlicher damit zur Gefahr für sich selbst und andere, kann er bis zu 14

Tage in eine sogenannte Absonderungszelle gesperrt werden. So wie Momo nach einer Schlägerei. „Das ist ein Disziplinierungsmittel, das im Gesetz verankert ist“, erklärt Neuberger-Essenther. In der von ihr geleiteten Justizanstalt Gerasdorf versucht man aber, von dieser Maßnahme abzukommen: „Wenn man Einzelhafträume hat, wie das hier der Fall ist, kann man den betreffenden Jugendlichen dort einsperren. Er kann dann am Nachmittag halt nicht raus.“ In Wien-Josefstadt, wo die Untersuchungshaft vollzogen wird, gibt es diese Möglichkeit nicht.

 

Diese Situation ist auch für die Justizwachebeamten eine Herausforderung. In der Studie des Boltzmann Instituts kommen sie nicht gut weg. Zwar kämen körperliche Übergriffe von Seiten der BeamtInnen kaum vor, die Androhung und Durchführung von Strafen würden von den Insassen aber vielfach als Demütigung empfunden. „Wenn sich zwei Jugendliche in den Haaren liegen, dann muss man eingreifen, das geht dann sicherlich nicht zärtlich ab“, meint Anstaltsleiterin Neuberger-Essenther. Das Hauptproblem sind die mangelnden finanziellen und personellen Ressourcen. In der Strafanstalt Gerasdorf kommen auf 30 Häftlinge nur zwei BeamtInnen – ohne spezielle Schulung im Umgang mit schwierigen Jugendlichen. Für das gesamte Haus mit bis zu 120 Insassen gibt es eine einzige Sozialpädagogin, die sich nur um die bedürftigsten Häftlinge kümmern kann – 18 sind es momentan. In der Justizanstalt Wien-Josefstadt, die die meiste Zeit überbelegt ist und in der hauptsächlich erwachsene Straftäter untergebracht sind, ist die Situation weitaus prekärer. Es wäre schon möglich, dass MitarbeiterInnen aus der Jugendabteilung abgezogen werden, wenn man sie anderswo braucht, vermutet Neuberger-Essenther.

 

 

Reformen dringend nötig

Nach drei Monaten Untersuchungshaft wurde Momo freigelassen. Die Richter waren zu dem Schluss gekommen, dass er aus Notwehr gehandelt hat. Doch die Zeit in der Justizanstalt Wien-Josefstadt  sollte ihn prägen: „Drinnen hast du dich viel geschlagen, hast immer Stress gehabt. Wenn du dann rauskommst, fühlst du dich wie Rambo, glaubst, du kannst es mit jedem aufnehmen.“

 

Margitta Neuberger-Essenther wünscht sich, dass die Untersuchungshaft für Jugendliche abgeschafft wird. Man reiße damit Menschen aus der Gesellschaft, aus einer möglicherweise intakten Situation. Alternativen zur Haft müssten gefunden werden. „80 Prozent der Gewalttäter in Gerasdorf waren selbst Opfer“, sagt sie. Opfer von Misshandlungen im näheren Umfeld. Wenn es in der Familie des Jugendlichen Probleme gibt, müsse man dort Betreuung anbieten, sodass sie dem Jugendlichen wieder Stabilität geben kann. Aber dazu müsste der Staat Geld in die Hand nehmen. Nachdem es in der Justizanstalt Wien-Josefstadt zur Vergewaltigung eines 14-jährigen Jugendlichen gekommen war, ist eine breite Debatte aufgebrochen. Neuberger-Essenther hofft, dass die Thematik nach den Nationalratswahlen nicht einfach von der politischen Agenda verschwindet – denn im Jugendstrafvollzug wären Reformen dringend notwendig.

 

Im Gefängnis machte sich Momo viele Gedanken: warum er das gemacht hat, dass jetzt überall vermerkt wäre, dass er in Haft war, dass er womöglich keine Arbeit mehr findet. Hilflos kehrt er nach der Zeit in Untersuchungshaft in die Gesellschaft zurück. Niemand ist da, der ihn auffängt. Als Momo das Gebäude in der Josefstadt verlässt, nimmt er sich vor, nie wieder Blödsinn zu machen. „Aber nach zwei Tagen machst du wieder denselben Scheiß“, sagt er. Barbara Unterlerchner sieht solch eine Situation kritisch: „Da drinnen verfestigt sich womöglich das, was man von draußen schon kennt: dass Gewalt eine Konfliktlösungsstrategie ist.“ Die Haft würde das Problem im Grunde verstärken, die Rückfallquoten erhöhen.

 

Momo will keine Probleme mehr. Trotzdem sind sie da: Rechnungen vom Finanzamt, die er nie beglichen hat; Vorladungen zum AMS, nachdem er seine Lehre ein halbes Jahr vor Abschluss abgebrochen hat; Inkassoforderungen eines Unternehmens, von dem er nicht weiß, wofür es Geld will. Seine Fäuste setzt er immer noch ein, wenn er es für notwendig hält. „Nur so werde ich respektiert“, ist er sich sicher. Ein Teufelskreis, aus dem er ohne Hilfe womöglich nicht herauskommt. Momos Eltern haben nie erfahren, dass er in Haft war. Der ältere Bruder durfte ihn dort nicht besuchen. Warum, das hat man Momo nicht gesagt. Etwas verunsichert fragt er einmal am Telefon: „Du wirst mich doch besuchen, wenn ich wieder in Haft bin, oder?“ Heute ist sich Momo sicher: Wenn sein Vater und seine Mutter hier bei ihm gewesen wären, wäre er nicht im Gefängnis gelandet.

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