So etwas wie eine Antrittsrede
[Dokumentation] Am 4. April 2000 wurde Georg Danzer Vorsitzender von SOS Mitmensch. In einer Antrittsrede äusserte er sich zu seinem Verständnis der Funktion und zur aktuellen Lage Österreichs.
Als ich am 23. Jänner 1993 auf der Bühne auf dem Heldenplatz bei der ersten Veranstaltung von SOS Mitmensch, dem „Lichtermeer“ das Lied vom „alten Wessely“ sang, ging es um das sogenannte „Ausländervolksbegehren“. Es wurde verhindert.
Heute, im Jahr 2000 und in Zeiten wie diesen signalisiere ich mit der Übernahme der Funktion des Vorsitzenden meine Solidarität mit Sos-Mitmensch und mit jenen Menschen, in deren Interesse dieser Verein handelt.
Kann man sich hier zu Hause fühlen?
In einem Österreich, das ohne größere Erregung über den Tod von Marcus Omofuma im Jahre 1999 hinweggegangen ist - dieses (soll ich sagen?) „Ereignis“ fiel noch in die Verantwortlichkeit einer rot-schwarzen Regierung -, in einem Österreich, in dem Verletzungen an Körper, Seele, Geist und Würde von Menschen aus dem Ausland durch „echte ÖsterreicherInnen“ nach wie vor an der Tagesordnung sind, in einem Österreich, in dem ca. ein Viertel der WählerInnen sich bei der letzten Wahl entscheiden konnte für eine Partei, deren Wahlkampf mit extrem ausländerfeindlichen Parolen geführt wurde und deren damaliger Vorsitzender lange davor schon nachweislich mehrfach apologetische Kommentare zum Naziregime abgegeben hatte, in einem solchen Österreich möchte und kann ich mich nicht zu Hause fühlen.Bohrendes Unlustgefühl
Ich schäme mich zwar nicht für dieses Land, das zum Teil bevölkert ist von großartigen Menschen - und viele von ihnen kamen und kommen aus dem Ausland -, aber ich fühle ein großes Unbehagen, ein bohrendes Unlustgefühl , eine tiefe Verdrossenheit.Fehler bei sich selbst suchen
Daran möchte ich, auch aus ganz egoistischen Gründen im Bezug auf mein persönliches Wohlbefinden, etwas ändern.Osterreich hätte im Grunde genommen jetzt die einmalige Chance, all das an Trauerarbeit nachzuholen, was es auf diesem Gebiet seit dem Ende des 2. Weltkrieges versäumt hat.
Wenn eine Sache schief läuft, und im Moment läuft hier im Lande so einiges schief, dann sollte man immer zuerst einmal die Fehler bei sich selbst suchen. Weil man sie dort am ehesten bereinigen kann, wenn man sie gefunden hat.
Wir beobachten seit geraumer Zeit mit erstaunten bis schreckgeweiteten Augen die Reaktionen aus dem Ausland, wir entrüsten uns über die Sanktionen, zum Teil vielleicht sogar zu Recht, aber wir - das ist mein persönlicher Eindruck- haben noch immer nicht ganz begriffen, daß die Reihe nun an uns ist, etwas Grundlegendes in unserem Heimatland zu erkennen und zu ändern, damit sich die Lage wieder, und diesmal tatsächlich, entspannt und verbessert.
Keine Entschspannung
Aber solange an den Stammtischen hierzulande immer offener antisemitische, rassistische und frauenfeindliche Witze erzählt und belacht werden, solange es immer wieder zu Übergriffen der Exekutive gegenüber Ausländern, welcher Herkunft und Hautfarbe sie auch immer sein mögen, gegenüber ethnischen und religiösen Minderheiten und Andersdenkenden kommt, solange der vielzitierte kleine Mann sein sogenanntes gesundes Volksempfinden als ekelhaften Auswurf unbeanstandet auf die Straße spucken kann, solange der angeblich so gesunde Hausverstand seine Substanz aus Vorurteilen, Vorverurteilungen, Fremdenhaß, Gleichgültigkeit, Mitleidslosigkeit, Borniertheit, Intoleranz, Unbelehrbarkeit, Ignoranz, Denkfaulheit, Desinteresse, Nichts-dazulernen-wollen, gezielter Fehlinformation, Kritiklosigkeit, Bequemlichkeit, Aufgeblähtheit und Arroganz nährt, solange verhetzt wird und Haß geschürt wird, solange der ehemalige Vorsitzende der FPÖ nach wie vor alles tut, um dieses Land zu isolieren, weil ihm offenbar bewußt ist, daß er es nur als ein völlig isoliertes, von „wir sind wir und das Ausland hat uns nichts zu sagen“ - Schreiern bevölkertes „übernehmen“ kann, solange die Superburschen und die Leiwanden Hawerer hier stets die wahren Helden sind, solange wird sich die Lage nicht entspannen.Gelassenheit
Auch wenn man sie noch so gelassen sieht. Diese Gelassenheit kommt mir vor wie eine Emotionslähmung, die wiederum auf anachronistische Weise anzuspornen scheint zu einer Hyperaktivität, welche sich zwanghaft äußern muß in einer Art von Verkleidungszwang, der vielleicht einen doch zumindest optisch wahrnehmbaren Gesinnungswandel vortäuschen will.Dieser Wechsel vom Mascherl zur Krawatte, was will er uns deutlich machen ? Vielleicht hofft man ja auch, daß „das Ausland“ optische Signale erkennt und honoriert. Ich fürchte, es wird nicht genügen, die Form zu ändern. Ein bisserl geht’s schon auch um den Inhalt. Zumindest der EU. Das „Ausland“ ist nämlich zwar ausländisch aber nicht blöd. Und auf diesem inhaltlichen Gebiet tut sich nach wie vor erbärmlich wenig.
Der jetzige Bundes- und Verteidigungsminister (Herbert Scheibner, Anm.) zum Beispiel steht nach wie vor zu den ausländerfeindlichen, verletzenden, geschmacklosen, niederträchtigen Wahlkampfplakaten seiner Partei. Das ist beschämend. Sensible Gemüter schmerzt es . Und das Ausland ist im Augenblick übersensibel.
Bis wir alle „echte“ echte ÖsterreicherInnen sein können, die auch im Inland erhobenen Hauptes einherschreiten, das wird noch einige Zeit dauern. Und die sollten wir nützen.
Vielleicht schaffen wir es ja, anständige BürgerInnen eines Österreich zu werden, durch das kein unsichtbarer Riß mehr geht, keine Kluft, die uns voneinander so schmerzlich trennt.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Georg Danzer







