Thema:Demokratie und Recht
Kurz davor ist es passiert
[Redaktion] Anja Salomonowitz' künstlerische Auseinandersetzung mit Frauenhandel ist auch eine Beschäftigung mit der Repräsentation von Unrecht und der Viktimisierung von Opfern. Ab 1. Oktober im Gartenbau-Kino.
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Am 1. Oktober kommt Anja Salomonowitz' vielbeachtete Auseinandersetzung mit Frauenhandel ins Kino. Die Regisseurin zeichnet Geschichten von gehandelten Frauen nach, ohne dass diese dabei ins Bild kommen. Die biografischen Erzählungen, die in Zusammenarbeit mit LEFÖ erarbeitet wurden, werden von ZeugInnen, BeobachterInnen oder TäterInnen vorgetragen. Damit wird vermieden, die Frauen erneut zu viktimisieren.
Viktimisierung vermeiden
Ein Problem, das sich in der politischen Menschenrechts- und Flüchtlingsarbeit ständig stellt: Wer Öffentlichkeit für strukturelle Probleme herstellen möchte, gerät in die Zwickmühle zwischen Schutz der KlientInnen und medialen Gesetzmässigkeiten. "Hast an Fall?", lautet die Frage von JournalistInnen, wenn man auf ein Problem aufmerksam machen will.Die Chronikalisierung der Menschenrechte in der medialen Berichterstattung ist soweit fortgeschritten, dass das Thema nur noch über Einzelschicksale erzählt wird. Und in dem Ausmaß, in dem den Anforderungen der Medienmaschinerie nachgegeben wird, steigen deren Forderungen: Der Stellenwert des Bildes wird immer größer. War es vor 10 Jahren noch sehr unüblich, "Fälle" in Presse und TV abzubilden, so sind die damals obligatorischen Balken oder "Verpixelungen" heute verpönt. Das geht soweit, dass "Geschichten sterben", weil das nötige Bildmaterial nicht verfügbar ist. Dass hier der Schutz der KlientInnen unter Druck kommt, versteht sich von selbst.
Die Rollen im medial inszenierten Konflikt
Eine ebenso wesentliche Frage sperrt sich noch viel stärker gegen die massenmediale Problemvermittlung als dramaturgisch inszenierter Konflikt. Wo die Emotionalisierung als wesentliches Vermittlungselement dient, sind die Rollen klar verteilt. Und das Set an Rollen und deren Handlungsspielräume ist klar beschränkt: Wir (die BeobachterInnen), das Opfer, der/die TäterIn.Das Opfer ist in diesem Stück zur passiven Erduldung der Tat verdammt. Das Opfer kann nicht als stark und selbstbestimmt dargestellt werden. Das zerstört die Dramaturgie. Für eine politische Menschenrechtsarbeit, die auf die Selbstermächtigung von Betroffenen setzt, keine befriedigende Ausgangslage. Hier kollidiert die Technik der massenmedialen Vermittlung mit dem Anspruch, nicht bloß StellvertreterIn der Betroffenen zu sein, sondern Räume zu eröffnen, in denen die Opfer aus ihrem Status heraustreten können und zu aktiven Subjekten werden.
Keine politische Menschenrechtsarbeit ohne neue Rollenverteilung
Wie verstörend eine Inszenierung wirkt, in der die Rollen nicht traditionell verteilt sind, kann man an "Kurz davor ist es passiert" am eigenen Leib erfahren. Dies offen zu legen, darin liegt aus Sicht der Menschenrechts-und Antirassismusarbeit die eigentliche Leistung der Arbeit Salomonowitz'. Einen Ausgangspunkt für die Erkenntnis zu liefern, dass sich auch die Beschreibung des Unrechts ändern muss.... kommentieren




