„Strike a Pose“ in Ungarn
DOSSIER. Während in Ungarn die Rechte queerer Menschen zunehmend durch die Politik eingeschränkt werden, organisieren sich im Untergrund Räume des Widerstands. Einer davon liegt in einem Budapester Wohnhaus. Hier trainiert eine Gruppe der sogenannten „Ballroom-Community“ und schafft sich auf der Tanzfläche einen Schutzraum, den es außerhalb kaum noch gibt.
Reportage: Judith Kantner.
Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.
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In einer ruhigen Wohngegend, ein paar Gehminuten vom Budapester Bahnhof entfernt, liegt im Erdgeschoss eines Wohnhauses das Tanzstudio „Vibes and Stuff“. Vor dem Eingang des Studios steht Dominik G., ein Psychologiestudent aus Ungarn. Er zieht hastig an seiner Zigarette, die Probe hat längst begonnen. Ein letzter Zug, dann verschwindet er im Inneren des Studios. Wenige Augenblicke später kommt er aus der Garderobe zurück: Die Jeans sind Hotpants gewichen, die Sneaker hohen Absätzen. Dominik ist jetzt Vanessa, seine Ballroom-Persona.
Im Tanzsaal ist die Luft schwer. Ventilatoren surren, doch sie bringen an diesem ungewöhnlich warmen Herbsttag kaum Erleichterung. Vanessa gesellt sich zu den anderen Tänzer:innen, dehnt sich, wärmt sich auf. Ein kurzer Blick in den Spiegel, ob das Outfit sitzt, dann greift sie zum Handy. Ein paar Wischbewegungen über das Display und schon füllt treibender Sound den Raum. Die Tänzer:innen reagieren sofort auf die schnellen Beats und versammeln sich im Kreis. Das Training beginnt.

Ein "Ball" Mitte März 2025 in Budapest: Queere Menschen kommen hier zusammen, um zu tanzen, zu performen und gegeneinander anzutreten. Die Ballroom-Culture entstand in den USA. | Foto: Frank R. Schröder
Ein Raum, der mehr ist als eine Bühne
Was hier geprobt wird, ist Teil der sogenannten „Ballroom Culture“ – einer queeren Subkultur, deren Ursprünge im 19. Jahrhundert in den USA liegen. Ab der Mitte des 20. Jahrhunderts entstanden dann vor allem im New Yorker Stadtteil Harlem Räume, in denen Schwarze, lateinamerikanische, queere und trans Personen zusammenkamen, um zu tanzen, zu performen und bei sogenannten „Balls“ gegeneinander anzutreten. Ballroom bot, damals wie heute, vielen von ihnen Schutzräume – in einer Gesellschaft, die sie aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Geschlechtsidentität ausgrenzte.
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IM TANZSTUDIO WIRD AUS DOMINIK G.
DIE BALLROOM-PERSONA VANESSA.
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Organisiert ist die Szene bis heute in sogenannten „Houses“. Diese „Houses“ fungieren nicht nur als Teams für Wettbewerbe, sondern vor allem als soziale Netzwerke und Wahlfamilien. „Die Häuser sind im Grunde jene Gruppen, die zur Wahlfamilie von queeren Menschen wurden – von Menschen, die zum Beispiel von ihren Familien auf die Straße gesetzt, verlassen oder ausgeschlossen wurden“, erklärt Dominik. Diese Form des Zusammenhalts sei zentral für die Ballroom Culture: „Viele würden sagen, dass Familie einer der wichtigsten und grundlegendsten Werte von Ballroom ist.“
Bis heute ist Ballroom mehr als Tanz oder Wettbewerb. Es ist ein soziales Gefüge mit klaren Werten: gegenseitige Unterstützung, Zugehörigkeit und Selbstermächtigung. Die Mitglieder treten in Kategorien gegeneinander an wie beispielsweise „Voguing“, „Runway“ oder „Realness“. Der Tanzstil „Voguing“ ist mitunter einer der bekanntesten Bestandteile der „Ballroom Culture“. Er zeichnet sich unter anderem durch expressive Bewegungen und Posen aus, die von Models aus Modemagazinen, wie die der „Vogue“, inspiriert sind. „Strike a pose“ heißt es dann, also wirf dich in Pose. Die jeweiligen Kategorien sind Ausdruck davon, den eigenen Körper zurückzufordern und ihn so zu präsentieren, wie man selbst gesehen werden möchte.

Mehr als Training: Die Houses sind nicht nur Teams für Wettbewerbe, sondern oft auch die Wahlfamilie von queeren Menschen, die zum Beispiel von ihren Familien ausgeschlossen wurden. | Foto: APA-Images / APA / Max Herbst
Von der Provinz auf internationaleBühnen
Dominik G. ist seit rund vier Jahren Teil der Budapester Ballroom-Szene. Seither tritt er regelmäßig auch auf internationalen „Balls“ auf, unter anderem in Zagreb, Berlin, Rotterdam und Mailand. Aufgewachsen ist er eigentlich in einer ländlichen konservativen Region in Ungarn. Er pflegt zwar ein gutes Verhältnis zu seiner Familie, allerdings fährt er nur ungern in seine Heimat zurück. In seiner Schulzeit hat Dominik G. Erfahrungen mit Diskriminierung durch seine Mitschüler:innen gemacht. „Für mich persönlich war das lange Zeit sehr schwierig. Vor allem, weil es keine queere Repräsentation gab, keine sichtbaren queeren Menschen. Wie viele andere hatte ich ständig das Gefühl, damit allein zu sein – dass niemand sonst so ist wie ich“, erinnert er sich.
„Es fühlt sich sehr surreal an, wenn ich jetzt hier in Budapest bin und mein Leben genieße. Ich genieße die Räume, in denen ich mich bewege, weil ich mir hier aussuchen kann, in welchen Räumen ich sein möchte“, sagt Dominik. „In Szolnok gibt es diese Wahlmöglichkeiten nicht. Wenn ich dort an einem Freitagabend ausgehe, denke ich ständig daran: Wer wird mich beschimpfen? Wer wird mich verprügeln?“
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BALLROOM IST GEGENSEITIGE UNTERSTÜTZUNG,
ZUGEHÖRIGKEIT UND SELBSTERMÄCHTIGUNG.
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Deutliche Verschärfungen
In den vergangenen Jahren hat die ungarische Regierung unter Viktor Orbán die Rechte queerer Menschen schrittweise eingeschränkt. Im Frühjahr 2025 wurde vom Parlament eine Verfassungsänderung bewilligt, die es der Regierung erlaubt, Versammlungen mit LGBTQ+-Bezug zu verbieten. Darunter fallen die Pride-Paraden, wo Organisator:innen und Teilnehmende mithilfe von Gesichtserkennungstechnologien identifiziert und mit Geldstrafen belegt werden können. Diese gesetzlichen Verschärfungen betreffen inzwischen auch konkrete Personen. Der oppositionelle Bürgermeister von Budapest, Gergely Karácsony, sieht sich mittlerweile mit einer Anklage konfrontiert, nachdem er sich über ein polizeiliches Verbot hinweggesetzt und die Pride-Parade in Budapest organisiert hatte. Auch in der südungarischen Stadt Pécs läuft derzeit ein Strafverfahren gegen den Organisator Géza Buzás-Hábel. Im Falle einer Anklage droht ihm eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr.
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IN DEN LETZTEN JAHREN WURDEN DIE RECHTE QUEERER
MENSCHEN IN UNGARN EINGESCHRÄNKT.
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Gleichzeitig zeichnen Umfragen ein anderes Bild der Gesellschaft. 2023 ergab eine Befragung der ungarischen LGBTQ+-Organisation „Háttér Society“, dass knapp die Hälfte der ungarischen Bevölkerung die Ehe für alle befürwortet. Auch eine deutliche Mehrheit spricht sich dafür aus, dass trans Personen ihren Namen und ihr Geschlecht in offiziellen Dokumenten ändern dürfen. Doch gerade weil LGBTQ+-Rechte an sich in der Bevölkerung kein stark polarisierendes Thema darstellen, rahmt die Regierung sie in der politischen Kommunikation unter dem Vorwand des „Kinderschutzes“. Im Jahr 2021 wurde mit der „Gesetzesnovelle für ein strengeres Vorgehen gegen pädophile Straftäter und für den Kindesschutz“ verboten, dass Minderjährige an Schulen über Queerness aufgeklärt werden dürfen.

Vanessa ist seit vier Jahren Teil der Budapester Ballroom-Szene. Hier wirft sie sich im Sommer 2024 in Berlin in Pose: für queere Freude und Selbstermächtigung. | Foto: Kovács Bálint
Was bleibt, wenn alle gehen?
Mitte April findet in Ungarn die Parlamentswahl statt, bei der Viktor Orbán erstmals seit 16 Jahren sein Amt verlieren könnte. In Umfragen liegt Péter Magyar vorne, der für die liberal-konservative Tisza-Partei antritt. Viele Menschen setzen auf einen politischen Umbruch, manche sprechen von der Hoffnung auf einen „Regimewechsel“. Doch Magyar hat sich bislang kaum klar für queere Rechte ausgesprochen und die Erfahrung der vergangenen Jahre hat viele müde gemacht. In der Community wird offen darüber gesprochen, Ungarn zu verlassen. „Wer möchte schon seine Steuergelder für dieses System zahlen? Wir wollen diese ganze Hasspropaganda nicht ständig sehen, doch genau das prägt derzeit das Land“, so beschreibt Dominik G. die Stimmungslage in der Community. Auch wenn ihn die politische Lage in Ungarn belastet und er mit Sorge in die politische Zukunft blickt, will Dominik G. vorerst nicht weg. „Ich würde gerne für dieses Land arbeiten, in Zukunft auch als Psychologe. Denn ich würde gerne meinen Beitrag zu einer Veränderung leisten.“ Den nötigen Rückhalt dafür findet er in der Ballroom-Community: in einem Umfeld, das Solidarität bietet, Zugehörigkeit schafft und ihm den Raum gibt, so zu sein, wie er ist.
Wenn Dominik am Ende der Probe erschöpft die High Heels auszieht, bleibt mehr als Schweiß auf dem Parkett zurück. Er verteidigt einen Ort, an dem queeres Leben nicht nur geschützt, sondern gefeiert wird – Schritt für Schritt, Pose für Pose.
Judith Kantner ist freie Journalistin. Ihre Arbeit fokussiert sich auf Desinformationen, queere Lebensrealitäten und Machtverhältnisse in Gesellschaft und Medien.
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