„Ähnliche Diskursmuster wie vor 150 Jahren“
WELT. Antimuslimische Ressentiments sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Der Antisemitismusforscher Gerald Lamprecht erklärt, welche historischen Muster sich in heutigen Debatten wiederfinden und warum der Satz „Muslime sind die neuen Juden“ dennoch in die Irre führt.
Interview: Naz Küçüktekin.
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Sie passen nicht zu unserer Kultur, ihre religiösen Praktiken sind rückständig, ihre Lebensweise bedroht das Eigene: Solche Bilder prägen heute Teile der politischen Debatte über Muslim:innen weit über das rechte Spektrum hinaus. Neu sind die dahinterliegenden Diskursmuster nicht unbedingt. Der Historiker und Antisemitismusforscher Gerald Lamprecht erklärt, wo sich Parallelen erkennen lassen, aber auch weshalb Antisemitismus und antimuslimischer Rassismus dennoch nicht gleichgesetzt werden dürfen.
Was beobachten Sie derzeit hinsichtlich des antimuslimischen Rassismus in Österreich?
In den vergangenen Jahren beobachten wir deutliche Tendenzen gesellschaftlicher Polarisierung und Radikalisierung. Das lässt sich auch mit Zahlen belegen: anhand der Berichte der „Antisemitismusmeldestellen“ der IKG, der Berichte der Dokumentationsstelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus, des Vereins ZARA, des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes oder des Verfassungsschutzes. Auch wenn man sich mit Antisemitismus beschäftigt, muss man ihn in eine gesamtgesellschaftliche Situation einbetten. Dadurch wird man zwangsläufig auch auf antimuslimischen Rassismus aufmerksam.

Gerald Lamprecht sieht Parallelen sowie Unterschiede zu Antisemitismus. | Foto: CJS
Woher kommt diese Zunahme?
Seit den frühen 2000er-Jahren erleben wir eine Aneinanderreihung von Krisen: die Finanzkrise 2008, militärische Konflikte wie den Ukrainekrieg, den Nahostkonflikt oder den Krieg in Afghanistan und natürlich die Covid-Pandemie. Mit den Krisen gehen gesellschaftliche und politische Verwerfungen einher. Ein wesentlicher Faktor ist außerdem die massiv gestiegene Bedeutung sozialer Medien. Die Logik sozialer Medien befeuert Strömungen, die polarisieren und emotionalisieren. Unsicherheiten werden in scheinbar einfache Lösungen und Abwehrstrategien kanalisiert. Eine solche Abwehrstrategie ist meiner Meinung nach auch die Migrationsabwehr, die in den letzten Jahren stark auf muslimische Zuwanderung abzielt.
Lassen sich hier auch historische Parallelen ziehen?
Ich habe mich beispielsweise mit der Schächtdebatte beschäftigt. Ab den 1870er-Jahren gab es, ausgehend von Sachsen und ziemlich zeitgleich auch in Österreich, eine massive Debatte über das rituelle Schlachten bei Juden, die auf ein Verbot abzielte. Im Kern war das eine Migrationsabwehrdebatte. Argumentiert wurde damit, diese Schlachtmethode sei mittelalterlich, rückwärtsgewandt, „vorderasiatisch“ und passe nicht zu „unserer“ Kultur. Auch der Tierschutz wurde als Argument herangezogen. Im Endeffekt ging es aber darum, eine für das religiöse Leben von Jüdinnen und Juden relevante Praxis zu verbieten und damit jüdisches Leben in Österreich zu erschweren oder gar unmöglich zu machen. Wenn man sich heutige Debatten über Halal ansieht, findet man teilweise erstaunlich ähnliche Diskursmuster wie vor 150 Jahren. Auch hier würde ich sagen, dass es im Kern häufig um eine Migrationsabwehrdebatte geht, die im Gewand des Tierschutzes, der Kultur und der Frage nach Zugehörigkeit geführt wird.

Wer gehört dazu, wer nicht? In den vergangenen Jahren hat sich die Mobilisierung gegen muslimisch geprägte Zuwanderung nochmal verschärft. | Foto: Kareem Abo eEl Magd, Unsplash
Erinnert das nicht auch an Diskussionen rund um den Fastenmonat Ramadan? Dort wird häufig nur die Sorge um das Wohl von Kindern und Jugendlichen in den Vordergrund gestellt.
Im Prinzip wird damit eine Frage von Identität verhandelt: Wer darf hier sein und wer nicht? Wer gehört dazu und wer nicht? Natürlich mag es Menschen geben, die tatsächlich um das Wohl von Kindern besorgt sind. Im politischen Diskurs geht es aber vielfach um eine Mobilisierung gegen eine Gruppe.
Gibt es darüber hinaus wiederkehrende Muster in politischen Debatten?
Es geht letztlich immer um Identität, um die Frage kultureller und nationaler Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit. Dabei werden historische Rückbezüge hergestellt, die teilweise schlicht nicht stimmen. Da gibt es etwa die Vorstellung eines lange Zeit ausschließlich christlichen Abendlandes. Irgendwann wurde daraus das „christlich-jüdische Abendland“. Wenn rechte Politiker:innen oder Rechtsextreme das Kreuz für sich entdecken, wird massiv gegen muslimische Zuwanderung opponiert und ein Europa imaginiert, zu dem der Islam angeblich nicht gehöre. Dabei wird vergessen, dass der Islam seit Jahrhunderten Teil europäischer Kultur und Geschichte war und ist. Schon 1912 wurde der Islam in der Habsburgermonarchie als Religionsgemeinschaft anerkannt.
Wiederkehrende Muster finden sich auch in gegenwärtigen antimuslimischen Darstellungen und Karikaturen. Muslime werden als kulturlos, barbarisch, „nicht westlich“, rückständig oder ungebildet dargestellt. Ähnliche Muster und Bilder findet man tatsächlich auch in der Geschichte des Antisemitismus.
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„Ähnliche Muster findet man in der Geschichte des Antisemitismus.
Dennoch ist er ein eigenständiges Phänomen.“
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Vor diesem Hintergrund hört man manchmal: „Muslime sind die neuen Juden.“ Warum ist dieser Vergleich schwierig?
Die weltanschauliche und ideologische Grundlage der Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden liegt im Antisemitismus und Antijudaismus. Diese haben eine über zweitausendjährige Geschichte in Europa und sind eng mit der Geschichte des Christentums verbunden. Antisemitismus ist daher ein eigenständiges Phänomen, das auch als solches betrachtet werden muss. Antimuslimischer Rassismus weist durchaus Elemente auf, die wir auch aus dem Antisemitismus kennen. Dennoch gibt es auch eine Reihe von Unterschieden zwischen den beiden Ideologien.
In dieser Unterscheidung liegt aber keine Wertung. Die Phänomene haben trotz einiger Ähnlichkeiten auch zahlreiche unterschiedliche historische und ideologische Fundierungen.
Was können wir aus der Geschichte des Antisemitismus lernen, um heutige Formen der Ausgrenzung zu erkennen und zu verhindern?
An der Geschichte des Holocaust sehen wir, wohin Antisemitismus, Ausgrenzung und Radikalisierung führen können – insbesondere in Verbindung mit der Aushöhlung demokratischer Werte, der Rechtsstaatlichkeit und einer kritischen Öffentlichkeit. Daraus kann man lernen, dass das, was wir als liberale demokratische Gesellschaft verstehen – eine plurale Gesellschaft, die Vielfalt zulässt –, nicht selbstverständlich ist. Dafür gilt es einzustehen und zu kämpfen.
Gerald Lamprecht ist Leiter der Arbeitsgruppe Antisemitismusforschung am Institut für Kulturwissenschaften der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sowie Professor für jüdische Geschichte und Zeitgeschichte an der Universität Graz.
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