Coole Männer gefragt
DOSSIER. Junge Männer brauchen Vorbilder. Doch wo sind diese heutzutage abseits von Radikalisierung und der Manosphere zu finden? Eine Begegnung mit drei Männern, die im realen Leben an coolen Männlichkeitsbildern arbeiten.
Text: Dennis Miskić, Fotos: Karin Wasner.
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Wie hat ein Mann zu sein? Stark und dominant. Er soll nicht nach Hilfe fragen und keine Schwäche zeigen. Der Versorger des Haushalts eben. Solche Sätze fallen heute in Feeds und Videos und stehen in den Kommentarspalten auf Social Media. Sie tauchen auf zwischen Trainingsplänen, Finanzratschlägen und Clips, in denen Männer erklären, wie man „sein Leben in den Griff bekommt“. Und diese Ideen finden online ein Publikum, das größer ist, als es davor war. Zwischen alten Erwartungen und neuen Unsicherheiten ist etwas ins Rutschen geraten: Das klassische Männerbild verliert seine Selbstverständlichkeit. Doch junge Menschen suchen nach Vorbildern. Und wer keine Vorbilder im Umfeld findet, sucht sie in der digitalen Welt. Deshalb überrascht es auch nicht, dass sich seit den 2010er-Jahren die sogenannte Manosphere etablierte. Gemeint sind damit verschiedene Influencer, die von Grund auf eine frauenfeindliche Einstellung und dominante Männlichkeit vertreten. Sie sind kein einheitliches Netzwerk. Viele haben unterschiedliche Ansichten. Manche sprechen über Selbstoptimierung, auch Looksmaxing genannt, während es anderen um dominantes Verführen und das Beherrschen der weiblichen Sexualität geht. Gemein haben sie, dass die eigene Reichweite zum Geschäftsmodell wird. Sie verkaufen Online-Coachings oder Finanztipps. Dass ihre Aussagen provozieren, wissen sie, es gehört zum Business. Sie füllen ein Vakuum für viele junge Männer, die ihre eigene Identität noch nicht ganz ergründet haben.
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HEUTE MÖCHTE AHMAD MITAEV ANDERE DAVON
ABHALTEN, DEN GLEICHEN WEG EINZUSCHLAGEN.
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Was es bedeutet, wenn greifbare Vorbilder ausbleiben, erlebte auch Ahmad Mitaev. Er wurde mit 14 Jahren wegen Raubverdachts festgenommen. Auf der Polizeistation soll er einen Polizisten angespuckt und geschlagen haben, nachdem ihn dieser mit einer abfälligen Bemerkung über seine Schwester provoziert haben soll. Daraufhin kommt er in U-Haft. Die Probleme hören nicht auf. Er berichtet, in seiner Gefängniszelle von Justizbeamten fast totgeschlagen worden zu sein. Ein fehlender Zahn im Gebiss erinnert bis heute daran. Vor Gericht heißt es, er hätte sich den Schaden selber zugefügt. Aussage gegen Aussage. Acht Beamte gegen einen tschetschenischen Jugendlichen. Das Verfahren wird eingestellt. Im Gefängnis wird er später weiter schikaniert. Er berichtet davon, wie sein Strom früher abgedreht, das Frühstück mal vergessen und die Zelle regelmäßig grundlos durchwühlt wird. In seinem Koranexemplar werden Seiten rausgerissen oder mit Kaugummis zusammengeklebt, sagt Mitaev. Er ist zu dieser Zeit am Boden seiner Gefühlslage. Innerhalb kurzer Zeit hat er zu viele bedrückende Erfahrungen gemacht. Warum ausgerechnet er? Wie konnte es dazu kommen? In diesem Gefühlszustand wird er innerhalb weniger Wochen von IS-Propagandisten rekrutiert. „Ich habe mir damals gedacht: Das ist es. Ich war das perfekte Opfer“, sagt er heute rückblickend. Seine Schwester und sein Vater können ihn schließlich noch davon abhalten, nach Syrien zu fliegen und dort zu kämpfen. Mit seinem Vater führt er danach stundenlange Gespräche über die radikalen Ansichten.

Seine Schwester und sein Vater konnten Ahmad Mitaev davon abhalten, nach Syrien zu fahren und für den IS zu kämpfen. Heute gibt er selbst Workshops und klärt auf Social Media auf. | Foto Karin Wasner
Selbst zum Vorbild
Heute möchte Ahmad Mitaev andere junge Menschen davon abhalten, den gleichen Weg einzuschlagen. Sein TikTok-Kanal hat über 40.000 Follower:innen mit Videos, die regelmäßig über 50.000 Mal angesehen werden. In Workshops spricht er mit Jugendlichen, die selbst gefährdet sind, in ähnliche Muster zu geraten. Seinen Weg hat die Journalistin Edith Meinhart in dem Buch „Cop und Che“ aufgeschrieben.
Mitaev versucht heute, sein Leben nach der tschetschenischen Kultur und dem islamischen Glauben auszurichten. Er bezieht sich vor allem auf eine Lehrgeschichte rund um den Propheten Muhammad und Ali ibn Abi Talib. Der Prophet soll darin immer nach Recht und Unrecht entscheiden. „Nach diesem Prinzip lebe ich heute. Es zeugt nämlich auch von Männlichkeit und Stärke, seine Schuld manchmal einzusehen“, sagt Mitaev.
Anfeindungen musste sich der Tschetschene schon viele anhören. Sie reichen von „Schläfer-Terrorist“ bis hin zu Leuten, die ihm den Glauben abgesprochen haben. Er geht locker damit um. Seine Identität und seine Meinungen habe er sich über lange Zeit aufgebaut und rät das auch der jüngeren Generation: „Hinterfragt, was ihr hört, recherchiert, schlagt nach und versucht immer, etwas Besseres zu finden.“
Beim Interview sitzt ein junger Schüler dabei, den Mitaev gerade betreut. Er war der Justiz wegen Verbreitung von IS-Propaganda ins Auge gefallen. Die beiden haben sich kennengelernt, als Mitaev einen Workshop an seiner Schule gab. Es beeindruckte den jungen Schüler, dass dieser aus eigener Erfahrung sprechen konnte. Heute weiß er, dass die Inhalte, die er geteilt hatte, falsch waren.
Selbst als Vorbild bezeichnen würde sich Ahmad Mitaev trotzdem nicht. „Vorbilder sollte man sich selbst aussuchen. Man kann sich auch von verschiedenen Personen gute Bausteine zusammenfügen und dann versuchen, selbst ein Vorbild für andere zu sein“, sagt er. Eines seiner Grundprinzipien lautet: „Jeden so respektieren, wie ich mich auch selbst respektiere.“

Für Alexander Grohs war sein Vater ein wichtiges Vorbild: Er wechselte vom LKW-Fahrer in die Altenpflege. | Foto Karin Wasner
Orientierung zerfällt
Der Raum, in dem Vorbilder für junge Männer heute entstehen, wird immer größer – vor allem durch Social Media. Aber auch die realen Bezugspunkte verändern sich. Traditionelle Männerbilder werden kritisch hinterfragt. Gleichzeitig holen neuere Bilder wie Männer mit lackierten Fingernägeln nicht alle ab.
Die Entwicklungen der letzten Jahre hätten dazu geführt, dass junge Menschen heute sehr verschiedene Vorbilder haben – sowohl in der analogen als auch in der digitalen Welt, sagt dazu Soziologe Kenan Güngör. „Vorbilder sind nicht mehr so verbindlich. Wenn ich mich virtuell an jemandem orientiere, nimmt die Verbindlichkeit ab. Das wäre bei Personen aus der Familie anders“, sagt er. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden damit brüchiger und vielschichtiger. Es ist ein Zustand, in dem die Orientierung zerfällt.
Diese Momente beobachtet auch Fabian Reicher. Er und Ahmad Mitaev kennen sich seit mehr als zehn Jahren. Reicher ist Sozialarbeiter bei der Beratungsstelle Extremismus – dort, wo junge Menschen landen, die zwischen Ideologien, Gewaltfantasien und Identitätssuche schwanken.
Reicher beschreibt sich als Jugendsozialarbeiter mit Leib und Seele. „Ich gehe in die Grauzonen und will auch Leute erreichen, die mit ihren politischen Positionen meinen möglicherweise diametral gegenüberstehen“, sagt er. Das betreffe vor allem Themen wie Antifeminismus oder Einstellungen zu Gewalt und der Demokratie. „Ich bin der festen Überzeugung, dass man da hinein gehen muss, um für die Jugendlichen auch da zu sein.“ Dabei gehe es nicht darum, die andere Person von den eigenen Meinungen zu überzeugen, sondern mit den Jugendlichen in Begegnung zu gehen. „Man muss ihnen auch zutrauen, dass sie ihr Bild ändern können. Auch wenn es vielleicht einige Jahre dauert“, sagt der Sozialarbeiter.
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"MAN MUSS IHNEN ZUTRAUEN, DASS SIE IHR BILD
ÄNDERN KÖNNEN", SAGT FABIAN REICHER.
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Einmal ruft ihn ein Jugendlicher an und sagt, er halte es nicht mehr aus. Er hatte Probleme mit dem Jugendamt und eine schwierige Beziehung zu seiner Ex-Freundin. Er werde jetzt ins Amt gehen und seine Sozialarbeiterin mit der Kalaschnikow erschießen, sagt der Junge zu Reicher am Telefon. Dieser spricht mit ihm über seine Wut. „Wenn sie reden, bist du dran. Er ruft mich natürlich an, weil er weiß, dass ich ihn davon abhalten will. Aber wenn er mich nicht hätte, würde er vielleicht jemanden anrufen, der ihn dazu befeuern würde“, sagt er.
Am wichtigsten sei es, immer sehr bewusst als Mini-Vorbild zu agieren und es den anderen vorzumachen: Sexistische Witze werden angesprochen. Wenn jemand Hilfe braucht, wird diese geleistet. Die eigenen Fehler müssen eingestanden werden. Auch Gewaltausbrüche werden besprochen und reflektiert. „Das Wichtigste ist, dass es keinen Beziehungsabbruch gibt“, sagt Reicher. Denn wo die Beziehung abreißt und die Vorbildfunktion schwindet, entstehen Räume, die andere füllen.
Ein anderer Mann, der verstehen will, wonach junge Männer streben, ist Alexander Grohs. Er ist seit 22 Jahren im Bereich der straffälligen Hilfe und Täter:innenarbeit tätig sowie Leiter von NEUSTART in Niederösterreich und Burgenland. Grohs spricht öffentlich über Gewalt gegen Frauen und setzt sich in seiner Social Media-Arbeit dagegen ein.
„Mich hat schon immer interessiert, warum Menschen das tun, was sie tun“, sagt er. Die meisten Menschen, die Gewalt ausüben, könnten keinen Grund dafür nennen. „Wir befähigen sie in unserer Arbeit dazu, sich selbst zu hinterfragen und an ihren eigenen Bildern zu arbeiten“, sagt Grohs. „Für ihr Verhalten haben sie eine Verantwortung, aber auch für die Selbstermächtigung. Und das wollen wir ihnen mitgeben.“

Fabian Reicher begegnet den Jugendlichen auf Augenhöhe und ermutigt sie, ihre Geschichten in ihren eigenen Worten zu erzählen. | Foto Karin Wasner
Es braucht verschiedene Vorbilder
Grohs arbeitet mit vielen jungen Männern. Es sind wichtige identitätsstiftende Jahre, in denen Fragen wie „Wer bin ich?“ und „Was macht mich aus?“ ausgehandelt werden. Vielen von ihnen hatten keine positiven Vorbilder für diese Zeit. „Es fehlt ihnen an Vertrauenspersonen in ihrer direkten Umgebung, an denen sie sich orientieren können. Doch sie suchen das“, sagt Grohs. „Für viele junge Männer ist es einfacher, männliche Vorbilder zu haben, weil sie sich dann direkter in dieser Rolle sehen können. Aber es braucht verschiedenste Vorbilder, nicht nur männliche.“ Und diese unmittelbaren Vorbilder müssten für die jungen Männer vor allem emotional greifbar sein. Das bedeute, nicht nur physisch präsent zu sein, sondern auch in Interaktion zu treten und gegebenenfalls auf die eigenen Widersprüche hinzuweisen.
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VIELE HABEN KEINE VERTRAUENSPERSONEN IN
IHRER DIREKTEN UMGEBUNG, SO ALEXANDER GROHS.
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Grohs selbst nennt seinen Vater als positives und prägendes Vorbild. Er war zunächst LKW-Fahrer und ist dann in die Altenpflege umgestiegen. „Er wollte etwas mit Sinn tun und auch für andere da sein. Diese Klarheit und Selbstverständlichkeit, mit der er den Wechsel angegangen ist, hat mich sehr beeindruckt“, sagt Grohs.
Junge Männer suchen auch heute noch nicht nach dem einen perfekten Vorbild, sondern nach Menschen, die greifbar bleiben, Widersprüche aushalten und trotzdem Orientierung geben können. Die auch zeigen, wie man mit Unsicherheit, Wut und Verantwortung umgeht. Denn dort, wo Vorbilder fehlen, entstehen Leerstellen. Und diese bleiben selten lange leer.
Dennis Miskić ist freier Journalist aus Wien. Seine Anfänge machte er beim BIBER Magazin, heute schreibt er vor allem über den Balkan und Osteuropa und macht Beiträge für FM4, WZ und die FURCHE.
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Sozialarbeiter Fabian Reicher schreibt auch Bücher („Die alternative Held:innenreise“, Mandelbaum Verlag 2025) und arbeitet an verschiedenen Social-Media-Formaten. |
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Journalistin und Autorin Edith Meinhart schrieb die Lebensgeschichte von Ahmad Mitaev sowie seine Social Media-Kooperation mit Polizist Uwe im Buch "Cop und Che" (Mandelbaum Verlag 2024) auf. |
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