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29. Nov. 2025

Das Narrativ gehört uns

DOSSIER. Jahrhundertelang wurden Rom:nja verfolgt, ausgegrenzt und zum Schweigen gebracht. Nun erhebt eine Generation junger Menschen ihre Stimme und kämpft um Sichtbarkeit, Stolz und gleiche Chancen.

 

Text: Emilija Ilić, Fotos: Christopher Mavrič.

Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.

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„Schon als Kind hatte ich das Gefühl, dass die echten Österreicher, die echten Serben, die echten Türken – die, die ein Land haben – viel mehr wert sind. Sie durften groß träumen. Ich sollte meine Träume klein halten“: Denis ist 28, lebt in Wien, hat studiert, arbeitet im Marketing und teilt auf Social Media Einblicke in sein Leben. Was auf den ersten Blick gewöhnlich wirkt, ist es auf den zweiten nicht. Denn: Denis gehört zur Volksgruppe der Rom:nja, einer Minderheit, die bis heute mit strukturellem Rassismus und Vorurteilen kämpft.


Denis’ Eltern haben in jungen Jahren Serbien verlassen und sind nach Wien gekommen – mit Kleinkind an der Hand, ohne Geld und ohne ein Wort Deutsch. „Meinen Eltern war Bildung sehr wichtig, sie haben mir und meinen Geschwistern alles geboten, sogar außerschulische Förderungen. Dafür bin ich ihnen sehr dankbar“, erzählt Denis. 

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ALS ROM UND MANN MIT MIGRATIONSGESCHICHTE 
AUS DER ARBEITERKLASSE KENNT ER VIELE HÜRDEN.

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Als Mann mit Migrationsgeschichte aus der Arbeiterklasse weiß er, wie es ist, bescheiden zu leben und auf gesellschaftliche Hürden zu stoßen. Als Rom weiß er, wie es ist, Diskriminierung aufgrund der eigenen Herkunft zu erfahren. Sei es durch Lehrpersonen, die ihm den Aufstieg ins Gymnasium verwehrten, durch Alltagsrassismus oder Hass im Netz. „Als Jugendlicher war ich verwirrt, auf welche Kultur ich stolz sein soll. Viele Roma sind gesellig und musikalisch, aber auch negative Dinge wie das Stehlen werden mit ihnen verbunden. Darauf konnte ich nicht stolz sein.“ Aufgrund dieser Vorurteile hat er bis zuletzt damit gerungen, seine Herkunft auf Social Media zu thematisieren. Denis‘ Erfahrungen sind kein Einzelfall. Sie liegen in einer Geschichte, die von Jahrhunderten der Ausgrenzung geprägt ist. 

 

Stolze Rom:nja: Santino Stojka, Pia Thomasberger und Denis Sign setzen sich für die Community ein. Santino und Pia im ersten Jugendverein der Volksgruppe (HÖR), Denis auf Social Media.


Wer sind Rom:nja?
Mit rund 14 Millionen Menschen bilden Rom:nja und Sinti:zze die größte ethnische Minderheit Europas. Die Community besteht aus vielen Gruppen mit eigenen Sprachen, Traditionen und Lebensweisen. Ursprünglich stammen Rom:nja aus Indien und gelangten im Laufe der Jahrhunderte nach Europa. Beim ersten Roma-Weltkongress 1971 wurde „Roma“ als gemeinsamer Begriff für die europäische Minderheit eingeführt. Er umfasst über 40 Gruppen, darunter etwa Sinti, Lovara, Burgenland-Roma oder Kalderaša. Die älteste ansässige Gemeinschaft in Österreich ist die der Burgenland-Rom:nja. Die Sprache Romanes wurde in den 1990er-Jahren standardisiert und wird heute wieder an burgenländischen Schulen angeboten.


Während eine junge Generation heute in Kunst, Wissenschaft und Aktivismus sichtbar wird, leben viele Rom:nja weltweit noch immer in Armut und sind täglich mit strukturellem Rassismus und Ausgrenzung konfrontiert. Eine der sichtbarsten Formen dieser Diskriminierung ist bis heute die abwertende Fremdbezeichnung mit dem Z-Wort. Im Nationalsozialismus diente der Begriff als zentraler Verfolgungsbegriff, der Buchstabe Z wurde in die Haut tätowiert. Doch schon Jahrzehnte davor wurden Rom:nja und Sinti:zze in Europa überwacht, registriert und als „asozial“ abgestempelt.

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VON DEN 12.000 ROM:NJA AUS DEM BURGENLAND 
ÜBERLEBTEN NUR RUND 1.200 DEN VÖLKERMORD.

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Mit dem Anschluss 1939 begann die systematische Verfolgung: Rom:nja verloren ihr Wahlrecht, ihre Kinder durften keine Schulen mehr besuchen, Ehen mit Nicht-Rom:nja wurden verboten. Viele wurden zur Zwangsarbeit verschleppt, verhaftet oder in Konzentrationslager gebracht. Im burgenländischen Lackenbach, dem größten Rom:nja-Zwangsarbeitslager Österreichs, starben hunderte Menschen, darunter viele Kinder, an Hunger, Krankheiten und Gewalt. Ab 1941 begannen die Deportationen, zuerst ins polnische Ghetto Litzmannstadt, später in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. In der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 ermordeten die Nationalsozialisten alle verbliebenen Häftlinge des Lagers. Von den rund 12.000 Rom:nja und Sinti:zze aus dem Burgenland überlebten nur etwa 1.200 den Völkermord.


Eine Generation gegen das Vergessen
Der Völkermord an den Rom:nja bleibt weltweit und in Österreich bis heute unsichtbar. Gegen Wissenslücken wie diese setzt sich die HÖR (Hochschüler*innenschaft österreichischer Roma und Romnja) an Universitäten und Schulen ein. Der erste Jugendverein der Volksgruppe entstand 2021 mit dem Ziel, die Community junger Rom:nja zu stärken, gegen Antiziganismus einzutreten und die Rom:nja-Perspektive in der österreichischen Öffentlichkeit zu vermitteln. „Die hohen Opferzahlen der Rom:nja und Sinti:zze im Holocaust erhalten wenig Platz. Länder wie Österreich und Deutschland tun sich schon schwer genug mit der Verantwortung gegenüber anderen Betroffenen, Rom:nja stehen da in der Priorität noch weiter hinten“, erklärt Pia Thomasberger, Vizepräsidentin der HÖR. Pia engagiert sich seit Jahren bei der HÖR, so wie auch Santino Stojka. Doch ihr Zugang zur eigenen Identität könnte kaum unterschiedlicher sein: zwei Perspektiven, die zeigen, wie vielfältig Roma-Sein heute gelebt wird. Santino ist Nachfahre von Ceija Stojka – jener Frau, die drei Konzentrationslager überlebte und als erste Romni in Österreich über die Verbrechen der Nationalsozialisten an der Volksgruppe schrieb. Schon früh wusste Santino, was es heißt, Rom zu sein, die Geschichte mitzutragen und Verantwortung für die eigenen Rechte zu übernehmen. Pia hingegen konnte sich lange nicht mit dem Rom:nja-Sein identifizieren. Scham war in ihrer Familie tief verankert, eine Folge der Nachkriegszeit, als viele Rom:nja versuchten, sich zu assimilieren, um sich zu schützen. Mit der HÖR fand sie einen Safe Space, in dem sie ihre Identität annehmen und auch selbstbewusst anerkennen kann. „Für mich ist es sehr wichtig, aktivistisch zu arbeiten“, sagt Pia. „Ich will, dass kein anderes Kind das Gefühl hat, es müsse seine Identität verstecken.“ 

 

Für junge Rom:nja fehle es bis heute an Räumen, in denen sie sich austauschen und sichtbar werden können. Es sei oft unklar, welche Regelungen und Förderungen auch für Rom:nja gelten.


In Österreich gibt es zwar einige etablierte Rom:nja-Vereine, doch HÖR ist der erste, der sich gezielt an junge Menschen richtet. Die Idee: Aufarbeitung beginnt dort, wo Bildung passiert. Wenn junge Rom:nja früh über ihre Geschichte aufgeklärt sind, können sie Wissen weitertragen. Die Zusammenarbeit mit Institutionen und Politik ist für den Verein allerdings schwierig. Die jungen Aktivist:innen fühlen sich von älteren Politiker:innen nicht ernst genommen – eher wie Jugendliche, denen man eine „rebellische Phase“ nachsagt. Auch die rechtliche Lage ist herausfordernd. Das Volksgruppengesetz stammt aus einer Zeit, in der Rom:nja noch gar nicht als Volksgruppe anerkannt waren. Heute ist oft unklar, welche Regelungen und Förderungen wirklich für sie gelten.


Sowohl Pia, Santino als auch Denis sind sich einig, was es in Österreich für die Rom:nja-Community braucht: Bildung, Aufklärung und positive Vorbilder. „In der Schule erfährt man kaum etwas über unsere Geschichte“, so Santino. Für junge Rom:nja fehle es an Räumen, in denen sie sich austauschen und sichtbar werden können – Orte, wie sie andere Volksgruppen längst haben. 

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"ICH WILL, DASS KEIN KIND DAS GEFÜHL HAT, ES 
MÜSSE SEINE IDENTITÄT VERSTECKEN", SO PIA.

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Auch Denis betont die Bedeutung von Repräsentation. Auf seinem TikTok-Kanal denis_sign begeistert er rund 15.000 Follower:innen. Mit einem Augenzwinkern gibt er Einblicke in sein Leben als „unverheirateter Rom“, der Klischees abschüttelt, seinen Weg geht und Alltagsrassismus aufzeigt. Er möchte mit seinen Social Media-Videos das Vorbild sein, das er selbst als Achtjähriger gebraucht hätte: Jemand, der zeigt, dass Rom:nja ihre Träume nicht runterschrauben müssen. Wenn ihm heute junge Leute schreiben, dass sie sich durch ihn zum ersten Mal gesehen fühlen und an sich glauben, weiß er, dass er auf dem richtigen Weg ist.


Ob im Aktivismus, in der Schule oder auf sozialen Medien – was die drei verbindet, ist ein gemeinsames Ziel: Ihre Community sichtbar zu machen. Sie sind laut und unbeirrt, auch wenn sie sich damit angreifbar machen. Sie wollen nicht länger stillhalten, sondern fordern ein, was ihnen zusteht. Und damit stehen sie für eine Generation junger Rom:nja, die sich von Stigmatisierung lösen und selbstbewusst zeigen möchte.


Hinweis der Autorin: In diesem Beitrag werden Stereotype und rassistische Begriffe genannt. Texte, die über Rassismus aufklären möchten, reproduzieren Rassismen. 


Emilija Ilić ist freie Journalistin und Moderatorin.

 

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