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13. Jun. 2026

Die Männer von morgen

DOSSIER. Buben lesen schlechter, brechen die Schule ab, vereinsamen, radikalisieren sich im Netz. Gleichzeitig explodiert der Frauenhass, dominante Männlichkeit scheint allgegenwärtig. Was kann Burschenarbeit in dem Dilemma bewirken?

 

Text: Milena Österreicher.

Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.

 

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Die Krise beginnt heute oft im Kinderzimmer. Dort sitzt ein Bub vor dem Bildschirm, scrollt durch TikTok, Discord oder Telegram, während draußen Erwachsene darüber diskutieren, warum „die Burschen“ plötzlich so verloren wirken. Sie lesen schlechter als Mädchen, brechen häufiger die Schule ab, verschwinden in Onlinewelten, die mit jedem Klick ein bisschen dunkler werden. Von ihnen wird verlangt, weich zu sein, fürsorglich, reflektiert – aber gleichzeitig in Zeiten von Aufrüstung auch stark, wehrhaft und im Ernstfall selbstverständlich bereit für die Front. „Den Burschen geht es nicht gut“, heißt es inzwischen fast mantraartig. Parallel zu Debatten über Einsamkeit, Depressionen und Orientierungslosigkeit häufen sich Geschichten, die zeigen, wie sich im Internet eine Mischung aus Frauenhass, Gewaltfantasien und Verzweiflung organisiert.

 

 

Die erfolgreiche Netflix-Serie „Adolescence“ erzählte vergangenes Jahr von einem 13-Jährigen, der seine Mitschülerin ermordete – „inspiriert“ von realen Fällen. Der Fall Gisèle Pelicot demonstrierte, wie sich online in einem Umkreis weniger Kilometer dutzende Männer finden lassen, die bereit sind, eine bewusstlose Frau zu missbrauchen. In Telegram-Gruppen mit zehntausenden Mitgliedern tauschen Männer Anleitungen aus, wie man Frauen sediert – Freundinnen, Kolleginnen, Nachbarinnen. Was mal als monströse Ausnahme galt, erscheint heute vielerorts als erschreckend organisierte Parallelkultur. „Frauenhass und toxische Männlichkeit sind keine Randerscheinungen mehr“, sagte SPÖ-Staatssekretär Jörg Leichtfried bei der Präsentation des Verfassungsschutzberichts 2025.

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BURSCHEN SOLLEN WEICH UND OFFEN SEIN,
ZUGLEICH ABER IMMER NOCH STARK UND WEHRHAFT.

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Rollenbilder starrer geblieben

Ist daran die Verunsicherung des modernen Mannes schuld? Laufen die Burschen von heute Gefahr, sich in der Orientierungslosigkeit zu verlieren?

 

Eine aktuelle Meta-Analyse der deutschen Universitäten Kaiserslautern-Landau und Kassel wertete 123 Experimente mit rund 19.500 Männern aus. Das Ergebnis: Männer, die ihre Männlichkeit als bedroht erleben, reagieren im Durchschnitt häufiger mit kompensatorischem Verhalten, aggressiveren Reaktionen und negativeren Einstellungen gegenüber Gruppen, die als Abweichung von traditionellen Männlichkeitsnormen wahrgenommen werden. Die Forschenden erklären dies nicht primär biologisch, sondern als Folge sozialer Erwartungen daran, was als „richtige“ Männlichkeit gilt. 

 

Christian Holzhacker begleitet junge Männer bei ihrer Identitätssuche.

Christian Holzhacker begleitet junge Männer bei ihrer Identitätssuche. | Foto: Verein Wiener Jugendzentren

 

Während Frauen sich in den vergangenen Jahrzehnten erweiterte Rollenbilder erkämpften, blieb männliche Identität bei vielen einengend zurück. Gleichzeitig warnen Expert:innen wie Paul Scheibelhofer, Assistenzprofessor für Kritische Geschlechterforschung an der Universität Innsbruck, davor, die Entwicklung allein aus männlicher Orientierungslosigkeit zu erklären. Männer säßen gesellschaftlich weiterhin fest im Sattel. Jedoch haben sich die Ansprüche an sie verändert, etwa beim Dating oder in der Arbeitswelt.

 

Peter Peinhaupt beobachtet Burschen, die Männlichkeit als ihren letzten Anker sehen.

Peter Peinhaupt beobachtet Burschen, die Männlichkeit als ihren letzten Anker sehen. | Foto: privat

 

Männlichkeit als letzter Anker

Peter Peinhaupt von der Männerberatung Wien beobachtet in seiner täglichen Arbeit bei einigen Männern eine Kombination aus Geschlechteridentität und Überforderung. „Männlichkeit wird zu einem stabilisierenden Anker“, sagt er. „Wenn junge Männer das Gefühl haben, abgewertet zu werden, kein Geld zu haben oder gesellschaftlich abzurutschen, bleibt für viele zumindest noch das Gefühl, ‚ein Mann‘ zu sein.“ Gerade die Pubertät sei deshalb eine besonders kritische Phase. Innerhalb weniger Jahre verändert sich alles gleichzeitig: Körper, Sexualität, Zugehörigkeit, Status. Viele Jungs erleben zum ersten Mal, dass sie körperlich stärker werden als andere. Eine neue Macht taucht auf. Und unausgesprochen steht die Frage im Raum: Was mache ich damit? Dazu kommen soziale Medien, die jeden Unsicherheitsmoment algorithmisch verstärken. „Der entscheidende Muskel ist die emotionale Intelligenz“, sagt dazu Christian Holzhacker, pädagogischer Bereichsleiter bei den Wiener Jugendzentren. Die körperliche Entwicklung sei sichtbar, die emotionale müsse erst hinterherkommen. Auch was das Ausprobieren und die Entwicklung der eigenen Geschlechtsidentität betrifft.

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DIE PUBERTÄT IST EINE BESONDERS KRITISCHE PHASE.

ALLES VERÄNDERT SICH GLEICHZEITIG.

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Doch wer steht hier unterstützend zur Seite? Eine Antwort darauf lautet „Burschenarbeit“. Sie entwickelte sich unter dem Einfluss der Frauenbewegung, feministischer Geschlechterkritik und einer aufkommenden kritischen Männerforschung, die traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit hinterfragten. Gemeint ist eine gendersensible Arbeit mit Jungen, die traditionelle Rollenbilder hinterfragt und den Blick auf unterschiedliche Wege eröffnet, männlich zu sein. Ansätze der Burschenarbeit finden sich heute in Jugendzentren, Vereinen, Schulen und Beratungsstellen.

 

Wie viel Geld explizit in Burschenarbeit gesteckt wird, ist schwer nachzuvollziehen, weil vieles davon in allgemeiner Jugend- oder Bildungsarbeit mitläuft und von unterschiedlichen Ressorts finanziert wird. In Wien wurde in den letzten Jahren ein größeres Augenmerk auf die Arbeit mit (jungen) Männern gelegt. Die Stadt verdoppelte etwa im Jahr 2024 die Fördersumme für die Männerberatung auf 300.000 Euro. Auch das Förderbudget für den Verein Poika, der gendersensible Schulworkshops für Burschen anbietet, stieg von 79.000 auf 82.000 Euro im Vorjahr. Die neue Frauen- und Wohnbaustadträtin Elke Hanel-Torsch kündigte zudem im April in einem Standard-Interview an, die Burschen- und Männerarbeit weiter ausbauen zu wollen. Im Stadtregierungsprogramm ist eine zentrale Anlaufstelle für Burschen- und Männerarbeit vorgesehen. „Derzeit sind wir von der Finanzierung noch einigermaßen gut aufgestellt“, sagt Peter Peinhaupt von der Männerberatung Wien. Mehr Mittel seien immer sinnvoll, dürften aber keinesfalls auf Kosten von Fraueneinrichtungen gehen. Gleichzeitig würden sich Einsparungen im Sozialbereich, etwa bei Jugendtreffs und Street Work-Angeboten langfristig auch bei der Männerberatung bemerkbar machen. 

 

Bei 'Demokratie, was geht?' erfahren Jugendliche Teilhabe, Zugehörigkeit und Anerkennung. Jonas Scheiner (rechts im Bild) ist einer der Projektleiter.

Bei "Demokratie, was geht?" erfahren Jugendliche Teilhabe, Zugehörigkeit und Anerkennung. Jonas Scheiner (rechts im Bild) ist einer der Projektleiter. | Fotos: Asja Ahmetović

 

Anerkennung erfahren

In den Wiener Jugendzentren versuche man, Burschenarbeit überall mitzudenken, sagt Christian Holzhacker. Etwa bei Gesprächsrunden oder Angeboten wie Kampfsport, wo Jugendliche lernen, ihre Kräfte gezielt und kontrolliert einzusetzen. Teilweise gebe es auch geschlechtergetrennte Angebote, um auf Raumdominanz einzelner Burschen zu reagieren und Mädchen Freiräume zu schaffen. Wichtig sei jedoch, dass am Ende wieder alle zusammenkommen. „Man darf nicht in den Trennungen verharren.“

 

Neben klassischen Einrichtungen wie Jugendzentren und Beratungsstellen gibt es auch Projekte wie „Demokratie, was geht?“, die mit Jugendlichen – zu einem Großteil männlichen – arbeiten und Themen wie Partizipation, Zusammenhalt und Anerkennung in den Mittelpunkt stellen. Das Jugendprojekt unter der Leitung von Mahir Yıldız, Esma Bošnjaković und Jonas Scheiner entwickelt hier gemeinsam mit Jugendlichen verschiedene Kunstformen. „Wir benennen es nicht als Burschenarbeit, aber Themen rund um männliche Sozialisierung tauchen immer wieder in unseren Workshops auf“, sagt Scheiner. Oft gehe es um scheinbar banale Dinge: gemeinsam reden, Gefühle benennen, Konflikte aushalten. Allgemein kennt und beobachtet Scheiner bei der Identitätssuche von Burschen den Drang, sich hinter einer Dauerperformance aus Härte zu verstecken. „Es war im Patriarchat schon immer Teil des Aufwachsens von Jungs, sich von ihren Emotionen abzuspalten“, sagt er. Das führe zu einer enormen Selbstentfremdung. Viele spürten zwar, dass etwas in ihnen vorgeht, könnten es aber weder benennen noch jemandem erzählen. 

 

Um den Teilnehmenden des Projekts Angebote für den Ausdruck innerer Welten zu machen, arbeitet das Team bewusst mit kreativen Mitteln – Film, Rap oder Schreiben – und zeigt die Ergebnisse öffentlich. Bühne, Publikum und Applaus erzeugten etwas, das vielen Jugendlichen fehle: Selbstwirksamkeit. Und auch die Erfahrung, dass sie als Burschen in ihrer Vielfalt mit verschiedenen Sprachen, Erfahrungen, Lebensweisen und Wünschen anerkannt werden. Besonders marginalisierte Jugendliche erlebten ständig Zurückweisungen – in der Schule, der Lehre oder bei der Jobsuche. Daraus entstehe Trotz. Und auch der werde wieder männlich codiert: Bloß keine Schwäche zeigen. 

 

Wichtig ist für das Projekt auch, dass hier nicht nur Männer mit Männern arbeiten, weshalb die Workshopteams paritätisch aufgebaut sind. Denn viele Burschen wachsen noch immer in sozialen Monokulturen auf, beobachtet Scheiner. Sie verbringen fast ausschließlich Zeit mit anderen Jungs, andere Perspektiven fehlen.

 

Mittels Schreiben, Rap oder Filmdrehs erfahren die Jugendlichen Selbstwirksamkeit. Die Ergebnisse werden auch vor Publikum präsentiert.
Mittels Schreiben, Rap oder Filmdrehs erfahren die Jugendlichen Selbstwirksamkeit. Die Ergebnisse werden auch vor Publikum präsentiert. | Foto: Asja Ahmetović

 

Keine einfachen Antworten

Doch so sehr man in die Arbeit mit Burschen und jungen Männern investiere, könne man nicht komplett ignorieren, dass die starken und dominanten Männlichkeitsbilder wieder enorme Sichtbarkeit und Macht entwickeln, sagt Christian Holzhacker von den Wiener Jugendzentren. Und das nicht nur in den sozialen Medien: „Von Trump bis Putin sehen auch Jugendliche, welche Männlichkeitsbilder gerade im Vordergrund stehen und Erfolg haben.“ 

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MAN DÜRFE NICHT IGNORIEREN, WELCHE MÄNNERBILDER

 À LA TRUMP OFF- WIE ONLINE DOMINIEREN.

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Und dann sei da noch die gesellschaftliche Sehnsucht nach einfachen Antworten: Die einen erklären Jungs pauschal zu Opfern des Feminismus. Die anderen sehen in jeder Krise männliche Rückständigkeit. Beides greife zu kurz. „Wir müssen aushalten, dass es keine einfachen Wahrheiten und auch keine einfachen Geschlechterbilder gibt“, sagt Holzhacker. Auch reflektierte Männer scheiterten an ihren eigenen Ansprüchen. Genau deshalb müsse man über Unsicherheit, Einsamkeit und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit sprechen. Besonders auch mit den Burschen, vor allem im nahen Umfeld: als Freund, Vater, Onkel oder Kollege. Viele Männer verteidigten noch immer ein Bild von sich selbst, das mit ihrer Realität wenig zu tun habe. Die nächste Generation kopiert das. „Aber wie immer in der Menschheitsgeschichte wird es auch hier wieder in die andere Richtung gehen“, sagt Holzhacker. Vielleicht hilft ein Funken Optimismus und die aktuelle Explosion aggressiver Männlichkeitsbilder ist tatsächlich ein letztes Aufbäumen des Patriarchats, das spürt, dass seine Zeit schwindet. Doch bis dieses, und die damit einhergehenden Rollenbilder, endgültig verschwunden sind, sitzen noch einige Burschen vor ihren Bildschirmen und versuchen herauszufinden, wer sie sein sollen, wer sie sein dürfen, wer sie sind. Und darin liegt letztlich die gesamtgesellschaftliche Aufgabe: Sie dabei weder gefährlichen Influencern, sexistischen Telegram-Gruppen noch autoritären Männerfantasien zu überlassen.

 

In den letzten Jahren sind einige Bücher erschienen, die sich mit dem Aufwachsen von Burschen in der heutige Zeit beschäftigen. Erziehungsgedanken: „Söhne großziehen als Feministin“ (Hanser 2026). Ehrliche Einblicke: „Sei kein Mann“ (Hanser 2022). Satirische Reflexion: „Alpha Boys“ (Knaur HC 2026).

 

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