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06. Sep. 2025

Drei Jahrzehnte Türen, die sich öffnen

WELT. Seit dreißig Jahren bietet das Integrationshaus in Wien geflüchteten Menschen einen würdigen Start ins neue Leben in Österreich. Ein Besuch zum Jubiläum.

 

Text und Fotos : Milena Österreicher.

Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.

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„Das war ein Wow-Erlebnis“, erzählt Daneta Memišević heute über jenen Tag im Juni 1995, als sie als eine der ersten Bewohnerinnen ihre neue Wohnung in der Engerthstraße 163 betrat. „Wir hatten einen Schlüssel. Wir konnten zusperren. Zum ersten Mal seit der Flucht hatten wir unsere Privatsphäre.“


Der Bosnienkrieg hatte Memišević aus Sarajevo nach Wien geführt. Ihr Kind war krank, die Behandlung war durch den Krieg unmöglich geworden. Memišević kam im April 1994 mit ihren Kindern in die österreichische Hauptstadt und landete zunächst in einer Abfolge von Flüchtlingsunterkünften: Mehrbettzimmer ohne Rückzugsmöglichkeiten, Betttücher als Raumteiler, eine Atmosphäre permanenter Anspannung.


Was sie im Integrationshaus vorfand, war das Gegenteil: eine kleine Wohnung, eine Tür, die man abschließen konnte, eine Betreuerin, die Zeit hatte und die österreichischen Systeme geduldig erklärte, vom Schulwesen bis zu den Behördengängen. Bald arbeitete die ehemalige Volksschullehrerin selbst in der Nachmittagsbetreuung des Hauses, lernte zugleich Deutsch und Gebärdensprache. „Ich habe mich in die Gebärdensprache verliebt“, sagt sie. Sie war eine Sprache, die sie mit Freude lernte, und sie habe ihr geholfen, auch die deutsche Sprache zu lernen. 1996 zog Memišević in ihre erste eigene Wohnung und fand Arbeit im Gehörlosenverein „Witaf“.

 

Geschäftsführer Martin Wurzenrainer und Daneta Memišević, eine der ersten Bewohner:innen und heute im Vorstand des Integrationshaus.


Ein Anfang mit Widerstand
Die Geschichte des Integrationshauses beginnt bereits ein Jahr vor Memiševićs Einzug. Die Erinnerungen an das „Lichtermeer“ 1993 gegen Jörg Haiders Anti-Ausländer-Volksbegehren waren noch frisch: ein Zeichen gegen Hass, das unter anderem von Willi Resetarits organisiert wurde. Resetarits, Musiker und unermüdlicher Menschenrechtsaktivist, hatte damals den Entschluss gefasst, dass Protest allein nicht reicht. Gemeinsam mit Sepp Stranig und einer Gruppe Gleichgesinnter wollte er einen Ort schaffen, an dem Geflüchtete menschenwürdig wohnen und begleitet in ein neues Leben starten können.


FPÖ-Politiker und Boulevardblätter wetterten gegen die Pläne, ein Haus im zweiten Bezirk für Geflüchtete zu adaptieren. Schlagzeilen warnten vor einer „No-Go-Area“. Dennoch stellte die Stadt Wien ein Gebäude in der Engerthstraße zur Verfügung. Der Umbau begann: kleine Wohneinheiten mit Kochgelegenheiten statt Großküche, private Rückzugsräume statt Massenquartier. „Es war von Anfang an klar: Die Menschen sollen Privatsphäre haben und auch selbst kochen können, was sie essen wollen“, sagt der heutige Geschäftsführer Martin Wurzenrainer. Am 5. Juni 1995 wurde das Integrationshaus eröffnet. Die Proteste verstummten bald, manche Anrainer:innen kamen mit Sachspenden vorbei.

 

40 Wohneinheiten für 110 Menschen bietet das Integrationshaus. Angeboten werden auch psychosoziale Intensivbetreuung, Rechtsberatung sowie Deutsch- und Basisbildungskurse.


Mehr als ein Dach über dem Kopf
Heute umfasst das Haus 40 Wohneinheiten für 110 Menschen, zwei Wohngemeinschaften für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge sowie externe Wohnungen für jene, die bereits selbstständig leben können. Von Beginn an verstand sich das Integrationshaus nicht nur als Unterkunft. Die Vision war ein ganzheitliches System aus Wohnen, Beratung, Bildung und psychosozialer Betreuung. 188 Mitarbeiter:innen – Sozialarbeiter:innen, Pädagog:innen, Psycholog:innen, Dolmetscher:innen – sowie über 50 Ehrenamtliche sind für den Verein im Einsatz.

 

Die Geschichte des Integrationshauses spiegelt auch die Migrationsgeschichte Österreichs wider. In den 1990er-Jahren waren es vor allem Menschen aus Bosnien und dem Irak, die kamen. Heute sind es Familien aus der Ukraine, Syrien, Somalia oder Tschetschenien. Und immer wieder unbegleitete Jugendliche: eine besonders verletzliche Gruppe, für die das Integrationshaus schon 2001 eine eigene Clearingstelle erkämpfte. „Diese jungen Menschen brauchen eine andere Betreuung als Erwachsene“, so Geschäftsführer Wurzenrainer. Besonders wichtig für sie sind Stabilität, Bildung, Orientierung und Menschen, die ihnen vertrauen. Viele der Bewohner:innen haben schwere Traumata, erlitten durch Krieg, Flucht und Verlust. Aufgrund der entsprechenden Fachkräfte finden besonders traumatisierte Familien im Integrationshaus einen Platz.

 

Amal aus Syrien fühlt sich im Integrationshaus zuhause und zeigt sich über die Unterstützung dankbar. Stolz ist sie auf ihre beiden ältesten Kinder, die mittlerweile die Besten ihrer Klassen sind.


Der Geschmack von Zuhause
Für Amal aus Syrien, die eigentlich anders heißt, ist das Integrationshaus mehr als ein sicherer Ort. „Es ist wie eine zweite Familie“, erzählt sie. Nach ihrer Ankunft in Wien lebte sie mit ihren vier Kindern zunächst in einem Hotel: „Ich konnte dort nicht selbst kochen, das Essen war fremd für uns und niemand sprach Englisch oder Arabisch.“ Erst im Integrationshaus konnte sie wieder selbst für ihre Familie sorgen. Ihre Kinder baten sie um Mloukhia, ein traditionelles syrisches Gericht. „Da wusste ich, wir sind angekommen.“ Heute sind ihre zwei ältesten Kinder die Besten in ihren Klassen. Amal und ihr Mann versuchen, sie in Deutsch, Arabisch und Englisch zu fördern. „Unsere Sprache ist wichtig, aber auch, dass sie hier bestehen können“, sagt sie. Sonntags geht die Familie manchmal auf die Donauinsel, ins Kino oder zum Schwimmen, doch meist bleibt neben dem Kochen und der schulischen Unterstützung keine Zeit für Ausflüge, zumal inzwischen zwei Kinder hinzugekommen sind. „Ich hoffe, ich kann in Zukunft etwas für Österreich tun. Ich bin sehr dankbar“, sagt Amal.


Vielseitige Unterstützung
In drei Jahrzehnten hat das Integrationshaus mehr als 80.000 Menschen unterstützt. Meilensteine waren für Geschäftsführer Martin Wurzenrainer die gesetzliche Verankerung der Grundversorgung 2004, die auch die Flüchtlingsbetreuung auf stabilere Beine stellte, die hauseigenen Bildungsprogramme wie „JAWA“, das jungen Geflüchteten den Einstieg in den Arbeitsmarkt erleichtert – „mit einer Erfolgsquote von über 80 Prozent“ –, und der Ausbau mobiler Betreuung externer Wohnungen ab 2016.

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UNTERKÜNFTE BEDEUTETEN DAMALS MEHRBETTZIMMER OHNE

RÜCKZUG UND EINE ATMOSPHÄRE PERMANENTER ANSPANNUNG.

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Finanziert wird das Haus überwiegend von Förderungen, unter anderem vom Fonds Soziales Wien. Rund 15 Prozent – etwa 1,6 Millionen Euro – stammen aus Spenden. „Wir haben sehr treue Kleinspender:innen, über die wir uns sehr freuen, denn jeder Euro zählt“, sagt Wurzenrainer. Eine wichtige Rolle spielen auch Events wie der jährlich stattfindende Wiener Flüchtlingsball, die Kabarettabende unter dem Motto „Lachen hilft!“ oder die Aktion „Hilfe Geschenke“ der Wiener Wochenzeitung „Falter“, die jedes Jahr eine wichtige Säule der Spendenbasis bildet. Die unabhängige Rechtsberatung sowie die psychologische Kinderbetreuung gebe es nur dank der privaten Spenden, so der Geschäftsführer. Das Integrationshaus hat in dreißig Jahren auch Standards in der Flüchtlingsbetreuung gesetzt. Es hat gezeigt, dass Geflüchtete nicht in Turnhallen oder Baracken hausen müssen, dass Privatsphäre, eigene Kochmöglichkeiten und gezielte Bildungsangebote das Ankommen menschlich und einfacher machen. „Hier hat meine Integration begonnen“, sagt auch Daneta Memišević. „Nicht, weil plötzlich alles leicht war, sondern weil ich nicht allein war.“ Memišević ist heute Vorstandsmitglied im Integrationshaus. Sie weiß, wie weit der Weg von einer Massenunterkunft zu einem eigenen Zuhause sein kann. Das Integrationshaus ist für sie weiterhin ein Ort, an dem sich Türen öffnen. Nun unterstützt sie andere dabei, die Schwelle zu überschreiten. Denn auch nach drei Jahrzehnten gilt: Geöffnete Türen können Leben verändern.

 

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