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05. Sept.. 2026

Ein halbes Leben

DOSSIER. Elvedina hat wie viele Frauen aus dem ehemaligen Jugoslawien jahrelang Angehörige versorgt – unbezahlt und selbstverständlich. Heute pflegt sie beruflich. Porträt einer Frau und ihres Weges zu ihrem eigenen Traum.
 

Text: Dennis Miskić, Illustration: Eva Vasari

Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.

 

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Die Tür steht offen, der Geruch von frisch gekochtem Kaffee liegt in der schweren Sommerluft. Elvedina hat heute frei, sitzt auf ihrer Terrasse und raucht eine Zigarette. Es ist einer der Tage in der Woche, an dem sie sich nicht um andere kümmert und sich erholt. Elvedina ist meine Mutter. Ich erlebe sie heute vor allem als fürsorgliche, empathische Frau. Ihr ganzes Leben lang hat sie sich um uns, ihre heute zwei erwachsenen Kinder, und den Haushalt gekümmert. Gängiger Balkan-Haushalt eben. Doch nach zwanzig Jahren ist sie endlich an der Reihe, auch etwas für sich zu tun.

 

Elvedina hat in ihrem Leben schon viele Stationen und Länder durchlaufen: als Frau, Geflüchtete, Mutter und Altenpflegerin. | Illustration: Eva Vasari

 

Von klein auf
„Ich hatte eigentlich immer den Wunsch, Krankenschwester zu werden, und wollte Menschen helfen. Aber nach all den Ereignissen in Bosnien-Herzegowina in den 1990er Jahren…“, sagt sie und pausiert kurz. Elvedina kommt im Jahr 1974 in der bosnischen Kleinstadt Foča zur Welt und gehört zu jener „übergegangenen Generation“, von der der bosnische Schriftsteller Faruk Šehic schreibt – junge Menschen, deren Biografien vom Krieg unterbrochen wurden. Elvedina sagt, dass sie viele der Geschehnisse in ihrer Heimat erst verstehen musste, bevor sie es richtig verarbeiten konnte. „Die Jugend kommt nie wieder zurück. Das muss man irgendwann akzeptieren. Trotzdem bedauere ich es“, sagt sie. 


In Foča lebt sie zusammen mit ihren Großeltern, um die sie sich kümmert. Ihre Eltern sind als Gastarbeiter:innen nach Österreich gezogen. Im gesamten Dorf ist der Altersdurchschnitt recht hoch. Elvedina beginnt früh, für die Großeltern zu sorgen. Sie kocht Kaffee, bereitet Essen zu und hilft im Haushalt oder Garten. „Vielleicht habe ich mich damals selbst so gut gefühlt, weil ich gesehen habe, dass ich jemandem geholfen hatte. Meine Oma und die Frauen in der Nachbarschaft haben sich immer so gefreut, wenn ich etwas für sie getan habe“, sagt sie. „Grundsätzlich glaube ich, dass ich einfach ein Mensch bin, der gerne hilft.“

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ELVEDINAS JUGEND WURDE VOM KRIEG UNTERBROCHEN.

SO WIE DAS LEBEN VIELER BOSNIER:INNEN.

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Später lebt Elvedina in der bosnischen Hauptstadt Sarajevo. Es ist eine schwierige Zeit, über die sie ungern spricht. Sie verbindet die Zeit mit viel Verwirrung und Unklarheit über ihre Zukunft. Der Vielvölkerstaat Jugoslawien ist zu dieser Zeit schon am Zerbrechen – inmitten einer Wirtschaftskrise mit Hyperinflation. Ende der 1980er Jahre zieht die Teenagerin nach Dubrovnik zu einer Tante und erhofft sich dort etwas mehr Orientierung zu finden: „Ich bin von einem Ort zum anderen gezogen. Dubrovnik sollte meine letzte Station sein, hoffte ich.“ Sie wird gut von ihrem Umfeld aufgenommen und fühlt sich schnell wohl. Dubrovnik nehme daher bis heute einen besonderen Platz für sie ein. 


Doch schon im Oktober 1991 bricht dort der Krieg aus, den sie ein Stück weit selbst miterlebt hat. Dann kommt ein Satz, den so viele Menschen aus dem ehemaligen Jugoslawien über diese ersten Monate sagen werden: „Niemand von uns glaubte, dass es wirklich so schlimm kommen würde – vor allem nicht, was später in Bosnien-Herzegowina geschah“, sagt auch Elvedina und meint damit den dreieinhalb Jahre langen Krieg in ihrer Heimat. Dann ging es der Familie nur noch darum, dass Elvedina nach Wien zu ihren Eltern kommt. 

 

Orientierungslosigkeit
In der neuen Heimat hadert sie vor allem mit der deutschen Sprache. „Deutsch zu lernen ist mir sehr schwergefallen. Ich habe mich anfangs auch nicht sehr unterstützt gefühlt“, sagt sie. Ihr erster Job in einem Friseursalon ist dabei nur noch eine zusätzliche Belastung. „Rückblickend glaube ich, war das nicht die beste Idee, weil ich zu der Zeit kaum Deutsch konnte, aber mich trotzdem verständigen musste“, so Elvedina. Sie ist unzufrieden und verspürt immer stärker den Wunsch, nach Bosnien zurückzukehren. 


Doch dann lernt sie in Wien ihren Mann kennen, ebenfalls Bosnier. Ihre Rolle verändert sich. Aus dem Wunsch, Pflegerin zu werden, wird ein Leben als Mutter, die sich um den Haushalt und die Kinder kümmert, während der Mann arbeitet. „Ich hatte kein Problem damit, dass mein Mann eine Karriere aufbaut, während ich zu Hause bleibe. Im Gegenteil: Ich habe es genossen, die Zeit mit den Kindern verbringen zu können“, sagt sie. Doch zwanzig Jahre später, mit Anfang 40, erwacht noch einmal der Wunsch in ihr, sich beruflich zu verwirklichen. „Irgendwie hatte ich mich in all den Jahren auch verloren und wollte dann doch nochmal einen neuen Anfang wagen“, so Elvedina. Also beginnt sie eine Ausbildung zur Pflegeassistentin.


Die Ausbildung fiel ihr nicht leicht. Sie musste viel Neues lernen in einer Sprache, die nicht die ihre war. In ihrem Umfeld stößt sie zudem auf Unverständnis: „Viele Menschen konnten meine Entscheidung nicht nachvollziehen, warum gerade dieser Beruf?“, erzählt Elvedina. „Mir war bewusst, dass der Beruf anstrengend ist. Aber ich wollte es und wusste, dass er zu mir passt.“ Häufig fielen Sätze wie in der Pflege ginge es „nur um Waschen und Putzen“ oder es sei „nur Stress und Überbelastung“. 

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DIE KÖRPERLICHE ANSTRENGUNG UND DER

STRESS BELASTETEN SIE ANFANGS SEHR.

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Heute arbeitet die 52-Jährige in einem Altenheim in Wien, mit langen Diensten, manchmal von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends. Doch sie genießt ihren Job. Manche Patient:innen können ohne Hilfe weder essen noch trinken und sich nicht einmal im Bett umdrehen. Sie sind vollständig auf das Pflegepersonal angewiesen. „Wenn du morgens in ein Zimmer kommst und sich ein Patient über dich freut, lächelt und Danke sagt, dann ist das etwas Besonderes“, sagt sie. „Das kann man durch nichts ersetzen.“


Am Morgen hilft sie Menschen aus dem Bett, am Abend legt sie jene wieder hinein, die es nicht selbst können. Sie richtet die Kissen, achtet darauf, dass die Menschen bequem liegen. Es seien oft Kleinigkeiten, die den Patient:innen im Gedächtnis bleiben: ein Glas Wasser oder ein richtig gerichtetes Kissen. „Manchmal bedanken sie sich dafür, als hätte man ihnen etwas ganz Großes gegeben“, sagt sie. 


Über ihre Arbeitskolleg:innen weiß sie nur Gutes zu sagen. Sie helfen ihr oft dabei, die Belastung wegzustecken. Elvedina will den Beruf nicht romantisieren. Pflege ist körperlich und psychisch anstrengend. Ihre ersten Praktika im Krankenhaus und im Pflegeheim sind ihr schlecht in Erinnerung geblieben. Vor allem die körperliche Anstrengung belastete sie anfangs sehr. „Manche Dinge steckt man in jüngeren Jahren wahrscheinlich besser weg, aber die körperliche Anstrengung und der Stress waren zu Beginn sehr hart für mich“, sagt sie. 


Trotzdem blieb sie. Vielleicht auch, weil sie darin etwas wiederfand, das sie ihr Leben lang begleitet hatte: Verantwortung für andere zu übernehmen. Als Kind kümmerte sie sich um die älteren Menschen im Dorf, später um uns Kinder und den Haushalt. Jahrzehntelang war diese Arbeit selbstverständlich, unbezahlt und kaum sichtbar. Mit Anfang 40 machte sie daraus einen Beruf – gegen die Zweifel anderer, aber bewusst für sich selbst. 


Inzwischen ist auf der Terrasse der Kaffee schon längst ausgetrunken. Elvedinas Geschichte geht viel weiter als das, was manche in ihr als Geflüchtete und Mutter sehen. Sie zeigt, dass es auch Jahre später noch möglich ist, einen weiteren Weg einzuschlagen: Die Generation, der die Jugend durch Kriegsjahre gestohlen wurde, kann sich ihre Träume manchmal trotzdem verwirklichen. So wie Elvedina. Es hat nur ein halbes Leben lang gedauert. 

 

Dennis Miskić ist freier Journalist aus Wien. Seine Anfänge machte er beim BIBER Magazin, heute schreibt er vor allem über den Balkan und Osteuropa und macht Beiträge für FM4, WZ und die FURCHE. 

 

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