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05. Sept.. 2026

Ein Ort des (Ver-)Lernens

WELT. Es ist wieder Schulanfang: Tausende Kinder und Jugendliche in Österreich kehren in die Klassenzimmer zurück. Doch während für die einen einfach der Unterricht wieder beginnt, müssen andere auch mit Vorurteilen und ungleicher Bewertung rechnen. Wie prägt Rassismus den Schulalltag und was können Schulen verändern?
 

Text: Miriam Al Kafur.

Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.

 

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Ein Schüler wird wiederholt mit dem N-Wort beschimpft. Als er den Vorfall gemeinsam mit seiner Mutter bei Klassenvorstand und Direktion anspricht, rückt nicht die rassistische Beleidigung ins Zentrum, sondern seine Reaktion darauf: Er hatte den Mitschüler weggeschubst. Der Lehrer wiederholt das Wort im Gespräch selbst und verharmlost es. Auch diesmal greift die Direktorin nicht ein.


Diesen Fall führt der Anti-Rassismus-Verein ZARA in seinem aktuellen Rassismus-Report als Beispiel für Relativierung, Täter-Opfer-Umkehr und sogenannten Whataboutism an – also die Strategie, auf einen Vorwurf mit einem anderen Problem zu reagieren, anstatt sich zunächst mit dem Ursprungsproblem auseinanderzusetzen. Der heurige Report hat den Schwerpunkt Bildung, weil Rassismuserfahrungen in der Schule laut ZARA weit über den einzelnen Vorfall hinauswirken und Selbstbild, Zukunftserwartungen und Bildungswege prägen können.

 

Nicht für alle Kinder ist der Schulanfang mit Vorfreude verbunden: Kinder, die von Rassismus betroffen sind, erleben, dass sie anders bewertet werden und ihnen weniger zugetraut wird. | Foto: Getty Images/Unsplash


Er zeigt, dass Rassismus nicht erst bei einer Beleidigung beginnt, sondern auch darin, ob Beschwerden ernst genommen werden. 2025 dokumentierte ZARA österreichweit 1.539 Meldungen von Rassismus und führte 2.362 individuelle Beratungen durch. 96 Meldungen betrafen Bildungsinstitutionen, davon 59 Prozent Schulen – nicht repräsentativ, da meldungsbasiert.


„Betroffene Schüler:innen erleben, dass ihnen weniger zugetraut wird, ihre Leistungen anders bewertet werden oder sie aufgrund ihrer zugeschriebenen Herkunft von Lehrkräften als schwierig wahrgenommen werden“, sagt Caroline Schmüser von ZARA. „Wenn Schüler:innen dann Rassismus ansprechen, wird ihnen häufig nicht geglaubt oder der Vorfall relativiert.“ Wer einen Vorfall anspricht, werde als „anstrengend“ empfunden. Betroffene Schüler:innen fürchten, dass eine Beschwerde ihre Noten oder den weiteren Schulalltag verschlechtern könnte.


Frühe Trennung
Die unterschiedliche Bewertung spüren viele Kinder, wenn es darum geht, ob sie in die Mittelschule oder AHS-Unterstufe weitergehen. Eine lebensprägende Entscheidung, die für sie getroffen wird, wenn sie gerade mal zehn Jahre alt sind.

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Eine andere Bewertung spüren viele Kinder, wenn es

um die Entscheidung geht: Mittelschule oder AHS?

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Erika Tiefenbacher beobachtet das seit über zwei Jahrzehnten als Direktorin einer öffentlichen Mittelschule in Wien-Währing, wo 90 bis 100 Prozent der Kinder andere Erstsprachen als Deutsch haben: „Wir haben ein Schulsystem, das sehr früh trennt.“ Ihre Schule sei zum Auffangbecken für Kinder aus sozioökonomisch schwächeren Familien geworden. An ihrer Schule gilt das sogenannte Leitbild „Faktor I“: Es steht für Identität, Interkulturalität und Integration. Glaubt Tiefenbacher an das Potenzial eine:r Schüler:in, schreibt sie persönlich an weiterführende Schulen: „Bitte gib ihm/ihr eine Chance.“ Das nennt sie Chancengleichheit: „Chancengerechtigkeit gibt es nicht, dafür haben unsere Kinder schon zu schwierige Ausgangssituationen.“

 

Erika Tiefenbacher, Mittelschuldirektorin: Erstsprachen sind Herzenssprachen. | Foto: privat


Rassismus im Lehrer:innenzimmer
Rassismus in der Schule geht dabei von verschiedenen Beteiligten aus. Nina, Mittelschullehrerin in Wien, berichtet von stereotypen Bemerkungen im Lehrer:innenzimmer. Besonders präsent sei antimuslimischer Rassismus. „Wenn wir diese Bilder selbst im Kopf haben, transportieren wir sie weiter“, sagt sie. Ihr Wissen über Rassismus habe sie sich privat angeeignet, im Lehramtsstudium sei das Thema kaum vorgekommen.


Auch unter Schüler:innen ist Rassismus laut Nina alltäglich – oft durch Kinder, die selbst Diskriminierung erleben. Sie führt das nicht allein aufs Elternhaus zurück, sondern auch auf Social Media und Algorithmen, die Jugendliche schnell in problematische Online-Räume ziehen; das verstärke auch Sexismus unter Schüler:innen.

 

Hüseyin Günes¸ von der Gleichbehandlungs-anwaltschaft: Es braucht Interventionskonzepte. | Foto: privat

 

Die Sprache der Pause
Neben dem Verhalten mancher Schüler:innen und Lehrkräfte prägt auch die Schulkultur, wer sich willkommen fühlt und wer nicht. Das zeigt sich unter anderem im Umgang mit Mehrsprachigkeit. In Österreich kochen dazu immer wieder Debatten um eine Deutschpflicht in der Pause auf. „Ein pauschales Verbot, in der Pause eine andere Sprache als Deutsch zu sprechen, vermittelt: Die Sprache deiner Familie ist hier unerwünscht“, sagt Caroline Schmüser von ZARA dazu.


Auch aus rechtlicher Sicht wären solche Regeln problematisch. Hüseyin Güneş, Anwalt bei der Gleichbehandlungsanwaltschaft mit dem Schwerpunkt Rassismus, spricht von möglicher mittelbarer Diskriminierung. Ein Deutschgebot gilt zwar formal für alle Schüler:innen, kann Kinder mit anderen Erstsprachen aber besonders benachteiligen und damit eine mittelbare Diskriminierung aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit darstellen. „Es stellt sich die Frage, ob es nicht weniger einschneidende Maßnahmen gibt, um Deutschkenntnisse oder gemeinsames Lernen zu fördern, als ein Sprachverbot in der Pause.“

 

Mehr rassismuskritische Kompetenz fordert Caroline Schmüser von ZARA. | Foto: ufffrances


An Erika Tiefenbachers Schule in Wien-Währing gibt es kein Sprachverbot, sie nennt Erstsprachen „Herzenssprachen“. Mehrsprachige Lehrkräfte sprechen mit Schüler:innen und Eltern in deren vertrauter Sprache. Auch Nina sieht Mehrsprachigkeit als Ressource: Deutsch fördern, ohne andere Sprachen abzuwerten. „Versuchen wir, miteinander Deutsch zu sprechen“, sei etwas anderes als ein Verbot, sagt die Wiener Mittelschullehrerin.

 

Was Schulen tun können
Was können Lehrkräfte und Schulgemeinschaften nun tun, um die Schule als guten Lernort für alle zu gestalten? Nachdem sie an ihrer früheren Schule wiederholt rassistische und stereotype Äußerungen von Kolleg:innen über Schüler:innen erlebt hatte, wechselte Lehrerin Nina die Stelle. An ihrer neuen Schule gibt es ein Krisenteam, das bei Vorfällen reagiert und bei Bedarf Psychagog:innen – also speziell ausgebildete pädagogische Fachkräfte – einbindet.

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„Wir bekommen nur einen Bruchteil der fälle

mit“, sagt der Gleichbehandlungsanwalt.

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Daran fehlt es laut Hüseyin Güneş noch vielerorts: „Wenn Lehrkräfte wissen, wie sie mit einem Vorfall umgehen sollen, schauen sie eher hin statt weg.“ Klare Interventionskonzepte dürften nicht vom Engagement Einzelner abhängen, sondern gehörten in jedes Schulprofil.


Mit Krisenteams allein ist es aber noch nicht getan. ZARA fordert etwa verpflichtende Aus- und Fortbildungen zu Rassismus und anderen Diskriminierungsformen. Rassismuskritische Kompetenz müsse laut Caroline Schmüser als grundlegender Bestandteil pädagogischer Professionalität verstanden werden. Der Umgang mit Rassismus dürfe deshalb nicht davon abhängig sein, ob zufällig eine engagierte Lehrkraft an der Schule ist.

 

Die Schule als ein entscheidender Ort auch für später: Die Erfahrungen in der Bildungsinstitution prägen Selbstbild, Zukunftserwartungen und Bildungswege. | Fotos: CDC/Unsplash

 

Dass diese Aufgaben nicht allein bei den Lehrkräften landen dürfen, betont auch Direktorin Erika Tiefenbacher. Es bräuchte zusätzliche Sozialpädagog:innen und andere Fachkräfte, die Kinder und Eltern unterstützen. Denn Lehrkräfte übernehmen mittlerweile zusätzlich zum Unterricht viele weitere Aufgaben.


Wer selbst von Diskriminierung betroffen ist, kann sich an die Gleichbehandlungsanwaltschaft wenden. Wichtig ist, Vorfälle zeitnah zu dokumentieren – mit Datum, Wortlaut, beteiligten Personen und Zeug:innen – und sich an eine Vertrauensperson oder externe Beratungsstelle zu wenden. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft berät kostenlos, interveniert und unterstützt vor der Gleichbehandlungskommission. „Wir bekommen aber nur einen Bruchteil der Fälle mit“, sagt Güneş. Gerade weil Betroffene fürchten, dass eine Beschwerde ihre Situation verschlechtert. Dabei sind gerade Bildungseinrichtungen prägende Orte, wie es auch im ZARA-Rassismusreport heißt: „Sie können Rassismus fortschreiben – oder ihm gezielt entgegenwirken.“

 

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