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29. Nov. 2025

Eine Frau, die nie aufhörte zu kämpfen

WELT. Sie war eine der rund 5.000 Frauen in der bosnischen Armee während des Bosnienkrieges. Heute ist Azra Velagić Macić bekannt als Flüchtlingshelferin. Sie lebt vor allem nach einem Mantra: Dort helfen, wo es am notwendigsten ist.

 

Text: Dennis Miskić.

Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.

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Es ist eine ganz gewöhnliche Szene hier in ihrer Straße, auch wenn das nicht immer so war: Eine Gruppe Geflüchteter kommt zielgerichtet auf ihr Haus zu. Empfangen von einer Frau im schwarzen Niqab bekommen sie neue Kleidung, Schuhe und teilweise auch Geld ausgeteilt. 


„Ich sehe Menschen, die nichts haben und unsere Hilfe brauchen. Also muss ich helfen, auch wenn es nur eine Kleinigkeit ist“, sagt Azra Velagić Macić. Die 63-Jährige verteilt täglich Sachspenden an Geflüchtete. Als vor zehn Jahren geflüchtete Menschen auf der Durchreise in die EU nach Sarajevo strömten, fing sie an, auszuhelfen. Unterstützung hat sie dafür von der österreichischen NGO SOS Balkanroute.


Azra dachte zuerst, es würde nur ein paar Monate dauern. „Aber heute sind wir da, wo wir sind. Heute sehe ich kein Ende mehr – weder für sie noch für mich“, sagt sie. Kein Ende für die Vielzahl an Geflüchteten, die über die Balkanroute in die EU reisen und kein Ende ihrer Energie, um auszuhelfen. Denn die hat sie zur Genüge.


Laut der europäischen Agentur für Grenz- und Küstenwache reisten von Jänner bis April 2025 knapp über 3.000 Flüchtende über die Westbalkanroute in die EU. Expert:innen weisen jedoch darauf hin, dass mit einer hohen Dunkelziffer gerechnet werden muss. Über die Jahre haben sich die Schleppernetzwerke professionalisiert und viele Camps auf der Route werden gemieden.


Azras Tag beginnt mit dem Morgengebet vor Sonnenaufgang. Nach ein paar Stunden in ihrem Vereinsbüro kommt sie nach Hause, weil schon die ersten Geflüchteten ankommen. In den letzten Jahren hat sich diese Routine schon herumgesprochen und die meisten wissen genau, wo sie hinmüssen. 

 

Bei Azra Velagić Macić finden Geflüchtete eine offene Tür, wenn sie in Sarajevo stranden. In der kalten Jahreszeit ist warme Kleidung besonders gefragt.


Und plötzlich Krieg
Ihr Leben hat Azra einem Motto verschrieben: dort aktiv zu sein, wo es am notwendigsten ist. Als im Frühling 1992 der Bosnienkrieg ausbrach, hieß es für sie, das Land an der Waffe zu verteidigen. „Freund:innen aus meiner Nachbarschaft starben und da wusste ich, dass ich etwas tun muss. Natürlich war viel Angst dabei, aber ich verspürte auch Stolz, meine Heimat zu verteidigen“, sagt sie. Die ersten Kriegswochen waren Momente, in denen für Menschen wie Azra eine ganze Welt zusammenbrach. „Wir waren so ethnisch durchmischt in meiner Nachbarschaft, dass ich es zuerst für unmöglich hielt, dass hier ernsthaft ein Krieg ausbrechen könnte“, sagt sie. 


Die Armee der bosnischen Serben griff jedoch mit Unterstützung der jugoslawischen Volksarmee mit dem Ziel an, das Gebiet ethnisch zu „säubern“ und an ein Großserbien anzuschließen. Der Bosnienkrieg wütete über dreieinhalb Jahre lang und wurde erst im November 1995 mit dem Dayton-Vertrag auf Eis gelegt. Die Belagerung Sarajevos und einige Gefangenenlager wurden erst im Frühjahr 1996 vollständig aufgelöst. Der ökonomische und zivile Wiederaufbau wird noch Jahre dauern. Im ganzen Land sind die Hausfassaden bis heute wie von Pockennarben mit Einschusslöchern übersät. 


Vollständig zur Ruhe ist das Land nie gekommen. Es sind immer noch die gleichen nationalistischen Ideologien, die den Krieg befürworteten, die heute an der Macht sind. Der mittlerweile verstorbene bosnische Schriftsteller Dževad Karahasan nannte es die „Fortsetzung des Krieges mit politischen Mitteln“. 

_______

 

VON JÄNNER BIS APRIL REISTEN ÜBER 3.000 FLÜCHTENDE ÜBER DIE

WESTBALKANROUTE IN DIE EU. DIE DUNKELZIFFER IST HÖHER.

_______

 

„Ich weiß, wie es ist“
Um, wie sie selbst sagt, nicht den Verstand zu verlieren, ging die Veteranin auf Seelensuche und musste für sich wieder den Sinn des Lebens suchen. Die Armee bot ihr einen Job an, doch das war nichts für sie. „In den Nachkriegsjahren war es oft schwieriger als an der Front. Dort haben wir nie viel über unsere Lage nachgedacht, später hatten wir dann dafür Zeit“, reflektiert sie. 


Vor allem die psychologische Lage macht ihr und anderen zu schaffen. Die World Health Organisation (WHO) ermittelte, dass etwa zehn Prozent, also rund 400.000 Personen, in Bosnien unter Posttraumatischer Belastungsstörung leiden. Vereine, die mit Betroffenen arbeiten, meinen, es könnte sogar fast die halbe Bevölkerung betreffen. 


Viele von Azras Freund:innen wurden drogenabhängig oder alkoholsüchtig. Sie selbst verschrieb sich der Lehre des Korans, verschleierte sich und lernte Arabisch. Mit ihrem Verein Hedija kümmerte sie sich vor allem um alleinstehende Mütter oder finanzierte Mädchen das Studium, wenn sie es sich nicht selbst leisten konnten. 


Zu Deutsch kann hedija als Geschenk übersetzt werden. Im Bosnischen beschreibt der Begriff die Art von Mitbringsel, die man als Gast mitnimmt – meistens Kekse, Würfelzucker und Kaffee. Der Verein wuchs, begann immer mehr Spenden zu sammeln und fing an Krankenhäuser, Schulen, Waisenkinderheime oder Anstalten für Kinder mit Behinderung zu unterstützen. 


Den größten Trost findet Azra seit Jahren in der Flüchtlingshilfe. „Ich weiß, wie es ist, tagelang zu Fuß unterwegs zu sein, wie es ist, keine richtigen Schuhe zu haben und nachts frieren oder hungern zu müssen“, antwortet Azra auf die Frage, woher die Motivation für ihre Arbeit kommt. Im Krieg kam es eben oft auch auf kleine solidarische Gesten an, um zu überleben. „Eine Schüssel frische Milch oder ein aufgewärmter Ziegelstein, der mich beim Schlafen warmhielt, hat mir damals die Welt bedeutet.“


Vis-à-vis ihrer Wohnungstür ragt eines der nach dem Krieg renovierten Minarette in die Luft. Die im Vorgarten aneinandergereihten Grabsteine sind Azras Freund:innen, die im Krieg verstorben sind. 


Wenn Azra spätabends die Tür schließt, bleiben im Vorzimmer links und rechts die Kisten mit Sachspenden für den nächsten Tag zurück. Solange es ihr möglich ist, wird sie die Tür für Menschen in Not öffnen. Bis dahin wissen Geflüchtete in Sarajevo auch genau, wo sie hinmüssen. Zumindest für den Tag.


Die Recherchereise wurde von der Initiative „courage2030 – Allianz für Flucht und Vernunft“ finanziell unterstützt.


Dennis Miskić ist freier Journalist aus Wien. Seine Anfänge machte er beim BIBER Magazin, heute schreibt er vor allem über den Balkan.

 

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