Gebt mir einen schwulen Mann!
SERVUS ALAYKUM. Einblicke in das (Er-)Leben der österreichischen Gesellschaft aus Sicht einer Wiener Muslima. Mit dunkelbuntem Humor und feurigem Temperament, aus dem Herzen Österreichs.
Kolumne: Menerva Hammad.
Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.
Jetzt mit einem MO-Solidaritäts-Abo unterstützen!
Welcher Begegnung in einem Wald würden sich Frauen eher aussetzen? Die mit einem Mann oder die mit einem Bären? Seit 2024 bevorzugen Frauen – jedenfalls in den sozialen Netzwerken – die fellige Option. Der Ausgangspunkt für solch ein dubioses Gedankenexperiment sind die sich weiter häufenden Erfahrungen von Frauen mit sexueller oder anderer Gewalt durch Männer, die nicht selten in Femiziden enden. Unabhängig davon, wie alt eine Frau ist, welcher Ethnie sie angehört, welchen sozialen Status sie genießen darf – bei (sexueller) Gewalt an Frauen könnte fast jede von uns mindestens eine Anekdote erzählen. So ist der Bär im Wald zwar nicht ungefährlich, aber im Vergleich lässt sich sagen: Ein Bär würde nicht auf die Idee kommen, die Frau zu vergewaltigen, bevor er sie auffrisst.
Immer dann, wenn diese Frage im Raum steht, denke ich an ein Erlebnis, das meine Perspektive über so manche Männer veränderte. Vor einigen Jahren durfte ich während einer mehrwöchigen Fortbildung eine Gruppe von bunt gemischten Menschen kennenlernen, mit denen ich im Rahmen einer Ausbildung viel Zeit verbrachte. Einige der männlichen Kollegen fielen mir sofort auf. Es waren drei Personen, die sich meinen Namen merkten, mir bei einem Dialog in die Augen sahen, mich ausreden ließen, kein Interesse daran hatten, meine Expertise in Frage zu stellen oder Mansplaining zu betreiben, weder mein Kopftuch noch meine Herkunft zum Thema machten – nicht einmal „nur aus Interesse“ – und stundenlang tiefe, persönliche Gespräche führen konnten. Mir war sofort klar: Diese Männer sind schwul.
Der Respekt, die Augenhöhe, die Tatsache, dass geballte Männlichkeit in der Ruhe und der geschenkten Aufmerksamkeit eines Mannes liegt – das war mir im Austausch mit fremden, aber vor allem weißen, Männern neu. Und es war erfrischend schön zu erleben, dass dies möglich ist.
Uns wird stets kommuniziert, dass Frauen auf der Hut zu sein, sich adäquat zu kleiden haben, am besten nichts auf Partys trinken und nachts nicht allein unterwegs sein sollen. Bei den Männern – die für Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigungen und Femizide verantwortlich sind (ja, auch wenn es „Not All Men“ heißt, so ist es immer „A heterosexual Man“) – wird nicht wirklich etwas kommuniziert oder gesellschaftlich umerzogen, sondern Frauen zur Rechenschaft gezogen und bestraft, weil sie vertraut und sich verliebt haben oder den Mut zu einer Trennung hatten. Im Falle einer Straftat sind die Konsequenzen, mit denen ein Täter zu rechnen hat, auch oft eher ein Witz als eine Abschreckung vor weiteren frauenfeindlichen Taten. Es stellt sich schon die Frage, was noch alles geschehen muss, wie viele Frauenleichen noch geborgen werden müssen, bevor sich grundlegend etwas in der Mitte unserer Gesellschaft und in unserem Bewusstsein verändert. Respektvoller Umgang mit Frauen und ein gewaltloses Leben für alle sollten keine Frage von Glück sein.
Unterstützen Sie jetzt unabhängigen Menschenrechtsjournalismus mit einem MO-Magazin-Solidaritäts-Abo



