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13. Jun. 2026

Generation Gym

DOSSIER. Das Fitnessstudio boomt – besonders bei jungen Männern. Zwischen Hantelbank und Handy entsteht ein Raum, in dem Körper gebaut und Männlichkeiten verhandelt werden. Was sagt der Fitnessboom über ihre Vorstellungen von Stärke, Anerkennung und Zugehörigkeit aus?

 

Reportage & Fotos: Naz Küçüktekin.

Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.

 

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Der Schweißgeruch liegt in der Luft, Hanteln und Gewichte verteilen sich über den Boden. Die Geräte stehen in langen Reihen vor den Spiegelwänden. Dazwischen liegt Bohdan Zakliuchnow auf einer Bank, den Blick auf die Langhantel gerichtet, die noch auf seiner Brust ruht. Dann drückt er sie langsam nach oben, hält kurz inne und legt sie wieder ab. Neben ihm steht Ivan Potaichuk und hilft, die Gewichte einzuhängen. Danach ist er an der Reihe. Bankdrücken gehört zu ihrer Fitnessroutine und ist ein fester Bestandteil ihres Brusttrainings. Zwei- bis dreimal pro Woche kommen sie ins Fitnessstudio, oft allein, manchmal gemeinsam.

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DIE FREUNDE KOMMEN AUS DER UKRAINE. 
KENNENGELERNT HABEN SIE SICH IN ÖSTERREICH.

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Zakliuchnow ist 18, Potaichuk 22 Jahre alt. Beide stammen aus der Ukraine, kennengelernt haben sie sich aber erst in Österreich. Sie besuchen dieselbe Kirche in Wien, über den Sport wurden sie schließlich Freunde. Beide waren schon früh sportlich. Zakliuchnow tanzte, bevor er vor rund vier Jahren begann, regelmäßig ins Fitnessstudio zu gehen. „Ich wollte sehen, wie stark ich bin“, sagt er über seine Motivation damals. Potaichuk schwamm früher, später boxte er, irgendwann begann er mit Kickboxen. Im Gym ist er geblieben. Seit rund fünf Jahren macht er regelmäßig Krafttraining.

 

Für Zakliuchnow und Potaichuk ist das Fitnessstudio längst fixer Teil ihres Alltags. Mit dieser Routine sind sie nicht allein. Gerade unter jungen Männern hat sich Krafttraining in den vergangenen Jahren von einer Subkultur zum Massenphänomen entwickelt.

 

Kaum eine Branche wächst derzeit so stark wie die Fitnessindustrie. Das Umsatzwachstum betrug von 2025 auf 2026 sechs Prozent. „Wir haben in Österreich 1,35 Millionen Mitglieder – das ist mehr als der Alpenverein, der Fußballverband und der Skiverband zusammengelegt“, sagte Martin Wirth, Sprecher der Fitnessbetriebe in der Wirtschaftskammer, erst kürzlich gegenüber dem ORF. Eine der größten Zuwachsgruppen bilden dabei die unter 30-Jährigen. Schätzungen zufolge ist jeder Vierte im Alter zwischen 15 und 29 Jahren aktives Mitglied eines Fitnessklubs.

 

Bohdan Zakliuchnow und Ivan Potaichuk sind beim Sport Freunde geworden. Das Fitnessstudio ist längst fixer Teil ihres Alltags.

Bohdan Zakliuchnow und Ivan Potaichuk sind beim Sport Freunde geworden. Das Fitnessstudio ist längst fixer Teil ihres Alltags. | Foto: Naz Küçüktekin

 

Neue Jugendkultur

„Der Fitness-Trend hat stark an Bedeutung gewonnen“, beobachtet auch Romeo Bissuti von der Männerberatung Wien. „Er hängt sicher mit Selbstinszenierung zusammen. Man will sich gut darstellen, körperlich wirken, sich präsentieren.“ Besonders seit der Pandemie habe sich das verstärkt. Während viele Teamsportarten wegfielen, seien individuelle Routinen wichtiger geworden. Und auch soziale Medien spielen laut Bissuti eine große Rolle. „Da ist das Thema Körperlichkeit und vor allem bei Männern eine muskulöse Körperlichkeit sehr in den Vordergrund gerückt.“

 

Auch Zakliuchnow spricht davon, dass viele junge Männer online „perfekte Körper“ sehen würden. „Das kann traurig machen“, sagt er. „Aber es motiviert mich auch.“ Auch er wolle stärker und besser aussehen. Gleichzeitig müsse man die „Balance halten“.

 

Wer online Fitnessinhalte konsumiert, stößt schnell auf Influencer, die Tipps für das Training oder die Ernährung geben. Aber auch jene, die aus körperlicher Fitness und Stärke eine gefährliche Philosophie machen.

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DAS VERHÄLTNIS VIELER JUNGER MÄNNER 
ZUM EIGENEN KÖRPER HAT SICH VERÄNDERT.

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Psychotherapeut und Männerberater Bissuti spricht von der sogenannten Manosphere, einem Netzwerk aus Influencern und Online-Communities, in denen frauenfeindliche und sexistische Inhalte verbreitet werden. Training und Körperoptimierung seien oft zentrale Themen. „Da wird jungen Männern vermittelt: Wenn du stark genug bist, genug Geld hast und diszipliniert bist, bekommst du Anerkennung.“ Muskeln stehen dort nicht nur für Gesundheit, sondern sind Symbol für Erfolg und Dominanz.

 

Laut einer Untersuchung der Männergesundheitsinitiative Movember Foundation kommen mehr als 60 Prozent der weltweit befragten jungen Männer online mit solchen Inhalten in Kontakt. Gleichzeitig warnt Bissuti davor, Jugendliche pauschal als manipulierbar darzustellen. „Viele nehmen das nicht eins zu eins an“, sagt er. Manche würden problematische Aussagen ablehnen, aber Trainingstipps oder Ernährungsratschläge übernehmen.

 

Besonders anfällig seien oft jene, die sich ohnehin isoliert fühlen. Der Online-Raum könne für junge Männer mit sozialen Ängsten oder geringem Selbstwertgefühl ein Rückzugsort werden. „Die Manosphere ist oft ein attraktiver Ort für Männer, die ihre Gefühle von Schwäche in Wut umwandeln“, sagt Bissuti.

 

Problematisch werde es dort, wo der Körper zum dauernden Vergleich werde. Manche trainierten trotz Verletzungen weiter oder hätten ständig das Gefühl, nicht muskulös genug zu sein. Bissuti spricht hier von Muskel-Dysmorphie, einer Form der Körperwahrnehmungsstörung.

 

Zwischen Vergleich und Motivation

Der Männerberater sieht im Fitnessboom aber nicht nur etwas Problematisches. „Die Medaille hat wirklich zwei Seiten“, sagt er. Besonders nach der Pandemie habe sich das Verhältnis vieler junger Männer zum eigenen Körper verändert. Während Teamsport und soziale Kontakte zeitweise wegfielen, seien individuelle Routinen wichtiger geworden. Das Fitnessstudio wurde für viele zu einem Ort, an dem man Struktur fand und gleichzeitig Kontrolle über etwas erhielt, das sich trainieren und verändern ließ.

 

Frühere Generationen von Männern hätten oft kaum Bezug zu Gesundheit, Ernährung oder Körperpflege gehabt. Heute würden sich viele junge Männer bewusster mit ihrem Körper auseinandersetzen, auf Ernährung achten oder regelmäßig Sport machen. „Dadurch entsteht natürlich auch Körperbezug, Körperbewusstsein“, sagt er. Fitness könne deshalb auch bedeuten, Verantwortung für sich selbst zu übernehmen sowie Ausdruck einer neuen Offenheit sein. „Männer beschäftigen sich jetzt mit Themen, die lange weiblich konnotiert waren: Körperpflege, Ernährung, Selbstbeobachtung.“

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FITNESSSTUDIOS SIND EIN ORT DER TEILHABE: 
NIEDERSCHWELLIG UND (OFT) BILLIG.

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Auch den sozialen Aspekt bewertet Bissuti positiv. Gerade günstige Fitnessstudios – Mitgliedschaften bei großen Ketten gibt es oft schon ab rund 30 Euro im Monat – seien vergleichsweise offene Räume. Anders als viele andere Freizeitorte seien sie niedrigschwellig, man brauche weder Vorerfahrung noch ein Team oder teure Ausrüstung. „Das ist ein Ort der Teilhabe“, sagt Bissuti. „Da begegnen sich Menschen, die sich sonst kaum treffen würden. Im Fitnessstudio trainieren Schüler neben Lehrlingen, Studierende neben jungen Männern, die Vollzeit arbeiten.“ Zwischen den Übungen werde geredet, gewartet, gegenseitig motiviert. „Da entstehen auch Beziehungen und Austausch“, sagt Bissuti. Fitnessstudios würden dadurch auch zu sozialen Räumen – gerade für junge Männer, die sonst oft nur wenige Orte hätten, an denen Gemeinschaft unkompliziert entstehe.

 

Auch Potaichuk beschreibt das Gym als einen Ort, an dem er einfach sein könne. „Hier sind alle gleich“, sagt er. „Egal, woher man kommt oder wie gut man Deutsch spricht. Alle haben das gleiche Ziel: fit und gesund bleiben“, ergänzt er. Er achte auf Ernährung und versuche, „einen gesunden Körper zu entwickeln“. Nicht für andere, sondern für sich selbst.

 

Zakliuchnow sieht das ähnlich. „Andere in unserem Alter rauchen und trinken“, sagt er. Für ihn sei das Fitnessstudio stattdessen zu einer festen Routine geworden. Ein Ort, an dem er abschalten könne, aber gleichzeitig das Gefühl habe, an etwas zu arbeiten.

 

Naz Küçüktekin war bei der Wiener Bezirkszeitung, dem biber Magazin, bei Profil und zuletzt beim Kurier tätig, wo sie sich im Ressort „Mehr Platz“ vor allem mit migrantischen Lebensrealitäten beschäftigte. Das tut sie nun weiterhin als freie Journalistin.

 

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