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29. Jul. 2025

Zehn Jahre danach – Hani Teban: „Es gibt viele Türen im Leben, aber man muss sie auch öffnen“

Hani Teban arbeitete in Syrien als Geschichtelehrer an einem Gymnasium, als der Krieg ausbrach und ihn zwang zu flüchten. In Österreich schaffte er es, wieder in seinen Beruf einzusteigen. Inzwischen konnte er die österreichische Staatsbürgerschaft erlangen. Er kann sich vorstellen, in Zukunft im diplomatischen Dienst zu arbeiten.

 

Redaktion und Fotos: Sonja Kittel

 

„Ich bin Hani Teban. Ich komme aus Syrien und bin nach meiner Flucht vor etwas mehr als 10 Jahren in Österreich angekommen. Damals war ich 29 Jahre alt. Zuerst war ich in einem Flüchtlingsheim in einer sehr kleinen Ortschaft in der Nähe von Scheibbs. Da ich gut Englisch spreche, konnte ich von Anfang an helfen. Ich habe übersetzt und andere Geflüchtete zum Arzt begleitet. In dem Heim lernte ich eine sehr liebe Familie kennen, die mich unterstützt hat. Sie sprachen Deutsch mit mir und wir machten gemeinsam Ausflüge.  Nach sieben Monaten bekam ich meinen positiven Asylbescheid und zog dann in eine Wohnung in Wien, die der Familie gehörte. Obwohl ich gerne etwas dafür zahlen wollte, ließen sie es nicht zu, noch nicht mal für Strom oder Gas. Für mich war es eine große Chance, um neu anzufangen.

 

 

„Hatte immer einen Block in der Tasche“

Im Heim hatte ich schon begonnen selbstständig Deutsch zu lernen mit der Hilfe von Youtube-Videos. Ich wurde in Wien dann gleich mit A2 eingestuft und habe Deutschkurse besucht. Die Kurse selbst reichen aber nicht aus, um richtig Deutsch zu lernen. Dort geht’s vor allem um die Grammatik, aber für die Aussprache und um wirklich reden zu können, braucht man Praxis. Als ich nach Wien gekommen bin, habe ich sofort angefangen, freiwillig für den Samariterbund zu arbeiten. Ich habe mich im Radstadion in der Leopoldstadt um andere Geflüchtete gekümmert. Dort habe ich viele neue Menschen kennengelernt und war immer im Austausch mit den Kolleg:innen. Ich hatte immer einen kleinen Block in der Tasche, auf den ich mir neue deutsche Worte geschrieben habe, um sie dann zu lernen.

 

„Ich konnte wieder als Lehrer anfangen“

Meine Kolleg:innen beim Samariterbund waren toll, und auch meine Chefin war super. Ich hatte in Syrien ein Studium für Geschichte auf Lehramt gemacht und schon in einer Mittelschule und einem Gymnasium als Geschichtelehrer gearbeitet. Als meine Chefin das herausgefunden hat, hat sie mich dabei unterstützt, wieder in diesen Beruf zurückzukehren. Sie hat mir einen Termin bei der Bildungsdirektion organisiert und dort hatte ich dann ein Vorstellungsgespräch. Ich konnte sie überzeugen und als Muttersprachenlehrer für Arabisch an vier verschiedenen Volksschulen anfangen. Das war 2016 und eine große Freude für mich. Ich konnte wieder in meinem Beruf arbeiten und so auch meine Familie in Syrien unterstützen.

 

„Ich wusste nicht, ob ich der nächste sein würde“

Wir lebten in der Nähe der Hauptstadt Damaskus, der ältesten Hauptstadt der Welt. Es gibt dort viele historische Gebäude, ein Fluss fließt hindurch und die Stadt ist umgeben von Bergen. Wien hat mich sehr daran erinnert. Ich hätte zur Armee gehen müssen und wollte das nicht, daher musste ich flüchten – über den Libanon und die Türkei nach Griechenland und von dort aus weiter nach Österreich. Die Flucht war die Hölle. Viele Male wäre ich fast gestorben. Ich hörte während der Flucht auch von den vielen anderen Menschen, die auf dem Weg gestorben waren und wusste nicht, ob ich der nächste sein würde. Vielleicht heute, vielleicht morgen. Auch meine Familie machte sich große Sorgen, weil sie viele Wochen keine Nachricht von mir bekam. Meine Mama erzählte mir später, dass sie die ganze Zeit geweint hatte. Im Februar war ich das erste Mal zurück in Syrien und habe nach 12 Jahren wieder meine Heimat gesehen. Das war unglaublich. So viele Emotionen. Jetzt, nach dem Sturz des Diktators, ist die Situation dort ein bisschen besser. Es sind sogar schon wieder Tourist:innen dort.

 

„Wir brauchen jetzt Diplomatie, keine Waffen“

2020 habe ich die österreichische Staatsbürgerschaft bekommen. Mittlerweile habe ich einen unbefristeten Arbeitsvertrag und arbeite an zwei Schulstandorten als Muttersprachen- und Mehrsprachigkeits-Lehrer. Die Kinder freuen sich immer riesig, wenn ich komme, und wir haben ein tolles Verhältnis. Ich habe dafür zwei Lehrgänge an der Pädagogischen Hochschule absolviert und auch meinen Master in Politikwissenschaften gemacht. Politik ist meine Leidenschaft. Momentan mache ich ein Online-Studium für diplomatische und politische Beziehungen an einem internationalen College in London und Dubai und schreibe meine Doktorarbeit. Ich kann mir vorstellen in Zukunft auch in diesem Bereich zu arbeiten, vielleicht in einer Botschaft. Wir brauchen jetzt Diplomatie, keine Waffen. Wir sind alle Menschen, egal wo wir herkommen und es ist nicht unsere Entscheidung oder Schuld, in welchem Land und in welche Kultur und Religion wir geboren werden.

 

„Ich habe mich geöffnet“

Für mich war die Familie, die ich gleich am Anfang kennengelernt habe, eine große Unterstützung beim Ankommen. Aber ich habe mich auch sofort geöffnet und die Chancen genutzt. Anderen Menschen, die jetzt in meiner damaligen Situation sind, rate ich, offen zu sein und möglichst schnell Deutsch zu lernen, und zwar nicht nur im Deutschkurs. Sie können in Sprachencafés gehen oder Freiwilligenarbeit machen, um mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Man kann nicht zuhause sitzen und darauf warten, dass jemand anklopft und sagt, hier ist dein neues Leben. Es gibt viele Türen im Leben, aber man muss sie auch öffnen. Man muss kämpfen und es wirklich wollen.“

 

Zehn Jahre ist es her, dass rund um die Jahre 2014 bis 2016 mit der großen Fluchtbewegung viele zehntausende Menschen nach Österreich kamen, die ihre Heimat aufgrund von Krieg und Verfolgung verlassen mussten. In der 5-teiligen Porträtreihe „10 Jahre danach“ kommen Menschen zu Wort, die damals in Österreich ankamen und sich hier ein neues Leben aufgebaut haben. Was sind ihre Erfahrungen, ihre Sorgen, ihre Erfolge und Wünsche? Sie erzählen selbst, wie sie ihre Flucht und ihr Neuanfang geprägt haben. Wenn Sie Geflüchtete unterstützen wollen, finden Sie hier Infos und Kontakte. Alle bereits veröffentlichten Porträts der aktuellen Reihe sowie unsere Porträtreihen der letzten Jahre sind hier nachzuschauen: www.hierangekommen.at

 

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