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13. Jun. 2026

Hurra, wir frieren!

POPULÄR GESEHEN. Mehr Kälte für andere soll uns wärmen? Der gefährliche Irrglaube hinter einem politischen Spiel, bei dem am Ende alle verlieren.

 

Eine Kolumne von Martin Schenk.

Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.

 

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In unserem Haus zieht es herein, es ist kalt und nicht gut gedämmt. Jetzt geht es darum, einzelnen die Fenster einzuschlagen und ihnen die Heizung abzudrehen. Die einen sollen sich wärmer fühlen, weil nebenan gefroren wird. Die Botschaft lautet: Hurra, wenn es nebenan zieht, ist deine Wohnung wärmer! Währenddessen bleibt das eigentliche Problem unangetastet: die schlechten Fenster, die miese Dämmung, die ungleiche Lastenverteilung, die fehlenden Investitionen in tragfähige Strukturen. Statt gemeinsam das Dach zu reparieren, streitet man darüber, wem man als Nächstes das Fenster einschlagen darf. Wenn im Erdgeschoss tragende Pfeiler entfernt werden – etwa durch den Abbau sozialer Sicherungssysteme –, bekommt aber auch das Obergeschoss Risse. 

 

„Wenn andere (meist noch Ärmere, noch Schwächere, noch Machtlosere) weniger bekommen, geht’s Dir besser“, lautet das falsche Versprechen. Ein rhetorischer Trick, der Personen mit ähnlichen Interessen spaltet. Am Ende wird bei den „noch Ärmeren, Schwächeren, Machtloseren“ gekürzt, ohne dass irgendetwas verbessert wird. Eine Lose-lose-Strategie – verkauft als Gerechtigkeit. Aus dieser Illusion ziehen am Ende nur die Verkäufer ihren Profit.

 

Da steckt etwas Sadistisches und gleichzeitig Selbstzerstörerisches drinnen. Da ist eine Lust, auf diejenigen am Boden auch noch draufzusteigen, sich über die produzierten Opfer lustig zu machen und sie zu verhöhnen. Diese Freude am Schmerz der anderen narkotisiert den eigenen Schmerz über die unguten Verhältnisse. Und es entlastet die wirklich Verantwortlichen der Misere. Wir sitzen im Boot, in das durch ein Leck Wasser eintritt. Im Sadopopulismus geht es jetzt nicht darum, das Leck zu stopfen, sondern darum, bestimmten Gruppen im Schiff ihre Rettungswesten wegzunehmen. Hurra, die da drüben haben keine Westen mehr! Das Leck aber bleibt – das Wasser kommt weiter ins Innere. Und während man sich an der Schutzlosigkeit der anderen erfreut, droht das Boot unterzugehen.

 

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Martin Schenk ist Sozialexperte der Diakonie Österreich.

 

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