„Ich mache das nicht, weil es mir Spaß macht“
DOSSIER. Claire Kardas ist Pflegeauszubildende, Aktivistin, trans Frau und war stellvertretende Obfrau des zweiten Frauenvolksbegehrens. Ein Gespräch über politische Erschöpfung, strukturelle Gewalt und darüber, warum ausgerechnet Feministinnen zu Gegnerinnen werden können
Interview: Milena Österreicher, Fotos: Christopher Mavrić.
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Du sprichst heute wieder öffentlich über Trans-Themen, obwohl du dich nach früherem Aktivismus etwas zurückgezogen hattest. Warum jetzt?
Weil es notwendig ist. Ich mache das nicht, weil es mir Spaß macht. Es kostet unglaublich viel Zeit, Kraft und emotionale Energie. Eigentlich möchte ich mich auf meine Pflegeausbildung konzentrieren. Aber ich sehe, wie schlecht es trans Menschen, queeren Menschen und Frauen gerade geht. Ich bin selbst betroffen und ich sehe Menschen, die weniger privilegiert sind als ich und noch größere Hürden haben. Für diese Menschen möchte ich eine Stimme sein, auch wenn mich das selbst belastet.

Trans Frauen seien mit sehr vielen Anforderungen konfrontiert, wie sie auszusehen und wie sie sich zu präsentieren haben, um als Frauen zu gelten, sagt Kardas. Eine Alltagsanstrengug, die erschöpft. | Foto: Christopher Mavrić
Du hast dich früh politisch engagiert: Du warst mit 16 Jahren aktiv beim Frauenvolksbegehren 2018 und wenig später stellvertretende Obfrau. Was hat dich damals motiviert?
Ich habe durch mein Umfeld sehr früh gesehen, wie schwierig das Leben für viele Frauen ist, besonders im Erwachsenenalter. Ich habe erlebt, was es bedeutet, alleinerziehend zu sein, finanziell zu kämpfen oder im Job und im Gesundheitssystem nicht ernst genommen zu werden. Dazu kamen Themen wie Femizide, strukturelle Gewalt und Unterdrückung. Gleichzeitig war ich in einer Phase der Selbstfindung und habe mich intensiver mit Queer- und Trans-Themen auseinandergesetzt. Beim Frauenvolksbegehren hatte ich das Gefühl, dass diese Perspektiven dort Platz haben und es gab sogar den ausdrücklichen Wunsch, dass ich sie einbringe.
Das Volksbegehren erreichte knapp eine halbe Million Unterschriften. Zentrale Forderungen wie die Aufwertung von Pflege- und Care-Arbeit oder flächendeckender Zugang zu Schwangerschaftsabbrüchen wurden nicht umgesetzt. Wie blickst du heute darauf zurück?
Ehrlich gesagt war es danach extrem frustrierend. Es war das zweite Frauenvolksbegehren in Österreich, es gab unglaublich viele Unterschriften und breite Unterstützung, auch von prominenten Personen. Und trotzdem wurde das Anliegen politisch sehr schnell zur Seite geschoben. Für mich war das ein Moment, der mir viel Energie für Aktivismus genommen hat. Zu sehen, dass selbst ein so offizielles Instrument kaum politische Konsequenzen hat, war ernüchternd.
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"ALS TRANS PERSONEN ERFAHREN WIR PERMANENT
ANGRIFFE VOM UMFELD UND DER GESELLSCHAFT."
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Womit sind trans Menschen bis heute im Alltag konfrontiert?
Eine der ersten großen Herausforderungen beginnt bei sich selbst: bei der Geschlechtsdysphorie, also dem tiefen Unwohlsein im eigenen Körper. Diese Erfahrungen habe ich selbst gemacht, bevor ich medizinische Schritte setzen konnte. Bei trans Frauen kommt hinzu, dass wir vielen Zuschreibungen und Anforderungen ausgesetzt sind, wie wir auszusehen haben und wie wir uns zu präsentieren haben, um als Frauen zu gelten. Hinzu kommen die permanenten Angriffe, die trans Personen erfahren: von unserem Umfeld und von der Gesellschaft. Und der Zugang zur Gesundheitsversorgung ist mangelhaft.
Woran mangelt es?
Der Zugang zu rechtlicher und medizinischer Selbstbestimmung ist nach wie vor extrem schwierig. Trans Menschen brauchen pathologisierende Gutachten, müssen zu Psychiater:innen und klinischen Psycholog:innen, um Namen oder Geschlechtseintrag ändern zu können. Unsere Identität wird damit als Krankheit behandelt. In der medizinischen Versorgung kommen lange Wartezeiten hinzu, wenige spezialisierte Ambulanzen und selbst in Wien eine massive Unterversorgung für trans Personen. Am Land fehlen oft jegliche Strukturen dafür. Hinzu kommen hohe Kosten für die medizinische Geschlechtsangleichung: Gutachten, Arzttermine, Laborkosten, Hormone. Für Menschen, die ohnehin jeden Euro umdrehen müssen, ist das eine enorme Hürde. Selbstbestimmung darf aber keine Frage des Geldbörsels sein.
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"OFT MÜSSEN PATIENT:INNEN
SELBST ERKLÄREN, WAS SIE BRAUCHEN."
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Du bist selbst in der Pflegeausbildung. Wird Trans- oder Intergeschlechtlichkeit dort thematisiert?
Bis jetzt nicht wirklich. In der Pflege wird sehr stark binär gedacht: Mann oder Frau. Es gibt zwar den Anspruch, Menschen respektvoll zu behandeln, aber es wird kaum darüber gesprochen, dass es auch andere Geschlechtsidentitäten gibt. Von Freund:innen im Medizinstudium höre ich Ähnliches. Viele relevante Themen – von Transgesundheit bis Schwangerschaftsabbruch – sind kein fixer Bestandteil des Curriculums. Am Ende müssen Patient:innen oft selbst erklären, was sie brauchen. Das ist für alle Beteiligten belastend.
Du thematisierst auch Gewalt gegen trans Menschen. Laut einer Erhebung der EU-Grundrechteagentur (FRA) aus dem Jahr 2024 erlebte jede vierte trans Person in der EU in den vergangenen fünf Jahren sexuelle oder körperliche Gewalt. Was muss hier in Österreich getan werden?
Es gibt viel zu wenig Stellen, an denen Betroffene ernst genommen werden. Polizei und Justiz sind oft nicht ausreichend sensibilisiert. Es braucht eigene Anlaufstellen für queere Personen mit geschultem Personal. Orte, an denen Menschen mit Würde behandelt werden. Und mehr Ressourcen für Betroffene, nicht nur für Täterprogramme.

Die junge Generation, die reflektiert und sich weiterbildet, gibt Claire Kardas Hoffnung. Auch im Gesundheitsbereich fehle es noch an Bewusstsein für queere Lebensrealitäten. | Foto: Christopher Mavrić
Wenn es um Räume für Frauen und Schutzräume geht, warnen manche Feminist:innen davor, trans Frauen den Zugang dazu zu gewähren. Kannst du das nachvollziehen?
Zu einem gewissen Grad schon. Oft steckt Angst dahinter, besonders Angst vor männlicher Gewalt. Diese Angst kommt ja nicht aus dem Nichts. Viele Frauen haben Dinge erlebt, die wir uns kaum vorstellen können. Problematisch wird es aber dort, wo diese Angst auf trans Frauen projiziert wird. Die Behauptung trans Frauen würden sich Schutzräume „erschleichen“, hält der Realität nicht stand. Der rechtliche und medizinische Prozess ist lang, teuer und belastend. Diese Debatten machen mich sehr traurig. Im Kern haben wir ja dieselben Ziele: ein Leben ohne Gewalt, mit fairen Bedingungen für alle. Alle möchten akzeptiert werden, einen Platz in der Gesellschaft haben und glücklich leben können. Ich würde jederzeit gemeinsam gegen Femizide kämpfen, gegen Ungleichheit im Sozialbereich oder gegen schlechte Arbeitsbedingungen in der Pflege. Stattdessen wird viel Energie darauf verwendet, sich gegenseitig zu bekämpfen. Das schwächt uns und blendet aus, dass sich die Situation auch für queere Menschen weltweit gerade verschlechtert. Wir dürfen nicht vergessen: Trans Menschen gehörten schon historisch zu den ersten, die verfolgt wurden, etwa im Nationalsozialismus. Ich habe große Sorge, dass sich Geschichte in gewissen Mustern wiederholt. Wir sehen gerade in den USA, wie Menschen verfolgt, eingesperrt und auch getötet werden. Über Renée Good, die von einem ICE-Beamten getötet wurde, hat man sich danach lustig gemacht, dass sie lesbisch war und ihre Pronomen auf Social Media angegeben hat. Was in den USA passiert, bleibt selten dort. Rechte Parteien in Europa schauen sehr genau hin, was funktioniert: welche Narrative ziehen, welche Feindbilder mobilisieren, welche Gesetze sich durchsetzen lassen.
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"ES GIBT ZU WENIG ANLAUFSTELLEN
FÜR QUEERE GEWALTBETROFFENE."
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Du bezeichnest dich selbst als queerfeministisch. Was bedeutet das für dich?
Feminismus ist ein sehr breiter Begriff geworden. Darunter fallen auch Positionen, die nur die Interessen privilegierter Frauen vertreten. Queerfeminismus bedeutet für mich, intersektional zu denken: nicht nur weiße Akademikerinnen mitzudenken, sondern auch die alleinerziehende Mutter mit Kopftuch, trans Menschen und andere marginalisierte Gruppen. Ohne diesen Anspruch verliert Feminismus für mich an politischer Schärfe.
Was gibt dir trotz allem Hoffnung?
Die jüngere Generation. Ich sehe gerade bei jungen Menschen im Gesundheitsbereich ein Umdenken. Viele sind offen, reflektiert und bereit, Normen zu hinterfragen. Sie bilden sich selbstständig weiter, interessieren sich für Themen, die im Curriculum fehlen, und wollen Patient:innen besser versorgen. Das gibt mir Hoffnung – auch wenn der Weg noch lang ist.
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Gut zu wissen:
Trans bezeichnet Menschen, deren Geschlechtsidentität nicht oder nicht vollständig dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen wurde.



