Bittsteller:innen der Republik
DOSSIER. Der österreichische Staat hat sich gesetzlich dazu verpflichtet, seine autochthonen Minderheiten zu schützen, doch ihre Sprache und Kultur sind stark gefährdet. Viele ihrer Vertreter:innen fühlen sich wie Bittsteller:innen, wenn sie um Förderungen ansuchen. So auch die Burgenlandkroat:innen.
Text: Sonja Kittel.
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„Immer dann, wenn die offizielle österreichische Politik darüber spricht, wie stolz sie auf die Vielfalt ihrer Minderheiten ist, sind das geflügelte Worte“, sagt Theresa Grandits, Chefredakteurin der Hrvatske novine. Die Wochenzeitung ist seit der Umstrukturierung der Volksgruppenförderung 2021 das Leitmedium der Burgenlandkroat:innen und muss, wie andere Volksgruppenmedien und -vereine auch, regelmäßig um ihren Fortbestand zittern. Denn langfristige Planungssicherheit gibt es auch nach der vermeintlichen Verdopplung des Fördervolumens für Volksgruppen vor vier Jahren nicht. Förderzusagen gibt es nur für ein bis zwei Jahre.

Die "Hrvatske novine", die Wochenzeitung der Burgenlandkroat:innen, erscheint seit 1922. Sie zählt zu den ältesten Zeitungen Ostösterreichs, die noch immer erscheint.
Umstrukturierung des Förderwesens
Die damalige Kanzleramtsministerin Susanne Raab (ÖVP) nannte es einen „Meilenstein“ und „Ausdruck historischer Verantwortung“, als der Ministerrat eine Erhöhung der Volksgruppenförderung von 3,9 Millionen Euro auf 7,9 Millionen Euro beschloss. Sie vergaß jedoch zu erwähnen, dass es seit den Neunzigern keine Valorisierung gegeben hatte, was einen großen Teil der Erhöhung in der Praxis wieder auffraß. Auch das Förderwesen an sich wurde neu strukturiert. Anstatt eines einzigen Fördertopfs gibt es für Vereine, Stiftungen und Fonds, die mit ihrer Arbeit zum Erhalt der Volksgruppen beitragen, nun zusätzliche Töpfe für „Interkulturelles“ und „sonstige Zuschüsse“.
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VOLKSGRUPPENMEDIEN MÜSSEN REGELMÄSSIG
UM IHREN FORTBESTAND ZITTERN.
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Außerdem gibt es eine Medienförderung, die jeweils an ein von der Volksgruppe bestimmtes Leitmedium ausgezahlt wird. Im Fall der Burgenlandkroat:innen die Hrvatske novine. „Unsere Aufgabe ist es, das burgenländisch kroatische Leben zu dokumentieren und Themen aufzugreifen, die die Volksgruppe betreffen“, erklärt Chefredakteurin Grandits. Dies können Berichte über ein Tamburica-Konzert in Großwarasdorf/Veliki Borištof oder Wahlen in Kroatien sein. Genauso gibt es aber auch eine Kinderseite, Kreuzworträtsel und Nachrichten aus aller Welt.
Die Zeitung muss Infrastruktur, Mitarbeitende und sonstige Kosten tragen. Ohne die Medienförderung wäre das nicht machbar. „Im Mehrheitskontext versteht man unter Leitmedium eine qualitativ hochwertige Zeitung, die einen hochaktuellen Internetauftritt hat und gerade für junge Menschen einen spannenden Social Media Content liefert“, sagt Grandits. Mit den 283.000 Euro, die der Zeitung für 2025 zugesprochen wurden, könne man gerade ein Minimum vollziehen und nie die Professionalität anderer österreichischer Zeitungen erreichen.
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"WIR SIND NICHT AUF DERSELBEN EBENE
WIE DIE MEHRHEITSGESELLSCHAFT."
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Auch für das Hrvatski Centar, das Kroatische Zentrum, ist die Volksgruppenförderung existentiell. Die Dachorganisation für burgenländische Kroat:innen in Wien betreibt den einzigen kroatisch-deutschen Kindergarten der Stadt, organisiert Kulturveranstaltungen und Sprachkurse, produziert den „Centar.Podcast“ und bietet Platz für einen Chor und eine Folklore-Gruppe. „Wir sind keinen Repressionen ausgesetzt, aber wir sind eben auch nicht auf derselben Ebene wie die Mehrheitsgesellschaft, was schulische Bildung, mediale Versorgung oder politische und kulturelle Partizipation anbelangt“, sagt Gabriela Novak-Karall, Leiterin des Hrvatski Centar.

Gabriela Novak-Karall ist die Geschäftsführerin des Kroatischen Zentrums/Hrvatski Centar, im Vorstand des kroatischen Pressevereins und Mitglied des kroatischen Volksgruppenbeirats.
Intransparente Vergaben
Novak-Karall ist auch Mitglied des Volksgruppenbeirats. Jede anerkannte Volksgruppe in Österreich hat einen solchen Beirat beim Bundeskanzleramt. Sie sollten die Bundesregierung seit Verabschiedung des Volksgruppengesetzes 1976 beraten und Vorschläge für die Vergabe der Förderungen machen. Sowohl Novak-Karall selbst als auch Theresa Grandits sprechen hier jedoch von einer sehr willkürlichen und intransparenten Besetzung.
Der Beirat besteht aus einer politischen Kurie mit zehn Verteter:innen von SPÖ und ÖVP – ein Überbleibsel aus der Zeit, als die beiden Parteien noch deutliche Mehrheiten hatten – und einer Vereinskurie. Dort entscheiden zwölf Personen von bestimmten Volksgruppenvereinen und zusätzlich zwei Kirchenverteter:innen.
Auffällig sei, dass zwei der burgenländisch kroatischen Vereine eindeutig parteipolitisch sind, und mit der politischen Kurie eine Mehrheit bilden können. „Jeder Antrag kann so automatisch geregelt werden und das zeigt sich auch in den Abstimmungsergebnissen“, meint Grandits. Bestimmte größere Vereine dürfen Vorschläge für die Volksgruppenvertretung im Beirat machen, wobei vor allem Frauen und junge Menschen kaum eine Chance bekommen. Nur drei Frauen und eine Person unter dreißig finden sich aktuell bei den Burgenlandkroat:innen in der Vereinskurie. Ähnlich undurchsichtig wie die Zusammensetzung des Beirats ist auch die Vergabe der Förderungen. Während die Beiräte bei dem allgemeinen Fördertopf für Volksgruppen einen Vorschlag abgeben, dem meistens gefolgt wird, entscheidet bei den neu geschaffenen Töpfen eine im Bundeskanzleramt angesiedelte Kommission, deren Mitglieder nicht öffentlich bekannt sind. Es gibt kein Feedback, warum Förderanträge angenommen oder abgelehnt wurden und der Verteilungsschlüssel verändert sich wenig. „Es ist selten so, dass die Projekte inhaltlich bewertet werden. Der Beirat schaut, wie es im letzten Jahr war, und nichts bewegt sich“, sagt Novak-Karall.

Theresa Grandits ist Chefredakteurin der burgenländisch kroatischen Wochenzeitung Hrvatske novine.
Förderung wieder gekürzt
Neben der Volksgruppenförderung gibt es von staatlicher Seite noch einen Fördertopf für Volksgruppen im Bildungsministerium, der etwa beim Hrvatski Centar das Jahresprogramm für Kultur- und Bildungsangebote unterstützt. Auch EU-Förderungen wären noch möglich, doch der administrative Aufwand sei so hoch, dass laut Novak-Karall keine Zeit mehr für die eigentliche Arbeit bleiben würde.
Eine breite Aufstellung bei der Finanzierung ist jedoch notwendiger denn je: Die österreichische Bundesregierung hat eine Kürzung der Fördertöpfe „Interkulturelles“ und „sonstige Zuschüsse“ beschlossen. 189.000 Euro weniger waren es 2025, 600.000 Euro weniger werden es im nächsten Jahr sein.
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DIE FÖRDERTÖPFE WURDEN WIEDER GEKÜRZT.
NEUE INITIATIVEN HABEN EINEN SCHWEREN START.
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Das schrumpfende Budget macht es neuen Initiativen nicht gerade leicht, Förderungen zu bekommen. „Es ist wichtig, dass Vereine, die konkrete Aufgaben übernommen haben und eine räumliche und personelle Infrastruktur benötigen, die Sicherheit haben, dass diese Tätigkeit weiter gefördert wird. Platz für Neues ist aber da“, meint Gerlinde Stern-Pauer. Sie ist Gründungsmitglied der KUGA, die seit 43 Jahren ein breites burgenlandkroatisches Angebot vom Baby-Café über Kinder- und Jugendchöre und Rock- und Pop-Workshops bis zu Gesundheits-, Bewegungs- und Sprachkursen anbietet. In diesem Jahr erhielt der Verein 150.000 Euro aus der allgemeinen Volksgruppenförderung. Aus dem Topf „sonstige Zuschüsse“ kamen noch einmal 41.475 Euro für 2024 und 2025 dazu, die für notwendige Infrastrukturmaßnahmen beantragt wurden. „Es hat viel zu lange gedauert, bis der politische Wille da war, den Volksgruppen Rechte zu gewähren. Heute ist vieles besser geworden, aber es gibt noch Luft nach oben“, sagt Stern-Pauer. „Es gibt einen Staatsvertrag, mit dem Österreich als demokratischer und souveräner Staat wiederhergestellt wurde. In diesem Staatsvertrag sind Rechte für anerkannte Minderheiten niedergeschrieben, zu denen Österreich sich verpflichtet hat“, beantwortet Chefredakteurin Theresa Grandits die Frage, warum es extra Förderungen für Volksgruppen gibt. Burgenlandkroatisch sei mittlerweile eine stark gefährdete Sprache. Davor warnte auch 2009 schon eine Studie der UNESCO. Grandits wünscht sich bei den Förderungen eine klare Zielsetzung, Transparenz und gut gesetzte Schwerpunkte. Gabriela Novak-Karall, Leiterin des Hrvatski Centar, versucht innerhalb der Volksgruppen anzusetzen und hofft, die Vereine besser zu strukturieren und Aufgaben klar zu verteilen: Wer gibt Bücher heraus? Wer macht welche Kurse? Wer erstellt welche Infomaterialien? Jeder Verein sollte sein Profil schärfen und sein Segment betreuen. Von der Regierung fordert sie mehr Planungssicherheit und Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Novak-Karall resümiert: „Die Volksgruppen gehören in der Realität nicht wirklich zum Selbstverständnis Österreichs und solange wir nicht dort sind, fühle ich mich weiterhin als Bittstellerin.“
Sonja Kittel beschäftigt sich als freie Journalistin und Autorin gerne mit verschiedensten Lebensgeschichten und den Menschen dahinter.
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