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22. Jul. 2025

Zehn Jahre danach – Jaafar Bambouk: „Bin auch einfach ein Mensch, mit allem was dazugehört“

Jaafar Bambouk flüchtete 2014 als unbegleiteter Minderjähriger aus Syrien nach Österreich. Jetzt zieht er in den Gemeinderat der Stadt Wien ein und will sich dort den Themen Asyl und Integration widmen. 

 

Redaktion & Fotos: Sonja Kittel

 

„Mein Name ist Jaafar Bambouk. Ich bin 26 Jahre alt und komme ursprünglich aus Syrien. Mit 15 flüchtete ich ohne meine Eltern nach Österreich, seit September 2014 lebe ich in Wien. Ich habe zuerst in einer Caritas-WG für unbegleitete minderjährige Geflüchtete gelebt und hatte das Glück, dann auch gleich einen Schulplatz in einem Wiener Gymnasium zu bekommen. Dort startete ich in der sechsten Klasse. Deutsch lernte ich im Alltag und im Unterricht. Extra Deutschförderung gab es nicht. Ich besuchte einen Deutschkurs im Sprachenzentrum an der Universität Wien. Das hatte ich mir selbst organisiert und Bekannte unterstützten mich bei der Finanzierung. 

 

 

„Ich bin auch einfach ein Mensch“
In der sechsten Klasse durfte ich meine Prüfungen noch auf Englisch schreiben und war in allen Fächern benotet, außer in Deutsch. Die Schule entschied, mich aufsteigen zu lassen, mit der Bedingung, dass ich über den Sommer ausreichend Deutsch lerne. Auf die erste Deutschschularbeit schrieb ich dann einen Dreier. Ab da war ich eigentlich ein ganz normaler Schüler und maturierte. Ich studierte Politikwissenschaften und schloss 2023 mit dem Master ab. Das war schon eine große Herausforderung und mit extrem viel Energie und Zeit verbunden. Auf der anderen Seite mag ich es nicht, darauf reduziert zu werden, denn ich bin auch einfach ein Mensch, mit allem was dazugehört. 


„Das hat mein Interesse für die Politik geweckt“ 
Ich bin im arabischen Frühling politisch sozialisiert worden. Ich komme auch aus einer politischen Familie, die den Preis dafür gezahlt hat, oppositioneller Gegner von Assad zu sein. Ich selbst wurde fast verhaftet in der Schulzeit, weil ich Witze über ihn gemacht habe. Als Kind wollte ich Arzt werden. Mein Papa und mein älterer Bruder sind Ärzte, meine Mutter Apothekerin. Doch in Österreich änderte sich mein Berufswunsch. Mich hat fasziniert, dass es hier freie Wahlen und Parteien gibt, und dass man seine Meinung sagen kann, ohne dafür bestraft zu werden. Das hat mein Interesse für die Politik geweckt. Nach der Matura ging ich zu den Grünen und baute mit anderen jungen Menschen die Grüne Jugend neu auf. Bis 2019 war ich dort in verschiedenen Vorstandsfunktionen tätig. Ich habe auch als parlamentarischer Mitarbeiter für den EU-Sprecher Michel Reimon gearbeitet. 


„Ich bin ein Kind der MA 35“
Anfang dieses Jahres habe ich beschlossen, mich bei der Landesversammlung für die interne Liste der Grünen in Wien aufstellen zu lassen und wurde dort auch gewählt. Mein Platz war laut den Umfragen noch eine Wackelposition. Das endgültige Ergebnis war aber besser als vorhergesagt und jetzt werde ich im Gemeinderat in Wien angelobt. Das wird eine Lebensumstellung. Ich studiere wieder und mache einen Master in internationalen Beziehungen an der Diplomatischen Akademie. Das dauert noch ein Jahr. Im Gemeinderat werden meine Hauptthemen, auch biografisch bedingt, Asyl, EU, Rechtsextremismus und Staatsbürgerschaft sein. Ich war ein Kind der MA 35. Dort habe ich schon viel Zeit meines Lebens verbracht, um für mich und meine Eltern die Staatsbürgerschaft herauszulocken. 


„Da habe ich bemerkt, wie wenig Integration belohnt wird“
Ich bekam nach vier Monaten den positiven Asylbescheid und hab dann direkt den Antrag für Familienzusammenführung gestellt. Nach 18 Monaten ohne meine Eltern konnte ich dann endlich wieder mit ihnen zusammenleben. Da habe ich bemerkt, wie wenig Integration belohnt wird. Meine Eltern waren beide über 55 Jahre alt, als sie herkamen. Sie haben extrem viel an sich gearbeitet, schnell Deutsch gelernt und ihre Studien nostrifizieren lassen. Einen Arbeitsplatz zu finden war dann aber eine sehr große Herausforderung. Mein Vater hätte eine einjährige Dermatologie-Ausbildung nachholen müssen, um wieder in seinem Fach zu arbeiten und meiner Mutter brauchte eine Aspirantenstelle bei einer Apotheke. Für beides fanden sie keinen Platz. Es ist, wie wenn ein 55-jähriger Österreicher nach Syrien geht, Arabisch lernt und auf der Uni in Aleppo sein Medizinstudium nostrifizieren lässt. Obwohl meine Eltern all das gemacht haben, blieb ihnen die Belohnung in Form einer Stelle in ihrem Ursprungsberuf verwehrt. Glücklicherweise fanden sie beide dann trotzdem einen Arbeitsplatz im medizinischen Bereich und sind seit fünf Jahren zurück im Berufsleben. 


„Das fühlt sich wie eine Schikane an“ 
Zu versuchen, die Staatsbürgerschaft in Wien zu bekommen, ist wirklich eine Katastrophe. Es gibt kaum Informationen und alles dauert ewig. Ich habe sehr lange auf meinen ersten Termin bei der MA 35 gewartet, doch dann ging es erstaunlich schnell und innerhalb von drei Monaten bekam ich die Staatsbürgerschaft. Das ist jedoch die Ausnahme. Bei meinen Eltern dauerte es ein knappes Jahr nach dem ersten Termin und auch das ist eher noch unter dem Durchschnitt. Das fühlt sich wie eine Schikane und integrationsfeindlich an. Für mich war diese Staatsbürgerschaft ein sehr großes Privileg, weil ich dann politisch teilhaben durfte. Ich habe letztes Jahr an meinen allerersten demokratischen Wahlen teilgenommen, erst an der EU-Wahl und dann an der Nationalratswahl. Ich hätte aber nicht gedacht, dass ich bei meiner dritten Wahl tatsächlich schon selbst gewählt werde.


„Man muss die Menschen auch ein bisschen an der Hand nehmen “
Ich glaube, dass ich auch in der Außenwahrnehmung etwas verändern kann. Ich will vor allem ein positives Beispiel sein, nicht nur für die österreichische Gesellschaft, sondern auch für die Menschen, die hierherkommen und oft die Perspektive verlieren und das Gefühl haben, nicht dazuzugehören. Es ging mir nie darum, eine Karriere in der Politik zu machen, sondern beizutragen, unsere Gesellschaft und unsere Welt ein Stückchen besser zu machen. Ich wünsche mir mehr Unterstützung für Geflüchtete, eine Aufwertung der MA 35, bessere Deutschkurse, mehr Orientierung und gute Anreize, um sich zu integrieren. Geflüchtete müssen eine neue Sprache lernen, Kontakte aufbauen, einen Job finden und sich vielleicht auch noch um ihre Familie kümmern. Das ist schon eine ziemliche Belastung. Es reicht nicht, nur zu fordern, man muss die Menschen auch ein bisschen an der Hand nehmen.“

 

Zehn Jahre ist es her, dass rund um die Jahre 2014 bis 2016 mit der großen Fluchtbewegung viele zehntausende Menschen nach Österreich kamen, die ihre Heimat aufgrund von Krieg und Verfolgung verlassen mussten. In der 5-teiligen Porträtreihe „10 Jahre danach“ kommen Menschen zu Wort, die damals in Österreich ankamen und sich hier ein neues Leben aufgebaut haben. Was sind ihre Erfahrungen, ihre Sorgen, ihre Erfolge und Wünsche? Sie erzählen selbst, wie sie ihre Flucht und ihr Neuanfang geprägt haben. Wenn Sie Geflüchtete unterstützen wollen, finden Sie hier Infos und Kontakte. Alle bereits veröffentlichten Porträts der aktuellen Reihe sowie unsere Porträtreihen der letzten Jahre sind hier nachzuschauen: www.hierangekommen.at

 

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