Mädchen ohne Verbote stärken
WELT. Österreich plant ein Kopftuchverbot für Mädchen. Pädagoginnen und Expertinnen der Mädchenarbeit erzählen aus der Praxis, was es für eine Stärkung von Mädchen und jungen Frauen eigentlich bräuchte.
Text: Redaktion.
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Die Regierung hat entschieden: In Österreich soll künftig an Schulen ein Kopftuchverbot für Mädchen bis zur achten Schulstufe gelten. Auf politischer Seite ist von einer steigenden Zahl immer jüngerer kopftuchtragender Schülerinnen die Rede. Konkrete Zahlen dazu wurden keine erhoben.

Mädchen sollen frei und selbstbestimmt aufwachsen können. Die Politik meint, das gehe nur mit einem Kopftuchverbot. Von Schulpersonal sowie der Gleichbehandlungsanwaltschaft gibt es Kritik.
Familienministerin Claudia Plakolm von der ÖVP nennt das Kopftuch bei jungen Mädchen „ein Symbol der Unterdrückung“, ohne auf unterschiedliche Gründe für das Tragen von Kopftüchern einzugehen. Auf diese hatte der Verfassungsgerichtshof im Jahr 2020 bei der Aufhebung des damaligen Kopftuchverbots unter anderem verwiesen. Mädchen müssten, sagt Plakolm, „frei, sichtbar und selbstbestimmt aufwachsen können“. Doch das lässt vieles offen. Denn wer bestimmt, was Selbstbestimmung bedeutet? Und lässt diese sich per Gesetz herstellen?
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"MIT ZWANG UND VERBOT AUF EINEN MÖGLICHEN ZWANG ZU
REAGIEREN, MACHT WENIG SINN", SAGT ANGELIKA ATZINGER.
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Aus der Zivilgesellschaft, von Religionsgemeinschaften, der Gleichbehandlungsanwaltschaft und Jurist:innen kommt deutliche Kritik am Gesetz. SOS Mitmensch hat Expertinnen aus der Praxis befragt, wie Mädchen tatsächlich gestärkt werden können.

Angelika Atzinger, Geschäftsführerin des Vereins Amazone in Vorarlberg, vermisst eine breite und offene Diskussion über geschlechterstereotype Vorstellungen in der Gesellschaft.
Religionsübergreifende Rollenbilder
„Mit Zwang und Verbot auf einen möglichen Zwang zu reagieren, macht wenig Sinn“, sagt Angelika Atzinger, Geschäftsführerin des Vereins Amazone in Vorarlberg und Vorstandsmitglied im Netzwerk österreichischer Frauen- und Mädchenberatungsstellen. Ein Kopftuchverbot, sagt sie, sende Mädchen das Signal, dass über ihren Körper entschieden werde und dass das legitim sei. „Sie erleben, dass das Kopftuch verboten, andere religiöse Symbole aber erlaubt sind. Für jene, die tatsächlich Zwang erleben, wird das keine Probleme lösen.“
Die strukturelle Ungleichheit, mit der Mädchen aufwachsen, beginne weit früher – und das religionsunabhängig. Mädchen übernehmen im Alltag mehr Hausarbeit, passen auf jüngere Geschwister auf, bekommen weniger Taschengeld. Sie werden früher sexualisiert, ihr Aussehen kommentiert, ihre Körper bewertet. „Bereits sehr junge Mädchen erleben Catcalling im öffentlichen Raum oder erhalten Dickpics in sozialen Medien“, sagt Atzinger. Für muslimische oder Schwarze Mädchen komme Rassismus hinzu.
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DIE UMSETZUNG WERDE AN DEN SCHULLEITUNGEN
HÄNGEN BLEIBEN UND MEHR KONFLIKTE ALS LÖSUNGEN SCHAFFEN.
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Von einer Gesellschaft, die sich klar gegen patriarchale Strukturen stellt und die Bedürfnisse von Frauen ebenso ernst nimmt wie jene von Männern, sei Österreich weit entfernt. „Leider wurde es bisher verabsäumt, breit und offen über geschlechterstereotype Vorstellungen zu sprechen und sie zu hinterfragen. Das wäre aber Voraussetzung, um patriarchale Strukturen zu verändern“, sagt die Amazone-Geschäftsführerin. Wirkliche Stärkung, so ihre Erfahrung, entstehe dort, wo Mädchen lernen, ihre Stimme zu finden, Nein zu sagen und für ihre Rechte einzutreten. Dafür brauche es Räume, in denen junge Menschen – und besonders Mädchen – ernst genommen werden.
Lucia Rosati vom Mädchenzentrum peppa* in Wien formuliert es ähnlich: „Mädchen brauchen Ansprechpersonen, bei denen sie sein können, wie sie sind, wo ihre Fragen ernst genommen werden und auch Tabus Platz haben.“ Es gehe um emotionale Bildung, um die Auseinandersetzung mit Gefühlen. „Nur wenn tragfähige Beziehungen bestehen, können Jugendliche Verhalten oder Werte hinterfragen.“ Doch genau daran fehle es oft, weil Zeit, Personal und Ressourcen knapp sind, sagt Rosati.

Die Wiener Schuldirektorin Doris Pfingstner sieht im Verbot eine Symbolpolitik.
Schulen als Schauplatz
Vor diesen Fragen stehen auch die Schulen. „Bei uns tragen nur wenige Mädchen Kopftuch. Die meisten davon sind sehr selbstbewusste junge Frauen und tragen es aus Stolz auf ihre Kultur, nicht, weil sie in eine rechtlose Rolle gedrängt werden“, erzählt Doris Pfingstner, Direktorin der Modularen Mittelstufe Aspern. Sie habe den Eindruck, dass es beim geplanten Verbot mehr um Symbolpolitik gehe: „Als liberal denkende Frau kann man meiner Meinung nach keine Freude damit haben, wenn Frauen sich verhüllen oder gar verhüllen müssen. Ich halte jedoch das Verbot als nicht zielführend, weil es zu einem Rückzug und zu Trotzreaktionen führen wird.“
Pfingstner erinnert daran, dass Österreich kein laizistischer Staat ist wie Frankreich, wo seit Jahren ein Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen und im öffentlichen Dienst gilt. Auch die Umsetzung hält sie für problematisch: „Das wird an den Schulleitungen hängen bleiben. Wir müssen den Eltern dann erklären, warum ihre Tochter das plötzlich nicht mehr darf. Ich befürchte, das schafft mehr Konflikte als Lösungen.“
Erika Tiefenbacher, Direktorin der Mittelschule Schopenhauerstraße, teilt diese Sorge. „Das Kopftuchverbot ist für mich ein Vertrauensbruch“, sagt sie. „Lehrer:innen bauen über Jahre Beziehungen zu den Kindern auf. Wenn ich einem Mädchen sage: Du musst das abnehmen, während die Eltern vielleicht sagen: Du musst es tragen – wer gewinnt dann? Das verunsichert die Mädchen zutiefst.“

Lucia Rosati vom Mädchenzentrum peppa* in Wien kritisiert die fehlenden Ressourcen für niederschwellige Mädchen- und Burschenarbeit. Zeit und Personal seien knapp.
Mädchen gezielt stärken
Tiefenbacher beschreibt, dass in vielen Klassen Burschen lauter und dominanter auftreten, während Mädchen sich zurückziehen: „Zwischen zehn und zwölf sind die Burschen oft sehr präsent. Mädchen brauchen Räume, in denen sie lernen, ihre Meinung zu sagen.“ In manchen Projekten trennt sie daher Mädchen und Burschen zeitweise: „Wenn Mädchen unter sich sind, trauen sie sich oft mehr zu.“
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DIE DIREKTORINNEN WÜNSCHEN SICH GEMEINSAMEN ETHIKUNTERRICHT
STATT KONSERVATIVER RELIGIONSLEHRKRÄFTE AN DEN SCHULEN.
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Das Thema Religion spiele in manchen Klassenverbänden eine Rolle. „Es kommt vor, dass Burschen Mädchen sagen, was im Islam haram ist, also verboten. Da sind wir dann sehr streng und holen die Eltern dazu. Ich will nicht, dass ein Schüler ein Mädchen kontrolliert, ob sie im Ramadan isst oder ein Kopftuch trägt.“ Für Tiefenbacher wäre ein gemeinsamer Ethikunterricht ein sinnvoller Ansatz. „Da lernen Kinder, Toleranz zu üben, andere Kulturen zu verstehen und Unterschiede auszuhalten. Das wäre gelebte Selbstermächtigung.“ Auch Direktorin Doris Pfingstner wünscht sich einen Ethikunterricht für alle. Immer wieder würden von Religionsgemeinschaften sehr konservative Lehrkräfte an Schulen geschickt, auch das sei Teil des Problems. In ihrer Schule steht seit Jahren das Fach „KoKoKo“ – Kommunikation, Kooperation und Konfliktbearbeitung – fix im Stundenplan. Eine Stunde pro Woche arbeiten die Schüler:innen mit ihren Klassenvorständen an sozialen Themen und der Klassengemeinschaft. „Das ist eine gute Möglichkeit, Themen und Konflikte präventiv zu bearbeiten“, sagt Pfingstner. Zudem wurde an der Schule die Initiative „#GirlsGoTech“ ins Leben gerufen, in der Mädchen weibliche Vorbilder aus Technik und Wissenschaft kennenlernen und Exkursionen an die Technische Universität, ins Technische Museum und zu Tech-Unternehmen machen. „Das trägt zu einem anderen Rollenverständnis bei und hilft, sich nicht in patriarchale Strukturen hineinzwängen zu lassen“, sagt sie. Dass solche Initiativen notwendig sind, zeigte jüngst im Oktober eine Studie der MINTality-Stiftung: Drei Viertel der befragten Eltern in Österreich hielten darin Burschen für geeigneter in MINT-Fächern als Mädchen.

Bei peppa* in Wien finden Mädchen und junge Frauen Ansprechpersonen für ihre Fragen.
Jugendarbeit braucht Ressourcen
Die Expertinnen aus der Praxis sind sich einig: Es braucht mehr Ressourcen für niederschwellige Mädchen- und Burschenarbeit in Vereinen, ebenso wie für Unterstützungspersonal an Schulen, etwa Schulsozialarbeit und Psycholog:innen. Das geplante Kopftuchverbot soll Mädchen Freiheit ermöglichen. Doch in den Schulen und Beratungsstellen, in denen die Mädchen täglich sind, klingt das Wort „Freiheit“ anders. Dort heißt es: Vertrauen, Zeit, Gespräche, Vorbilder. Selbstermächtigung, sagen jene, die mit Mädchen arbeiten, bedeutet, Entscheidungen treffen zu dürfen – auch solche, die vielleicht nicht allen gefallen.
Der vollständige Bericht von SOS Mitmensch ist auf der Webseite der Menschenrechtsorganisation zu finden: www.sosmitmensch.at/maedchen-staerken
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