Mitreden schwer gemacht
Fast 30 Prozent der österreichischen Bevölkerung haben eine sehr niedrige Lesekompetenz und können deshalb nicht am politischen Diskurs teilhaben. Die Gründe dafür sind vielfältig. Die Lösung wären Texte in Einfacher und Leichter Sprache. Diese sind jedoch (noch) Mangelware.
Text: Frederike Demattio.
Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.
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Luise Jäger und Nikolai Prodöhl leben mit Lernbehinderungen – und sie sind Journalist:innen. Zusammen mit ihren zehn Kolleg:innen bilden sie seit 2024 die Redaktion von „andererseits“, dem ersten Printmedium in Leichter Sprache. Hier werden aktuelle Themen in Einfacher Sprache geschrieben und dann von eigens ausgebildeten Übersetzer:innen in Leichte Sprache, eine sehr reduzierte sprachliche Version mit klar definierten Regeln, übersetzt. Ideengeberin für die Inhalte ist Luise Jäger, sie ist es auch, die die Texte am Ende absegnet. „Erst wenn Luise sagt, sie kann den Artikel gut verstehen, wird er gedruckt, ansonsten diskutieren wir im Team, wie wir einen Begriff noch besser erklären können“, sagt Chefredakteurin Lisa Kreutzer.

Im Redaktionsteam von „andererseits“ arbeiten Menschen mit und ohne Behinderungen zusammen. Für ihre kritische Berichterstattung haben sie unter anderem den Preis des Presseclub Concordia in der Kategorie Menschenrechte bekommen.
Der Zugang zu seriösen Informationen bleibt Menschen mit eingeschränkten Lesefähigkeiten, mangelnden Deutschkenntnissen oder auch beginnender Altersdemenz oft verwehrt. Das betrifft laut einer Erhebung der Statistik Austria rund 1,7 Millionen Menschen in Österreich, die nicht mitreden können, weil sie schlichtweg keine einfach aufbereiteten Informationen bekommen. Paradoxerweise schaffen es ausgerechnet Boulevardmedien, Themen einfach zu formulieren, leider in der Regel sensationsheischend und auf Kosten von Seriosität und Faktengenauigkeit.
Mitbestimmung als Menschenrecht
Die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte besagt, dass jeder Mensch das Recht auf verlässliche Informationen hat, um in einer Demokratie mitbestimmen zu können. Nur so ist politische Teilhabe möglich. Genau das wollen die Gründer:innen von „andererseits“ für eine oft vergessene Zielgruppe erreichen. Aus einem ehrenamtlichen Online-Projekt entstand innerhalb von vier Jahren ein unabhängiges Magazin, das sich nach einem erfolgreichen Crowdfunding über Abonnements finanziert und aus dem gesamten deutschsprachigen Raum berichtet. Inzwischen arbeitet die Redaktion mit Rechercheplattformen wie Correctiv und Medien wie dem Falter und der Süddeutschen Zeitung zusammen.
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„ANDERERSEITS“ IST DAS ERSTE
PRINTMEDIUM IN LEICHTER SPRACHE.
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Ein häufiges Argument, dass die Vereinfachung der Sprache auch eine Verkürzung der Inhalte bedeute, widerlegt Lisa Kreutzer: „Als wir bei der Recherche um den Geheimplan gegen Deutschland mitgearbeitet und dazu einen Artikel veröffentlicht haben, kam ein begeistertes Feedback der Journalistin von Correctiv. Leichte Sprache bringt die Dinge so gut auf den Punkt und hält die wesentlichen Aussagen fest.“
Abgesehen von allgemeinen gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigt sich die inklusive Redaktion mit Themen, die Menschen mit Behinderungen betreffen. Diese werden selten von den Betroffenen selbst behandelt, damit fehlt eine wichtige Perspektive. Die Journalist:innen von „andererseits“ schauen auch hier genauer hin, decken Missstände auf und zeigen Wege zu mehr Inklusion im Alltag und im Arbeitsleben. So recherchierten und berichteten sie etwa zur Spendenaktion „Licht ins Dunkel“, zum Stundenlohn in Werkstätten für Menschen mit Behinderung und barrierefreiem Urlaub. Die Redaktion versteht sich dabei nicht als Sozialprojekt, sondern als notwendige Ergänzung zum klassischen Journalismus.

Als Chefredakteurin von „andererseits“ leitet Lisa Kreutzer die inklusive Redaktion und kümmert sich um die Qualitätssicherung. Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet.
Nachrichten in Einfacher Sprache
Anders organisiert ist die inklusive Lehrredaktion des ORF, ein Berufsqualifizierungsprojekt von „Jugend am Werk“. Hier schreiben sechs Teilnehmende eines geförderten Berufsqualifizierungsprojekts von „Jugend am Werk“ mit Unterstützung von Journalist:innen die Nachrichten in Einfacher Sprache für ORF Topos. Und sie gestalten den Wissenspodcast „Einfach erklärt“ auf FM4. Es gehe dabei auch sehr stark um Bewusstseinsbildung, sagt Projektleiterin Anna Mark. „Einfache Sprache ist anfangs ungewohnt, aber sinnvoll — insbesondere für Medienschaffende. Denn nur wer Informationen versteht, kann sich unabhängig eine Meinung bilden und deshalb sollen Nachrichten so gestaltet sein, dass möglichst alle Menschen die Informationen verstehen.“ Im Rahmen eines EU-Projekts werden jetzt die Texte evaluiert und weiterentwickelt. Bis 2026 sollen internationale Standards für leicht verständliche Nachrichten etabliert werden.

Nikolai Prodöhl wollte immer Sportjournalist werden. Jetzt arbeitet er bei „andererseits“ und schreibt über Inklusion und Rechte von Menschen mit Beeinträchtigungen.
Verstecktes Angebot
Das Bewusstsein für die Zielgruppe wächst zusehends und damit wachsen auch die Angebote, allerdings hapert es oft an deren Auffindbarkeit, eine zusätzliche Barriere. Das bestätigt auch Nikolai Prodöhl: „Ich muss meistens sehr lange suchen, bis ich Informationen in Einfacher Sprache finde, zum Beispiel Parteiprogramme oder Informationen zu Wahlen“, sagt er. „Wenn es Informationen in Einfacher Sprache gibt, sind die auf den Websites oft versteckt und schwer zu finden.“ Ein Blick auf die Websites der österreichischen Parteien zeigt genau das: Zwar bieten einige Parteien ihre Wahlprogramme in Einfacher oder Leichter Sprache an. Danach suchen muss man allerdings lange.
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NUR WER IINFORMATIONEN VERSTEHT, KANN
SICH UNABHÄNGIG EINE MEINUNG BILDEN.
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Auch auf der Website der Stadt Wien hält man vergeblich nach einer Unterseite in Einfacher Sprache Ausschau. Michael Rederer, der für das digitale Content Management zuständig ist, plant in den nächsten Monaten eine Designumstellung, die mehr Übersichtlichkeit und Barrierefreiheit erlaube. Zum Thema Einfache Sprache sagt er: „Wir haben bereits vor über zehn Jahren besonders häufig frequentierte Inhalte auch in einer leicht verständlichen Version angeboten und diese prominent platziert. Das Angebot wurde dennoch praktisch gar nicht genutzt, wie die Zugriffsstatistik zeigt. Demgegenüber standen die beträchtlichen Zusatzaufwände, da ja jede Änderung in zwei Versionen nachgezogen werden musste. Wir haben uns deshalb für einen anderen Weg entschieden und nahezu alle Inhalte auf dem Niveau B1 formuliert. Dieses Sprachlevel wird von den meisten Leser:innen als einfach erlebt und hat die größte Akzeptanz.“

700.000 Menschen in Österreich brauchen Leichte Sprache. Für sie gibt es kaum gute journalistische Angebote.
Politik und Kultur barrierefrei
Inhaltlich und sprachlich gut aufbereitet findet man Informationen auf der Seite des Parlaments. Gleich auf der Startseite stehen unter „Zielgruppe“ verschiedene Unterseiten zur Auswahl, darunter eine in Einfacher und eine in Leichter Sprache. Das Glossar ABC des Parlaments erklärt schwierige Begriffe wie Sondersitzung, Fraktion oder Koalition in Leichter Sprache. Ein Best-Practice-Beispiel ist die Website des Weltmuseums, wo Besucher:innen anhand von Texten in Leichter Sprache und Bildern durch die verschiedenen Schauräume geführt werden. Der Hinweis dazu befindet sich gleich auf der Startseite. Im Museum selbst kann man sich ein Begleitheft in Leichter Sprache ausborgen.
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WENN ES INFORMATIONEN IN EINFACHER SPRACHE
GIBT, SIND DIESE OFT SCHWER ZU FINDEN.
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Das Wien Museum geht in Sachen Inklusion noch einen Schritt weiter. „Wir treffen uns regelmäßig mit einer Gruppe von Menschen mit Lernschwierigkeiten und erarbeiten gemeinsam die Inhalte, die sie interessieren“, erzählt Kulturvermittlerin Anna Stanka. Informationen zur Dauerausstellung stehen außerdem als digitaler Guide auf der Website zur Verfügung. Zu jedem Thema gibt es ein Bild und ein kurzes ein- bis zweiminütiges Audio in Einfacher Sprache. Wer wissen möchte, wo sich das Objekt befindet, dem zeigt nach einem Klick eine Karte den genauen Standort. Ein interessantes Angebot für die Zielgruppe, nur leider ohne direkten Link zum Guide schwer auffindbar. Aber das soll sich noch ändern, denn im Wien Museum wolle man alle Zielgruppen ansprechen, so Stanka.
Bei all den gut gemeinten Angeboten bleibt die Perspektive der Betroffenen essenziell. Oder wie „andererseits“-Redakteur Nikolai Prodöhl es auf den Punkt bringt: „Angebote in Einfacher Sprache müssen Menschen mit Lernbehinderungen testen, dann wäre auch gewährleistet, dass die Qualität passt.“
Frederike Demattio ist freie Journalistin mit Schwerpunkt auf Soziales und Gesellschaft.
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