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13. Jun. 2026

Ring frei für FLINTA*

WELT. In vielen Wiener Gyms sowie Box- und Kickbox-Studios dominieren Männer* noch immer den Ring. FLINTA*-Personen bleiben in der Kampfsport-Szene oft eine Minderheit – und fühlen sich in einem Umfeld, das von Härte, Konkurrenz und stereotyp männlich konnotierten Werten geprägt ist, häufig unwohl oder fehl am Platz. Initiativen wie der Karma Club oder die Feminist Fighters Union wollen das ändern.

 

Reportage: Marilyn Velasco Magoo.

Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.

 

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Der Trainingsraum füllt sich, die Teilnehmer:innen kommen nach und nach an und verteilen sich im Studio. Einige plaudern, andere wärmen sich auf oder wickeln Bandagen. „Hallo, herzlich willkommen! Wer ist zum ersten Mal da?“, begrüßt Trainingsleitung Fränz Fink die Gruppe. Eine Person meldet sich. Der Kurs „Thaiboxen“ startet: Alle stehen im Kreis und stellen sich mit Namen und Pronomen vor. „Ich bin Fränz, keine Pronomen.“ Es folgt ein Warm-up mit leichtem Joggen zu Hip-Hop-Musik, danach eine Partner:innenübung: Die Teilnehmer:innen versuchen, sich gegenseitig aus der Balance zu bringen.

 

Was beim Blick durch den Raum auffällt: Es sind keine Männer* anwesend. Der Karma Club in der Lindengasse im siebten Wiener Gemeindebezirk ist ein Kampfsportgym ausschließlich für FLINTA*-Personen. Das Studio richtet sich an Frauen, Lesben, inter, nicht-binäre, trans und agender Menschen. Männer* haben hier keinen Zutritt.

 

Coach Fränz Fink (re.) ist seit Herbst Teil des Karma Clubs von Birgit Wize (li.) und achtet in den Einheiten darauf, dass alle respektvoll miteinander umgehen und offen kommunizieren.

Coach Fränz Fink (re.) ist seit Herbst Teil des Karma Clubs von Birgit Wize (li.) und achtet in den Einheiten darauf, dass alle respektvoll miteinander umgehen und offen kommunizieren. | Foto: Tobias Krüse

 

„Bei weiblich sozialisierten Personen wird Wut oft abgesprochen bzw. haben sie nicht die Möglichkeit, Wut zu zeigen. Im Kampfsport hingegen entsteht ein geschützter Raum, in dem Wut durch körperliche Aktivität ausgedrückt und ein bewusster Umgang damit erlernt werden kann“, betont Coach Fränz Fink.

 

Der Karma Club begann ursprünglich als Geschäft für Yoga-Artikel, bevor Kieana Shirzadeh und Birgit Wize 2025 den „Rage Fight Club“ gründeten. Wize führt das Gym heute unter neuem Namen weiter. Im Trainingsraum werden Boxing, Thai- und Kickboxing, Brazilian Jiu-Jitsu sowie Grundtechniken unterrichtet. „Die Kampfsportszene ist nicht sehr groß. Es gibt nicht viele Orte, wo man hingehen kann, wenn man kein muskelprotziger Cis-Mann ist“, sagt Wize. Die gelernte Grafikerin kam über die Yoga-Szene zum Kampfsport. „Ich hatte mir überlegt, wo ich meine 16-jährige Tochter für Kampfsport hinschicken könnte und keinen Raum gefunden, der gepasst hätte. Dann habe ich einen Raum dafür gegründet, aber natürlich meidet meine Tochter jetzt das Studio, weil es meins ist“, sagt sie lachend.

 

Mehr Kurse nur für Frauen

Im Fitnessbereich ist ein Aufschwung zu beobachten: Women-only-Kurse werden ausgebaut und Studios öffnen gezielt für Frauen, etwa „Besties Boxing“ oder „Boxing Sisters“. Birgit Wize begrüßt das, kritisiert aber: „Es gibt natürlich Frauenbox-Clubs, aber dann kommst du dorthin und ein Cis-Mann steht als Trainer vor dir.“ 

 

Trainingsleitung Fränz Fink, seit über zehn Jahren im Kampfsport aktiv, sieht das Angebot als nicht inklusiv genug: „Frauenboxing ist etwas Eigenes. FLINTA*-Personen fühlen sich dort nicht angesprochen. Hier im Karma Club finde ich es so cool, dass man einen Raum für Personen geschaffen hat, die in anderen Gyms nicht so einen Anklang finden.“

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ABWERTENDE KOMMENTARE, HÄRTERE SCHLÄGE,
NICHT ERNST GENOMMEN WERDEN: ERFAHRUNGEN VON FLINTA* IN GYMS.

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Abwertende Kommentare, im Training nicht ernst genommen oder absichtlich härter geschlagen werden – viele Frauen berichten von unangenehmen Erfahrungen im Gym. Sprüche wie „Du schlägst wie ein Mädchen“ oder „Das war ja schwul“ sind keine Seltenheit. Besonders problematisch wird es, wenn solche Aussagen von Trainer:innen kommen. „Wenn der Trainer solche Witze toleriert oder selbst verbreitet, fühlt man sich als FLINTA*-Person in diesem Setting nicht wohl“, erzählt Kampfsportlerin Kieana Shirzadeh. „Man kommt rein und fühlt sich gleich fehl am Platz. Es gab oft keine Männer, die mit mir trainieren wollten oder man bleibt bei ungerader Anzahl als Frau als Letzte übrig und wird gleich zum Sandsack geschickt. Ich stand regelmäßig da und musste die Tränen zurückhalten, weil es mir so unangenehm war, überhaupt dort zu sein.“

 

Shirzadeh kam über Ballett und Judo schon früh mit Sport in Kontakt, später fand sie über Ausbildungen als Pilates- und Yoga-Lehrerin im Ausland zum Kampfsport. In Thaiboxen ist die gebürtige Deutsche mit iranischen Wurzeln sofort reingekippt: „Ich habe gesehen, dass beim Thaiboxen nicht nur die Hände wie beim normalen Boxen verwendet werden, sondern auch Ellbogen und Knie, also der ganze Körper im Einsatz ist. Es geht um viel mehr als nur Ästhetik und Performen, deswegen habe ich mich da sehr drinnen wiedergefunden.“

 

Der Kampfsport gab ihr einen „unvergleichlichen Confidence-Boost“. Über acht Jahre trainierte Shirzadeh in Vereinen und war oft eine der wenigen Frauen: „Ich habe versucht, mich anzupassen und nicht aufzufallen. Ich wollte nicht das ‚anstrengende Mädchen’ sein, das eine Sonderbehandlung wünscht. Oft fühlt man sich als Frau in diesem Setting als zusätzliche Bürde, nur weil man überhaupt da ist.“

 

Kieana Shirzadeh trainiert seit Jahren im Kampfsport und möchte mit „Brawlery“ das erste Mixed Martial Arts-Gym für FLINTA*-Personen aufbauen.

Kieana Shirzadeh trainiert seit Jahren im Kampfsport und möchte mit „Brawlery“ das erste Mixed Martial Arts-Gym für FLINTA*-Personen aufbauen. | Foto: Sellma Fruehwirth

 

Queere Gyms

Ähnliche Erfahrungen machte Irina Kachapova. Sie engagiert sich ehrenamtlich im Kollektiv „Feminist Fighters Union“ (FFU), das 2020 in Wien gegründet wurde, um FLINTA*-Personen im Kampfsport zu stärken und zu vernetzen. Die FFU organisiert monatliche Sparring-Treffen, sozialpädagogische Workshops für Kinder und Jugendliche und setzt sich u. a. auf Demonstrationen rund um den Frauentag und Pride-Monat aktivistisch ein.

 

Sparring ist kontrolliertes Kämpfen im Training. „Kampfsport ist viel Miteinander, und nicht ein Gegeneinander“, sagt FFU-Trainerin Irina Kachapova. Wichtig seien klare Kommunikation und das Respektieren von Grenzen. „Meiner Erfahrung nach werden FLINTA*-Personen nicht ernst genommen oder man trainiert dann eben weniger mit ihnen. Vor allem, wenn man in Richtung Wettbewerbskämpfe schaut, sind FLINTA*-Personen kaum sichtbar.“

 

Der Bedarf an Safe Spaces im Kampf-sport für sie wächst – und zeigt sich zunehmend im Angebot. Neben Boxstudios nur für Frauen entstehen auch Gyms mit queerfeministischem Ansatz: Mit „hooked“ im zweiten Bezirk eröffnete im Mai 2026 ein Muay-Thai-Studio, das sich als „feministisch, queerfreundlich und diskriminierungssensibel“ versteht. Auch Kieana Shirzadeh arbeitet an einem neuen Projekt: Mit „Brawlery“ will sie ein Mixed Martial Arts-Gym für FLINTA* aufbauen. „Die Nachfrage nach solchen Spaces ist extrem groß“, erzählt sie. Unterstützung kommt auch von ihren männlichen Coaches: „Je mehr Personen diesen Sport machen, desto besser und populärer wird das Angebot.“ Doch trotz der Initiativen bleibt das Angebot an sicheren Räumen im Kampfsport insgesamt begrenzt. 

 

Was können Anbieter:innen generell konkret verändern, damit sich FLINTA* wohler fühlen? Laut Kieana Shirzadeh beginnt das bereits bei der Infrastruktur: „Man macht zum Beispiel zwei genderneutrale Kabinen, in denen man sich umziehen kann.“

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TRAINER:INNEN PRÄGEN NICHT NUR DAS TRAINING, 
SONDERN AUCH DAS SOZIALE KLIMA.

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Ebenso entscheidend sei die Sprache und Haltung der Trainingspersonen. „Es fehlt an einer gewissen Sensibilität und Awareness für verschiedene geschlechtliche Identitäten. Man merkt, dass Männern eine größere Härte, eine größere Widerstandsfähigkeit und höhere Kompetenz im Kampfsport zugeschrieben wird“, sagt FFU-Trainerin Kachapova. „In einigen Gyms exististieren sehr toxische Kulturen, wo hyper-maskuline Werte oder gar Gewalt im Fokus sind.“ Trainer:innen prägen daher nicht nur das Training, sondern auch das soziale Klima.

 

Irina Kachapova (links) bei der Demonstration zum Weltfrauen*Tag mit einem mobilen Boxring der Feminist Fighters Union.

Irina Kachapova (links) bei der Demonstration zum Weltfrauen*Tag mit einem mobilen Boxring der Feminist Fighters Union. |Foto: Kurt Prinz

 

Alle vier Kampfsportler:innen sehen einen klaren Bedarf an Sensibilisierung. Verbindliche Vorgaben von Verbänden oder Institutionen fehlen bislang. Dabei gebe der Kampfsport so viel: von mehr Selbstbewusstsein und Selbstwirksamkeit bis hin zu einem Gefühl von Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Gleichzeitig stoßen die Kampfsportler:innen in ihrer Arbeit immer wieder an die Grenzen ihrer zeitlichen und finanziellen Ressourcen während sie versuchen, den Kampfsport für FLINTA*-Personen zugänglicher zu machen.

 

Zwischen männlich geprägten Strukturen und dem wachsenden Bedarf an sicheren Räumen zeigen Initiativen wie der Karma Club oder die FFU, dass Veränderung möglich ist. Doch solange verbindliche Standards fehlen, bleibt sie vom Engagement Einzelner abhängig. Für viele FLINTA*-Personen bedeutet das weiterhin, sich ihren Platz im Ring erst erkämpfen zu müssen.

 

Marilyn Velasco Magoo ist für den Verein Wiener Jugendzentren tätig und arbeitet als freie Redakteurin, u. a. für die_chefredaktion. In ihrer Arbeit setzt sie sich vor allem mit Themen rund um Migration, Diaspora und Jugend auseinander und engagiert sich ehrenamtlich in der philippinischen Community. 

 

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