Zehn Jahre danach – Shajwan Qadir: „Ich wollte etwas Anderes probieren“
Shajwan Qadir flüchtete 2016 mit ihrem Mann und dem neugeborenen Sohn aus dem Irak nach Österreich. Schon kurz nach ihrer Ankunft in einem kleinen Ort in der Steiermark begann sie freiwillig in einem Altenheim zu helfen und entdeckte ihre Leidenschaft für den Beruf. Doch sie musste lange warten, bis sie arbeiten durfte. Vor Kurzem schloss sie die Ausbildung zur Pflegeassistenz ab.
Redaktion & Fotos: Sonja Kittel
„Ich heiße Shajwan Qadir und bin 31 Jahre alt. Ich bin Kurdin und komme aus Sulaimaniyya in der autonomen Region Kurdistan im Irak. Ich war dort zwölf Jahre in der Schule und habe Matura gemacht. Danach arbeitete ich zwei Jahre als Friseurin. Kurz nachdem mein Sohn geboren wurde mussten ich und mein Mann mit ihm flüchten. Das war 2016. Wir flohen erst in die Türkei und schafften es dann beim zweiten Versuch mit einem kleine Boot nach Griechenland. Von dort gingen wir zu Fuß weiter. Zweieinhalb Monate lebten wir in Mazedonien in einem Zelt. Das war wirklich schwer. Über Serbien flohen wir dann nach Ungarn und weiter nach Österreich. Als wir hier ankamen, war mein Sohn gerade vier Monate alt und hatte sein ganzes bisheriges Leben auf der Flucht verbracht.

Sechs Jahre warten auf den positiven Asylbescheid
Wir waren zuerst in Wien und kamen dann über Leoben in ein Asylheim in Lieboch in der Steiermark. Dort waren sehr liebe Menschen, die freiwillig zu uns kamen, mit uns Deutsch sprachen und uns beim Ankommen halfen. Ich selbst begann freiwillig bei der Lebenshilfe zu arbeiten. Dort spielte ich mit den älteren Menschen Karten, ging mit ihnen spazieren und unterhielt mich mit ihnen. Das war auch sehr hilfreich beim Deutsch lernen. Ich besuchte keine Deutschkurse, konnte aber trotzdem schon bald die ersten Sprachprüfungen machen. Insgesamt warteten mein Mann und ich sechs Jahre auf einen positiven Asylbescheid. Der erste Antrag wurde abgelehnt. Dann mussten wir zum zweiten Interview bis nach Innsbruck reisen. Ich bekam einen Aufenthaltstitel für drei Jahre, mein Mann für ein Jahr, da er noch kein Deutsch-A2-Zertifikat hatte.
„Dann kam die große Enttäuschung“
Die Leute hier sagten mir, ich sollte wieder als Friseurin arbeiten und vielleicht eine Lehre machen. Ich wollte aber etwas Anderes probieren und während ich auf meinen Bescheid wartete, begann ich eine Ausbildung zur Pflegeassistentin bei der Caritas. Doch als ich nach der Theorie das Praktikum machen wollte, kam die große Enttäuschung. Als Asylwerberin war mir das nicht erlaubt und niemand hatte mir das vorher gesagt. Ich machte das Praktikum dann freiwillig, doch der Abschluss der Ausbildung war nicht möglich. Nach dem positiven Bescheid absolvierte ich zuerst eine sechsmonatige Ausbildung zur Heimhilfe. Ich begann in einem Altenheim von Senecura in der Nähe von Lieboch zu arbeiten. Mein Arbeitgeber meinte dann, ich könnte eine berufsbegleitende Weiterbildung neben der Arbeit machen und so begann ich erneut die Ausbildung zur Pflegeassistentin, die ich vor Kurzem abschließen konnte.
„Ich habe keine Freundinnen, die meine Muttersprache sprechen“
Mein Sohn geht in Lieboch in die zweite Klasse Volksschule. Als er noch ganz klein war, teilten mein Mann und ich uns seine Betreuung auf, damit wir beide auch ehrenamtlich arbeiten konnten. Dann kam er in den Kindergarten. Es war schön, dass er mit all seinen Freunden in die Schule wechseln konnte. Englisch macht ihm besonders viel Spaß. Ich lerne auch gerne Sprachen. Kurdisch ist meine Muttersprache, aber ich kann auch Arabisch und lernte hier von einer kurdischen Familie aus dem Iran Persisch. Mein Englisch habe ich lange nicht mehr gebraucht und es ist etwas eingerostet. Ich habe keine Freundinnen, die meine Muttersprache sprechen, aber das zwang mich in gewisser Weise auch dazu, schnell Deutsch zu lernen. Wenn jemand in einem Land bleiben will, dann muss er die Sprache können.

„Man ist immer verbunden mit dem Ort, an dem man geboren wurde“
Außer meinem Mann und meinem Sohn habe ich keine Familie hier. Die ist noch im Irak. Ein Schwager war für neun Monate in Niederösterreich, ist dann aber nach Großbritannien gegangen. Zum Glück haben wir hier viele neue Bekannte, von denen manche auch Familie geworden sind. Ich mag es in Lieboch und wir wollen hier bleiben. So ein kleiner Ort ist auch gut für Kinder, um aufzuwachsen. Im August fliegen wir in den Irak und besuchen meine Familie. Ich freue mich darauf. Man ist immer verbunden mit dem Ort, an dem man geboren wurde. Aber unser neues Zuhause ist jetzt hier. Wir wollen auch bald die Staatsbürgerschaft beantragen. Anderen Menschen, die flüchten mussten, rate ich, nicht zuhause sitzen zu bleiben, sondern rauszugehen, sich eine Arbeit oder Ausbildung zu suchen, sei es erst auch nur freiwillig. Jeder Anfang ist schwer, aber man kann das schaffen, wenn man es wirklich will.“
Zehn Jahre ist es her, dass rund um die Jahre 2014 bis 2016 mit der großen Fluchtbewegung viele zehntausende Menschen nach Österreich kamen, die ihre Heimat aufgrund von Krieg und Verfolgung verlassen mussten. In der 5-teiligen Porträtreihe „10 Jahre danach“ kommen Menschen zu Wort, die damals in Österreich ankamen und sich hier ein neues Leben aufgebaut haben. Was sind ihre Erfahrungen, ihre Sorgen, ihre Erfolge und Wünsche? Sie erzählen selbst, wie sie ihre Flucht und ihr Neuanfang geprägt haben. Wenn Sie Geflüchtete unterstützen wollen, finden Sie hier Infos und Kontakte. Alle bereits veröffentlichten Porträts der aktuellen Reihe sowie unsere Porträtreihen der letzten Jahre sind hier nachzuschauen: www.hierangekommen.at
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