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05. Sept.. 2026

„Sie schauen den Taliban in die Augen und sagen: Nein.“

WELT. Mädchen und Frauen in Afghanistan wissen genau, was ihnen genommen wurde: Bildung, Freiheit, Schutz. In den vergangenen Monaten hat sich ihre Lage nochmals verschärft. Zahra Hashimi ist 2015 nach Österreich geflohen. Im Interview spricht die Gründerin der Omid Online School über verlorene Zukunft und Mädchen, die trotzdem weiterlernen.
 

Interview: Theresa Steffner.

Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.

 

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Nachdem die Taliban im Sommer 2021 erneut die Macht übernommen und Mädchen den Schulbesuch ab der siebten Schulstufe verboten hatten, gründete Zahra Hashimi in Wien die Omid Online School. An der Online-Schule für Mädchen in Afghanistan unterrichten heute 30 Lehrkräfte mehr als 300 Schülerinnen.


Frau Hashimi, wie hat sich die Lage für Frauen und Mädchen in Afghanistan zuletzt verändert?
Der Alltag wird für viele Frauen noch enger. Sie verlieren Schritt für Schritt ihre Selbstbestimmung. Es geht nicht nur darum, ob Frauen arbeiten oder studieren dürfen. Es geht darum, ob sie überhaupt noch ein eigenes Leben führen dürfen. Frauen und Mädchen werden massiv aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Selbst ihre Stimmen sollen kaum noch hörbar sein. Gleichzeitig verschärft sich die humanitäre Krise: Es gibt kaum Arbeit, viele Familien stehen wirtschaftlich unter enormem Druck.

 

Zahra Hashimi wurde im Iran geboren, wuchs in Afghanistan auf und studierte dort Mathematik. In Wien leitet sie nun die Omid Online School und arbeitet u. a. beim Verein „Fremde werden Freunde“. | Foto: Murtaza Elham

 

Ist die Kontrolle über Frauen heute eine andere als während der ersten Taliban-Herrschaft von 1996 bis 2001?
Der große Unterschied ist, dass es eine Generation junger Frauen trifft, die in den vergangenen zwanzig Jahren Bildung erfahren hat. Sie wissen, welche Möglichkeiten Bildung und Selbstbestimmung eröffnen. Deshalb trifft sie dieser Verlust so hart: Frauen wissen, was ihnen genommen wurde. Sie hatten Pläne für ihr Leben und plötzlich wird ihnen all das verwehrt. Gleichzeitig fehlen dem Land später Lehrerinnen, Ärztinnen, Unternehmerinnen und Wissenschaftlerinnen. Besonders im Gesundheitsbereich ist das dramatisch. Denn Frauen dürfen sich nur von Frauen untersuchen lassen; männlichen Ärzten ist das streng verboten. Ein Unterschied zu damals ist auch Social Media: Heute gelangen Bilder und Videos schneller nach außen, die Taliban können Dinge nicht mehr so leicht verbergen.

 

Im Juni 2026 wurden in Herat mindestens 30 Frauen verhaftet, weil sie keinen Ganzkörperschleier trugen. Als mehr als 100 Menschen dagegen protestierten, gingen die Taliban-Sicherheitskräfte gewaltsam gegen die Menge vor. Dabei soll mindestens eine Person erschossen worden sein. Wie geht es Ihnen, wenn Sie solche Berichte lesen?
Ein Teil von mir ist sehr stolz, dass die Frauen das geschafft haben. Sie schauen den Taliban in die Augen und sagen: Nein. Ein anderer Teil von mir ist traurig, weil Frauen so viel riskieren müssen und die Welt einfach zusieht. Sie werden diskriminiert, aus der Gesellschaft gedrängt, sie demonstrieren und die Männer sitzen zu Hause. Da denke ich: Wenn ihr Angst habt, mit uns zu protestieren, dann entscheidet auch nicht über unser Leben. Am meisten bewegt mich, dass für Mädchen eine ganze Jugend verloren geht. Ich wünsche mir, dass es sicherere Räume gibt, in denen Frauen anonym oder geschützt ihre Erfahrungen teilen können.

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„Dem Land fehlen später Lehrerinnen, Ärztinnen,
Unternehmerinnen und Wissenschaftlerinnen.“

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Was hat diese ständige Kontrolle mit Frauen und Mädchen gemacht?
Am 15. August 2021 haben die Taliban in Afghanistan die Macht übernommen. In dieser Nacht haben Frauen und Mädchen mit einem Messer unter dem Kopfpolster geschlafen. Heute wünschen sich viele aus Afghanistan wegzukommen oder zu sterben. Das führt zu Hoffnungslosigkeit, psychischem Druck und dem Gefühl, nicht gesehen oder gehört zu werden. Aber irgendwann hat man es satt, nur dazusitzen und zuzuschauen.

 

Wurden Sie selbst schon bedroht?
Indirekt. Wer öffentlich über die Taliban spricht oder sich gegen sie engagiert, muss damit rechnen, bei einer Einreise nach Afghanistan festgenommen oder geköpft zu werden. Das heißt, ich kann auf keinen Fall nach Afghanistan zurück.

 

Sie haben die Omid Online School gegründet. Unter welchen Bedingungen lernen Mädchen in Afghanistan heute?
In Afghanistan haben Mädchen kein eigenes Zimmer zum Lernen. Wenn ein Mädchen eine Frage stellt, hört man ein Kind schreien, eine ganze Familie, die sich unterhält. Sie alle sind im selben Zimmer – und dieses Mädchen muss sich auf einen kleinen Bildschirm konzentrieren und Matheaufgaben lernen. Manche müssen sich von ihren älteren Geschwistern ein Handy mit Internet ausleihen. Und trotzdem geben sie ihren Wunsch nicht auf. Sie lernen weiter, auch wenn sie nicht arbeiten dürfen. Das gibt mir Mut, die Schule weiterzuführen.

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„Mädchen und Frauen In Afghanistan müssen
So viel riskieren und Die Welt sieht einfach zu.“

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Ist es ein Risiko, weiter in die Schule zu gehen?
Ja. Die Mädchen haben kaum ein soziales Leben. Sie suchen es zumindest online: Es entstehen Freundschaften, sie treffen sich, feiern ihre Matura. Gleichzeitig ist das nicht ohne Risiko. Aber die Mädchen haben es satt, immer vorsichtig zu sein. Wir Lehrerinnen fühlen uns für ihre Sicherheit verantwortlich. Auch Lehrerinnen wurden oft von den Taliban verfolgt, gefoltert oder festgenommen. Viele machen deshalb nicht mehr weiter. Auch an unserer Schule gab es zwei Fälle, in denen politische Aktivitäten von Lehrerinnen zum Problem wurden. Ich habe zweimal versucht, die Schule vom Bildungsministerium anerkennen zu lassen. Aber mir wurde gesagt, ich sei zu westlich und kein gutes Vorbild.

 

Viele Menschen in Europa haben sich an die schlechten Nachrichten aus Afghanistan gewöhnt. Was wird aus Ihrer Sicht zu wenig verstanden – und was kann man konkret tun?
Zu wenig verstanden wird, dass es hier nicht um einzelne Gesetze oder Vorfälle geht. Es handelt sich um ein System, das Frauen und Mädchen Schritt für Schritt aus dem öffentlichen Leben drängt. Ich wünsche mir, dass wir in Europa nicht nur über Afghanistan sprechen, wenn es besonders schockierende Schlagzeilen gibt. Medien in Europa sollten stärker mit afghanischen Frauen im Exil arbeiten. Sie sind nicht nur Betroffene, sondern Expertinnen für das, was in Afghanistan passiert. Die Frauen brauchen keine kurzfristige Aufmerksamkeit, sie brauchen langfristige Solidarität. Wir können Bildungsinitiativen unterstützen, Frauen und Mädchen zuhören, Organisationen stärken, die mit ihnen arbeiten. Frauenrechte sollten niemals zur Verhandlungsmasse werden.

 

Omid bedeutet Hoffnung. Was bedeutet das für Sie heute?
Ich habe die Schule 2022 gegründet, um den Mädchen Hoffnung zu geben. Für mich ist Omid die Entscheidung, trotz aller Schwierigkeiten weiterzumachen. Die Mädchen lernen weiter und verlieren ihre Hoffnung nicht. Also dürfen wir es auch nicht.

 

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