Stadtbild
SERVUS ALAYKUM. Einblicke in das (Er-)Leben der österreichischen Gesellschaft aus Sicht einer Wiener Muslima. Mit dunkelbuntem Humor und feurigem Temperament, aus dem Herzen Österreichs.
Kolumne: Menerva Hammad.
Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.
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Was war zuerst da? Die eigene Wahrnehmung oder die Meinung der Mehrheitsgesellschaft? Ein Gedankenspiel.
Spazieren wir gemeinsam durch diese Stadt, die in so vielen Dingen anders ist und gerne ihren Grant gegen alles und jeden romantisiert. Mein Vater pflegte immer zu sagen: „In Wien leuchten die Sterne anders.“
Er muss es wissen, er hat immerhin dreißig Jahre lang Nachtschicht für Nachtschicht geschoben, damit wir durchkommen konnten.
Wenn ich Stress abbauen möchte, gehe ich spazieren. Wir haben idyllische Parks, gekennzeichnete Fußgängerzonen, ein grandioses Verkehrssystem, und es ist so herrlich praktisch, in Wien unterwegs zu sein.
Schaue ich nach links, sehe ich eine Mutter, die mit ihrem Kind auf Englisch spricht und ihm neue Wörter beibringt. Sehe ich nach rechts, geht eine Gruppe Jugendlicher vor sich hin und einigt sich: Der neue Mathelehrer ist „cringe“ und hat null Aurapunkte.
Während ich weiterspaziere, fällt mir mein Handy aus der Hand – eine nette Dame ist schneller als ich und hebt es für mich auf. Auf dem Weg erblicke ich eine Apotheke und besorge schnell den Hustensaft für meine Tochter, lasse mich aber vorher noch von der Pharmazeutin beraten.
Bevor ich mich auf den Heimweg mache, gönne ich mir in einem Altwiener Kaffeehaus noch einen Kaffee, dabei tue ich das, was Schreibende eben gerne machen: Ich beobachte Menschen, die mich rein gar nichts angehen. Ich sehe Menschen. Menschen, die auf andere Menschen warten. Menschen, die die Straße überqueren. Lachende Menschen. Menschen, die in Gedanken versunken sind. Verliebte Menschen. Unterschiedliche Menschen. Und ich frage mich, welche Bilder Sie im Kopf hatten, als ich die obigen Menschen erwähnte?
Stellen Sie sich vor, die Mutter, die auf Englisch zu ihrem Kind sprach, hätte auf Türkisch mit diesem Kind gesprochen. Stellen Sie sich vor, die Gruppe Jugendlicher hätte sich auf Bosnisch über den neuen Lehrer geärgert. Stellen Sie sich vor, die nette Dame, die mir das Handy aufhob, trüge ein Regenbogenarmband oder eine palästinensische Kufiyeh.
Stellen Sie sich vor, die kompetente Pharmazeutin trüge einen Hijab.
Stellen Sie sich vor, unsere schöne Stadt wäre nicht so bunt, nicht so sprachlich und kulturell divers. Stellen Sie sich vor, wir würden Menschen tatsächlich in deren Würde anerkennen, samt deren Sprachen, Identitäten und imperfekter Menschlichkeit – ohne der Annahme, sie zu kennen, nur weil wir glauben, etwas über sie zu wissen.
Vielleicht sind Ihnen aber auch miese Grantler:innen lieber, die Tag ein, Tag aus sudern, motschgern, ihr eigenes Leben beklagen, weil der Himmel zu blau, das Essen zu sehr nach etwas schmeckt, die Musik zu laut und das Leben zu sehr stattfindet.
Oder vielleicht – halten Sie sich fest – glauben wir mehr zu wissen, als wir tatsächlich wissen.
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