Therapie für wen?
DOSSIER. Psychotherapie gilt heute als wichtiger denn je. Doch lange Wartezeiten, hohe Kosten und fehlende diskriminierungssensible Angebote machen den Zugang für viele Menschen nach wie vor schwierig.
Text: Naz Küçüktekin.
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Psychische Gesundheit ist längst im gesellschaftlichen Diskurs angekommen. Begriffe wie „toxisch“, „triggern“ oder „Narzisst“ gehören inzwischen zum Alltagswortschatz, über Therapie wird offener gesprochen als noch vor einigen Jahren. Der Bedarf ist ebenfalls groß: Rund jede vierte erwachsene Person in Österreich leidet innerhalb eines Jahres an einer psychischen Erkrankung, am häufigsten an Depressionen oder Angststörungen.

Knapp jede:r vierte Erwachsene in Österreich ist von einer psychischen Erkrankung betroffen. Rund ein Prozent der Bevölkerung wird über die Krankenkassen psychotherapeutisch versorgt. | Foto: Hrant Khachatryan, Unsplash
Doch wie zugänglich ist auch die Psychotherapie? „Mäßig.“ Barbara Haid muss nicht lange überlegen. Die Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands (ÖBVP) für Psychotherapie beschreibt die psychotherapeutische Versorgung in Österreich mit einem einzigen Wort. Derzeit würden rund 1,1 Prozent der österreichischen Bevölkerung über die Krankenkassen psychotherapeutisch versorgt. Rund neun Prozent würden das laut Haid allerdings benötigen und wären auch dafür zugänglich. Wer einen Therapieplatz sucht, wartet deshalb oft sechs bis 18 Monate. Auch regional unterscheidet sich das Angebot deutlich. Laut Statistik Austria kommt in Wien auf rund 399 Einwohner:innen ein:e Psychotherapeut:in. In Oberösterreich liegt das Verhältnis bei etwa eins zu 1.152, im Burgenland sogar bei eins zu 1.292.
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PSYCHOTHERAPIE IST IN ÖSTERREICH NUR MÄSSIG
ZUGÄNGLICH, SAGT EXPERTIN BARBARA HAID.
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Zudem werde die kassenfinanzierte Psychotherapie regional unterschiedlich organisiert, erklärt Haid. Während in manchen Bundesländern vor Beginn der Therapie ein Clearinggespräch vorgesehen ist, werden Patient:innen andernorts direkt an Therapeut:innen vermittelt oder erhalten eine Liste mit freien Psychotherapeut:innen. „Wenn ich mir das Bein breche, fahre ich ins Krankenhaus und bekomme eine Behandlung. Wenn meine Psyche belastet ist oder einen Bruch hat, dann muss ich monatelang auf eine Behandlung warten“, erklärt die ÖBVP-Präsidentin diesen Missstand.

Selbst wenn ein:e Psychotherpauet:in gefunden ist, stellt sich für viele erst die Frage: Erkennt diese:r meine Lebensrealität und Erfahrungen an? | Foto: Anthony Tran, Unsplash
Genug Personal, zu wenig Kassenplätze
Dass die Versorgung stockt, liege allerdings nicht daran, dass es zu wenige Psychotherapeut:innen gebe. „Das ist ein weit verbreiteter Irrglaube“, klärt Barbara Haid auf. Rund 13.400 eingetragene Therapeut:innen arbeiten derzeit in Österreich, weitere Tausende befinden sich in Ausbildung. „Es gibt ausreichend Personal, das in der kassenfinanzierten Psychotherapie mitarbeiten möchte“, sagt Haid. Das eigentliche Problem seien die begrenzten Kassenplätze. Viele Therapeut:innen warteten darauf, überhaupt einen Platz im Kassensystem zu erhalten.
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IN WIEN KOMMT AUF 399 MENSCHEN EIN:E
THERAPEUT:IN, IN OBERÖSTERREICH AUF 1.152.
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Hinzu kommt, dass sich eine ausschließlich kassenfinanzierte Praxis wirtschaftlich kaum führen lasse. Die Honorare deckten die tatsächlichen Kosten nur unzureichend ab, gleichzeitig seien Supervision, Fortbildungen und Praxiskosten fixer Bestandteil des Berufs. Für Haid ist die psychotherapeutische Versorgung deshalb vor allem ein strukturelles Problem. Nicht die Zahl der Therapeut:innen müsse steigen, sondern die Zahl jener, die ihre Leistungen auch über die Krankenkassen anbieten können.
Für viele Betroffene bleibt deshalb nur die private Psychotherapie. Eine Einheit kostet meist zwischen 100 und 130 Euro. Die Krankenkassen übernehmen – je nach Versicherung – nur einen Teil der Kosten. Wer sich das nicht leisten kann, hat oft keine andere Wahl, als monatelang auf einen Kassenplatz zu warten.

Es brauche mehr Kassenplätze, meint Barbara Haid, Präsidentin des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie. | Foto: Ricardo Gstrein
Mentale Gesundheit oft ein Privileg
Doch selbst ein freier Therapieplatz bedeutet nicht automatisch, dass Betroffene auch die passende Unterstützung finden. „Mentale Gesundheit und Dienstleistungen im Bereich der mentalen Gesundheit sind in Österreich oft ein Privileg“, sagt Farah Saad von der Initiative „Wir sind auch Wien“. Gemeint sei damit nicht nur die finanzielle Hürde. Ebenso entscheidend sei die Frage, ob Menschen darauf vertrauen können, mit ihren Erfahrungen ernst genommen zu werden.
Die Initiative „Wir sind auch Wien“ beschäftigt sich mit rassismus- und machtkritischer psychosozialer Versorgung. Aus ihrer Sicht beginnt das Problem bereits in der Ausbildung. Fehle dieses Wissen, setze sich die Lücke später in der therapeutischen Praxis fort. Erfahrungen würden nicht anerkannt, Betroffene müssten sie zunächst selbst erklären. Für Menschen, die Rassismus erleben, queer sind oder andere Diskriminierungserfahrungen machen, wird die Suche nach einer passenden Therapie dadurch oft zur doppelten Suche: nach einem freien Termin – und nach einer Person, bei der sie ihre Erfahrungen nicht erst erklären müssen.
Deshalb empfiehlt Farah Saad, das Erstgespräch bewusst zu nutzen. Es gehe nicht nur darum, ob die therapeutische Methode passe – in Österreich sind rund zwei Dutzend psychotherapeutische Methoden anerkannt. Ebenso wichtig sei die Frage, ob Therapeut:innen sensibel mit unterschiedlichen Lebensrealitäten umgehen können. Da es bislang kaum verlässliche Übersichten über diskriminierungssensible Angebote gebe, entstünden häufig informelle Netzwerke. Empfehlungen würden innerhalb von Communitys weitergegeben, Erfahrungswissen ersetze offizielle Orientierungshilfen. „So passiert dann eine Art informelles Archiv“, sagt Saad.

Mentale Gesundheit ist in Österreich oft ein Privileg, sagt Farah Saad von der Initiative "Wir sind auch Wien". | Foto: Abiona Esther Ojo
Neue Ausbildung, neue Chancen?
Auch die Frage, wer Psychotherapeut:in werden kann, entscheidet mit darüber, wer später die passende Unterstützung findet. Bisher mussten angehende Psychotherapeut:innen ihre Ausbildung bei privaten Vereinen und außeruniversitären Angeboten weitgehend selbst finanzieren. Mehrere Zehntausend Euro konnten dabei zusammenkommen. Für Barbara Haid ist das ein grundlegender Konstruktionsfehler. Psychotherapie sei der einzige gehobene Gesundheitsberuf, dessen Ausbildung privat bezahlt werden müsse. Das habe nicht nur finanzielle Folgen, sondern entscheide auch darüber, wer den Beruf überhaupt ergreifen könne: „Hochqualifizierte Menschen, die nicht den monetären Background haben, konnten sich die Ausbildung bisher einfach gar nicht leisten.“
Mit dem neuen Psychotherapiegesetz soll sich das schrittweise ändern. Ab Herbst 2026 starten die ersten universitären Masterstudiengänge. Das Masterstudium wird künftig öffentlich finanziert. Teile der Fachausbildung – insbesondere Selbsterfahrung und Supervision – bleiben jedoch kostenpflichtig. Gerade sie seien bislang für einen großen Teil der Ausbildungskosten verantwortlich gewesen, sagt Haid. Langfristig sollten deshalb auch diese Ausbildungsabschnitte öffentlich finanziert werden. Als Vorbild nennt sie die medizinische Ausbildung: Wer einen staatlich finanzierten Ausbildungsplatz erhält, könnte sich im Gegenzug verpflichten, für einige Jahre im öffentlichen Gesundheitssystem zu arbeiten.
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ES GIBT KAUM VERLÄSSLICHE ÜBERSICHTEN
ÜBER DISKRIMINIERUNGSSENSIBLE ANGEBOTE.
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Für Farah Saad geht die Reform zwar in die richtige Richtung, sie greife aber zu kurz. Das Studium werde künftig öffentlich finanziert, die Zahl der Studienplätze bleibe mit 500 österreichweit jedoch begrenzt. Vor allem aber ändere eine neue Ausbildungsstruktur nichts an den vermittelten Inhalten. „Nur weil es akademisiert ist, garantiert das nicht, dass rassismus- und diskriminierungskritische Inhalte Einzug halten“, sagt sie. Themen wie Rassismus, Diskriminierung und unterschiedliche Lebensrealitäten müssten verpflichtender Bestandteil der Ausbildung werden. „Solange dieses Wissen nur am Rand vermittelt wird, besteht die Gefahr, dass sich Versorgungslücken auch in der therapeutischen Praxis fortsetzen“, warnt sie. So könnte ab Herbst die Reform den Zugang zum Beruf verändern. Doch ob sie auch den Zugang zu einer passenden Versorgung verbessert, bleibt offen.
Naz Küçüktekin war bei der Wiener Bezirkszeitung, dem biber Magazin, bei Profil und zuletzt beim Kurier tätig, wo sie sich im Ressort „Mehr Platz“ vor allem mit migrantischen Lebensrealitäten beschäftigte. Das tut sie nun weiterhin als freie Journalistin.
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