Tierwürde garantiert, Menschenwürde relativ
ANDERE ÜBER. Ein Mann kämpft um seinen Papagei. Sein Schicksal verrät viel über unseren Umgang mit Menschen.
Kommentar: Alina Knoflach.
Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.
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Ein Deutschkursteilnehmer unseres Vereins Hindiba wandte sich in großer Verzweiflung an uns: Sein Papagei war beschlagnahmt worden. Der Mann war gemeinsam mit dem Tier aus Syrien nach Österreich geflüchtet. Bereits in Syrien war der Vogel ein vertrauter und fester Bestandteil seines Lebens. In Innsbruck ist er für ihn das wichtigste Bezugswesen.
Das Veterinäramt in Innsbruck stufte die Haltung als nicht artgerecht ein und entzog dem Deutschkursteilnehmer den Papagei. Für den Mann brach eine Welt zusammen. Die behördlichen Auflagen erforderten unter anderem einen Käfig mit den Mindestmaßen von drei mal drei mal zwei Meter, einen Artgenossen und weitere Bedingungen, die in der Lebenssituation des Mannes kaum erfüllbar sind. Gemeinsam suchten wir intensiv nach einer alternativen Unterbringung für das Tier – jedoch bisher ohne Erfolg.
Schließlich opferte der Schüler sein Zimmer und baute eigenhändig einen Käfig in der geforderten Größe. Die zuständige Veterinärmedizinerin stellte in Aussicht, dass ein zweiter Papagei vermittelt werden könne, sobald die Haltungsbedingungen erfüllt seien. Doch auch nach dem Umbau wurde die Rückgabe des Tieres weiterhin verweigert, da die Konstruktion nicht den fachlichen Anforderungen entsprach.
Unbestreitbar erfreulich ist, dass einem Tier ein artgerechtes und bestmögliches Leben geboten werden soll. Zugleich wird schmerzlich sichtbar: Für viele Menschen in Österreich – so auch für den Besitzer des Papageis – gelten solche Standards nicht. Fluchtmigrierte Menschen werden häufig in beengten Unterkünften untergebracht, in denen sie sich Räume mit fremden Personen teilen müssen, auf weniger Platz, als für den Papageienkäfig vorgeschrieben ist.
Familienzusammenführungen werden unter dem Vorwand gestoppt, dass das System nicht überlastet werden dürfe. Gleichzeitig wird alles darangesetzt, dass der Papagei nicht ohne Artgenossen bleibt. Während der Deutschkursteilnehmer zusätzlich eine Weiterbildung absolvieren und einen „Sachkundenachweis über Haltung, Sozialverhalten, Ernährung und Vergesellschaftung von Graupapageien“ erbringen muss, um seinen Papagei wiederzubekommen, existieren in Österreich Unterbringungen für Asylwerber:innen, die von nicht dazu ausgebildeten Privatpersonen betrieben werden. Wie von NGOs und Aktivist:innen berichtet, leben Bewohner:innen dort oft in Isolation, erhalten unzumutbare Mahlzeiten, sind katastrophalen hygienischen Bedingungen ausgesetzt und müssen viele weitere unerträgliche Einschränkungen über sich ergehen lassen.
Wenn wir nur ansatzweise so viel Aufwand in die Aufrechterhaltung der Menschenwürde wie in die artgerechte Haltung und das glückliche Leben eines Papageis stecken würden, wäre unsere Menschlichkeit längst nicht in solcher Gefahr. Denn Menschlichkeit heißt immer noch, Menschen unabhängig von Herkunft, Kultur, Glauben oder Geschlecht allein wegen ihres Menschseins als gleichwertig zu achten.
Dr. Alina Knoflach gründete in Innsbruck gemeinsam mit Ameer Al-Freeji „Hindiba – Verein für interkulturelles Miteinander“.
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