Status: ungewiss
WELT. Lange anberaumt, nun fix: Österreich setzt die Familienzusammenführung weitestgehend aus. Für tausende Menschen bedeutet das nun, dass sie weiterhin von ihren Familien getrennt bleiben – ohne Aussicht auf ein baldiges Wiedersehen.
Text: Naz Küçüktekin
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Aimanoon Aifares beginnt ganz ruhig zu erzählen. Wie er seine Heimatstadt Ar-Raqqa im Norden von Syrien verlassen musste. Wie er sein gutes Leben, wie er sagt, als Sportlehrer und ehemaliger Handball-Nationalspieler sowie seine Familie – seine beiden Söhne, seine Tochter und seine Frau – zurücklassen musste. „Der Krieg hat mir alles genommen“, sagt er. Aifares erzählt von seiner Flucht, die mehr als drei Monate dauerte. Von seiner Zeit in Österreich, wo er im Sommer 2021 ankam und seit Ende 2023 einen Asylstatus hat. Er spricht auch von seinen Träumen und Hoffnungen, davon, seine Familie in Wien wieder vereinen zu wollen. Und davon, dass das aktuell unmöglicher erscheint als je zuvor.

Die Bearbeitung von Familienzusammenführungsanträgen kann nun bei einem Notstand ausgesetzt werden. "Österreich geht mit einem schlechten Beispiel voran", sagt Shoura Hashemi von Amnesty.
„Mein jüngster Sohn hat letztens, als wir telefoniert haben, gesagt: Du hast uns verlassen“, versucht der 39-Jährige zu erzählen. Doch bevor er den Satz beenden kann, bricht er in Tränen aus. Mit einem laufenden Aberkennungsverfahren seines Asylstatus sowie einer Ablehnung der Familienzusammenführung – gegen beides hat Aifares Beschwerde eingelegt – fühlt es sich für ihn an, als hätte sein vierjähriger Sohn wohl ein Stück weit recht.
Über 3.600 Syrer:innen warten auf Entscheidung
Seit dem Sturz des Assad-Regimes im Dezember 2024 hat Österreich den Familiennachzug stark eingeschränkt. Mit einer Gesetzesnovelle, die der Bundesrat am 8. Mai 2025 bestätigte, kann die Bearbeitung von Anträgen auf Familienzusammenführung per Verordnung ausgesetzt werden, sofern eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung oder der inneren Sicherheit festgestellt wird. Die Maßnahme gilt bis Ende September 2026.
Familien- und Integrationsministerin Claudia Plakolm (ÖVP) betonte, dass Österreich nicht dafür verantwortlich sei, dass diese Familien getrennt sind. Staatssekretär Jörg Leichtfried (SPÖ) argumentierte, dass die Aufnahmekapazitäten Österreichs nahezu erschöpft seien. Die Maßnahme diene dem Schutz der inneren Sicherheit und solle eine Balance zwischen dem Recht auf Asyl und der Belastbarkeit des Sozial- und Bildungssystems schaffen. Die Novelle sieht Ausnahmen für Minderjährige sowie Fälle vor, in denen das Recht auf Familienleben gemäß der Europäischen Menschenrechtskonvention zwingend gewahrt werden muss.

Aimanoon Aifares möchte seine Frau und seine drei Kinder aus Syrien nach Österreich holen. Doch das erscheint für den Sportlehrer und ehemaligen Handball-Nationalspieler nun unmöglich.
Menschenrechtsorganisationen kritisieren die Entscheidung scharf und verweisen auf die anhaltend unsichere Lage in Syrien. Shoura Hashemi, Geschäftsführerin von Amnesty International Österreich, erklärte in einer Stellungnahme etwa: „Österreich geht mit schlechtem Beispiel voran. Mit dem heutigen Beschluss sendet das Land ein fatales Signal – nicht nur an Betroffene, sondern auch an andere EU-Staaten.“
Die Auswirkungen sind besonders für syrische Staatsangehörige spürbar. Während im ersten Quartal 2025 nur 52 Einreisegenehmigungen für syrische Familienangehörige erteilt wurden, blieben 4.281 Anträge unbeantwortet. Syrer:innen stellten in den vergangenen Jahren die größte Gruppe an geflüchteten Menschen in Österreich. Dementsprechend gab es von ihnen auch die meisten Anträge auf Familiennachzug. Derzeit warten mehr als 3.600 Syrer:innen auf eine Entscheidung über ihren Antrag – und damit über ihre Zukunft sowie die ihrer Familie.
„Ich weiß nicht, was jetzt kommt“
Dazu gehört auch Mahmud Alkhabb. Er sitzt im Vereinslokal der Freien Syrischen Gemeinde in Favoriten, hinter ihm eine österreichische Flagge sowie eine syrische, auf der „Free Syria“ zu lesen ist. Er betont, dass er sich bereits seit langem im Stich gelassen fühlt. „Die Familienzusammenführung gibt es eigentlich seit Juni nicht mehr“, sagt er.
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"Ich weiß nicht, was jetzt kommt. Ob ich bleiben darf.
Ob ich arbeiten kann. Ob sie mich rausschmeißen."
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Vor fünf Jahren war der 34-Jährige noch ein angesehener Elektroingenieur in Homs, jetzt ein Flüchtling mit einer österreichischen Berufsanerkennung – die ihm hier jedoch wenig nützt. Seine Frau, eine Zahnärztin, lebt weiterhin mit dem Sohn der beiden in Syrien. Im November 2023 wurde sie in der österreichischen Botschaft in Beirut interviewt. Seitdem herrscht vonseiten der österreichischen Behörden Funkstille.
Monate vergingen. Briefe blieben unbeantwortet. Bis am 20. Februar dieses Jahres der Brief vom Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA) kam – ein formeller, emotionsloser Bescheid, wie ihn Tausende Syrer:innen an diesem Tag erhielten: „Ihr Asylstatus wird überprüft.“
Mahmuds Stimme klingt müde, wenn er spricht. „Ich weiß nicht, was jetzt kommt. Ob ich bleiben darf. Ob ich arbeiten kann. Ob sie mich rausschmeißen.“ Auch seine Frau sei immer frustrierter, „Wir streiten. Ich habe ihre Praxis in Syrien verkauft, um hier in Wien eine Wohnung für uns drei mieten zu können“, erzählt er. Sogar von Scheidung sei schon die Rede gewesen.
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Seine Motivation Deutsch zu lernen oder sich zu bewerben,
schwindet jeden Tag. Denn: Wozu das Ganze noch?
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Seine Motivation, weiter Deutsch zu lernen oder sich für Jobs zu bewerben, schwindet angesichts dieser Lage von Tag zu Tag. Wozu das Ganze noch, wenn ohnehin ungewisse sei, wie es weiter geht. Besonders traurig macht ihn, dass er seinen mittlerweile dreijährigen Sohn noch nie persönlich gesehen hat. „Als ich Syrien verlassen musste, war meine Frau schwanger“, erklärt er.
Neben Alkhaab sitzt heute Lina im Vereinslokal der Freien Syrischen Gemeinde. Bei ihr war es umgekehrt: Als sie 2021 aus Syrien nach Österreich kam, erwartete sie ein Kind. Ihr Ehemann, der damals nach Jordanien floh, konnte den mittlerweile Dreijährigen noch nie in die Arme schließen.
„Es ist jetzt sinnlos“
Entgegen des politisch – und auch medial – oft vermittelten Bildes sind nicht nur geflüchtete Männer von dem Nachzugsstopp betroffen. Auch die 47-jährige Nazar M. lebt mit ihren beiden Söhnen, 14 und 17 Jahre alt, seit fast drei Jahren in Wien. Nach einigen Jahren in der Türkei, war sie zunächst mit ihren beiden jüngsten Kindern nach Österreich gekommen. Sie haben subsidiären Schutz erhalten. Die Minderjährigkeit ihrer Kinder ermöglichte es ihr, ebenfalls eine Familienzusammenführung zu beantragen, um so auch den Vater nach Österreich holen zu können. Im November des Vorjahres hatte ihr Mann bereits das dafür notwendige Interview in der türkischen Botschaft in Istanbul. Seither: Warten und Verzweiflung.

Nazar M. wartet in Wien auf ihren Mann. Zurück nach Syrien möchte sie nicht: "Meine Kinder könnten nicht einmal auf Arabisch schreiben, sie waren durch den Krieg kaum dort in der Schule".
Doch feststeht: Zurück nach Syrien möchte Nazar M. nicht. „Meine Kinder könnten nicht einmal auf Arabisch schreiben, weil sie durch den Krieg kaum in Syrien in die Schule gehen konnten“, betont Nazar M. und bringt damit zum Ausdruck, was viele Betroffene ähnlich sehen: Eine Zukunft in Österreich. In dem Land, in dem sich viele in den letzten Jahren versucht haben, eine Existenz aufzubauen.
Doch diese Zukunft erscheint für sie nun in weiter Ferne. Die fehlende Perspektive auf Familienzusammenführung lässt viele Betroffene verzweifeln. Wie sehr dadurch der Antrieb bei einigen verloren geht, bemerkt auch Abdulhkeem Alshater, Obmann der Freien Syrischen Gemeinde. „Wir bieten im Verein Deutschkurse an. Letztes Jahr waren diese immer sehr voll – heuer kommen nur Einzelne. Viele sagen: Es ist jetzt sinnlos.”
Naz Küçüktekin war bei der Wiener Bezirkszeitung, dem biber Magazin, bei Profil und zuletzt beim Kurier tätig, wo sie sich im Ressort „Mehr Platz“ vor allem mit migrantischen Lebensrealitäten beschäftigte. Das tut sie nun weiterhin als freie Journalistin.
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