Unter Generalverdacht
DOSSIER. Migrantische junge Männer werden in der öffentlichen Wahrnehmung zunehmend als Problem geframed. Dabei sind gerade sie oft besonders von Rassismus und Diskriminierung betroffen.
Text: Dennis Miskić.
Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.
Jetzt mit einem MO-Solidaritäts-Abo unterstützen!
Jung und migrantisch. Wer mit diesen Voraussetzungen aufwächst, hat es in Österreich schon mal nicht einfach. Medien titeln häufig reißerisch über die „gewalttätigen“ oder „übergriffigen“ Migranten. Die Jugendgewalt ist das große „Sorgenkind“ des Innenministeriums. Mit den vielen in Anführungszeichen gesetzten Wörtern sind meistens junge migrantische Männer gemeint. Oft besonders muslimische Männer. Oder zumindest jene, die von der Gesellschaft als migrantisch bzw. muslimisch gesehen werden. Dass es auch eine Vielfalt an migrantischen Männlichkeiten gibt, wird dabei gern weggelassen.
Gleichzeitig sind gerade diese jungen Männer regelmäßig mit Rassismus oder Diskriminierungserfahrungen konfrontiert – sei es durch häufige Polizeikontrollen, Verkäufer:innen, die sie im Geschäft besonders genau beobachten, oder öffentliche Debatten, die ihnen die Zugehörigkeit zu einer „Problemgruppe“ zuschreiben. Sie sitzen fest in einer Welt zwischen Stereotypen und Ausgrenzung. Eine Erfahrung, die wiederum die Entwicklung vieler beeinflusst. Wie geht es jungen Männern damit? Und was sind die Strategien, mit denen sie durch diese Welt navigieren?

Politik und Medien tun oft so, als wäre "Migrant sein" eine Eigenschaft oder Berufsbezeichnung von Jugendlichen. Dabei müssen junge migrantische Männer oft als Sündenböcke herhalten. | Foto: Amir Hosseini, Unsplash
Rassismus wird Alltag
Mostafa Radwan kennt all die Stereotype. Auch, weil er sie täglich lebt und erlebt. Von einem Kollegen hat er während des muslimischen Fastenmonats Ramadan gehört: „Geh bitte, kannst eh was essen, dein Allah sieht dich nicht, wir sind in einem geschlossenen Raum.“ In der Schule wurde er wegen seiner braunen Haut und dunklen Haaren auch öfter „Affe“ genannt.
_______
POSITIVE NARRATIVE GEBE ES NUR
IN FORM VON EINZELGESCHICHTEN.
_______
Der 24-Jährige versucht solche Aussagen mit Humor zu nehmen. Trotzdem schmerzt es. Ein noch größeres Problem sieht er darin, dass ihm sein Dasein abgesprochen wird. „Ich bin gebürtiger Österreicher, aber darf mich nicht wie ein Österreicher fühlen. Das macht es schwieriger, mich auch wohlzufühlen“, sagt Radwan. Seine Eltern kommen aus Ägypten. Deutsch spricht er im typischen Wiener Dialekt.
Der gelernte Infrastrukturtechniker vertritt heute junge Lehrlinge beim Österreichischen Gewerkschaftsbund (ÖGB). Er ist also ständig im Austausch mit ihnen. Er weiß von ihren Hoffnungen, Ambitionen, aber auch den Problemen, die sie belasten. „Migrantische Jugendliche wachsen praktisch mit Diskriminierung, Rassismus und Mobbing auf. Leider wird das auch immer schlimmer“, sagt Radwan. Am gängigsten seien Beleidigungen aufgrund der Hautfarbe oder Religion. Das Klischee, dass alle muslimischen Männer frauenfeindlich und gewalttätig wären, mache ihn besonders fertig. Vor allem in der medialen Berichterstattung werde ein negatives Bild gezeichnet. Positive Narrative gibt es nur in Form von Einzelgeschichten. „Es schmerzt, so etwas mitzubekommen. Die Lehrlinge und mich“, sagt der Betriebsrat.

Mostafa Radwan erlebte viel Rassismus. Er unterstützt heute andere, besonders Lehrlinge. | Foto: privat
Die Jugendlichen müssten für sich lernen, damit klarzukommen. Es sei ein klarer Teil ihrer Lebensrealität. Als mögliches Instrument nennt Mostafa Radwan Humor und Resilienz. „Ich lasse mich nicht unterkriegen und gehe Kompromisse mit mir selbst ein. Es hilft, sich nicht zu sehr über rassistische Kommentare aufzuregen“, sagt der 24-Jährige, der auch im Interview eine heitere Stimmung an den Tag legt.
Migrant sein als Berufsbezeichnung
Das Bild, das in den Medien fast widerstandslos reproduziert wird, und auch die rassistischen Kommentare, die immer salonfähiger wurden, sind über viele Jahre herangewachsen, sagt Erol Yildiz, Soziologe vom Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Innsbruck. Im Laufe der Zeit hätten sich „defizit- und problemorientierte Deutungen“ normalisiert, die wiederum durch Politik und Medien weitergetragen werden.
_______
DEFIZIT- UND PROBLEMORIENTIERTE
DEUTUNGEN WERDEN IMMER WEITERGETRAGEN.
_______
Dieses Bild sieht Migration dann nicht als normales Produkt jeder großen und diversen Gesellschaft. „Vielmehr wird sie im Kontext von Integrationsproblemen und Konflikten diskutiert – als Abweichung von der Normalität“, sagt Yildiz. Dass die Jugendlichen zum Großteil in Österreich geboren sind, in der dritten oder vierten Generation aufwachsen, wird ausgeblendet. „Einen Migrationshintergrund zu haben, erscheint dann wie eine Eigenschaft von Jugendlichen, wie eine Berufsbezeichnung. ‚Herkunftskultur‘ bzw. ‚Migrant sein‘ wird politisch instrumentalisiert. Dadurch werden soziale Probleme schnell auf Migration und Herkunftskultur reduziert und diskutiert“, so Yildiz.
Für eine Lösung müsste der Kurs gewechselt werden. Man müsse das Narrativ korrigieren, dass diese Gruppe „nicht angekommen“ sei oder kulturelle Identitätsprobleme hätte. „Die eigentliche Frage ist nicht, ob sie dazugehören wollen, sondern warum ihnen Zugehörigkeit so häufig nur unter Vorbehalt gewährt wird“, sagt Yildiz.

Fabian Ceska arbeitet zu "Migränntlichkeit": der Verbindung von Migration und Männlichkeit. | Foto: Kim Engelhard
Nicht mit erhobenem Zeigefinger
Fabian Ceska kennt diese Deutungsmuster sowohl in Österreich als auch in Deutschland. Er ist in Wien geboren und aufgewachsen, lebt aber heute in Köln, wo er die NGO Detox Identity mitgegründet hat und kritische Männlichkeitsarbeit durchführt. Sein Fokus liegt auf der Verbindung von Migration und Männlichkeit, oder die „Migränntlichkeit“, wie er sie nennt. Es gehe darum, männliche Privilegien zu reflektieren und gleichzeitig rassistische Diskriminierungserfahrungen anzuerkennen.
Was Ceska immer wieder erlebt: In Schulen, besonders an sogenannten Brennpunktschulen, werden Burschen schnell als sexistisch oder queerfeindlich beschrieben. Schon in Vorgesprächen mit Lehrkräften höre er oft Sätze wie: „Den Burschen geht es nicht so gut, die haben es schwerer, die haben es halt anders gelernt.“ Besonders bei muslimischen Jugendlichen werde dann betont, sie könnten nichts dafür, weil sie aus einer anderen Kultur kämen.
Für Ceska ist das ein falscher Zugang. „Da merkt man oft sehr klar, was die Erwachsenen über die Jugendlichen denken“, sagt er. Die Herkunft werde zur Hauptursache gemacht. Nicht die konkrete Situation der Jugendlichen. Nicht ihre Erfahrungen mit Armut, Klassismus oder Rassismus. Nicht die Frage, welche Rolle Social Media, Schule, Familie oder Gruppendruck spielen. „Wenn die einzige Erklärung für auffälliges Verhalten immer die Herkunft ist, löst man gar nichts“, sagt der Gender Studies-Experte.
Denn der Gedanke, junge muslimische Männer hätten in ihrer Kultur einfach gelernt, dass Männer Machos sein dürfen, sei zu einfach. Und vor allem sei er falsch. Die Jugendlichen wüssten sehr wohl, was Respekt, Grenzen und Gleichwertigkeit bedeuten. Man müsse mit ihnen auf Augenhöhe arbeiten, sie herausfordern, ihnen widersprechen, sie aber gleichzeitig auch abholen.
_______
IN SCHULEN WERDEN DIE BURSCHEN SCHNELL
ALS SEXISTISCH UND QUEERFEINDLICH ABGETAN.
_______
In seinen Workshops geht Ceska deshalb nicht frontal konfrontativ hinein. Der erhobene Zeigefinger funktioniere selten. Stattdessen arbeitet er über Umwege. Manchmal steht am Anfang eine Frage wie: Was bedeutet Erfolg? Oder: Was bedeutet Integration? Über solche Fragen kommen die Jugendlichen zu Themen, die sie wirklich interessieren.
Dann geht es um Macht, Männlichkeit oder auch um Geld und Respekt. Es geht um Fußballstars, Influencer, Unternehmer oder Männer, die im Netz als stark und unangreifbar dargestellt werden. Manche Jugendliche sprechen über Personen wie Cristiano Ronaldo, Jeffrey Epstein oder Peter Thiel. Diese Namen stehen für sie in Verbindung mit Macht, Reichtum oder Einfluss.
Und gerade dort öffnet sich ein Raum. Ceska fragt dann: Was macht diese Männer aus? Warum gelten sie als erfolgreich? Was passiert, wenn jemand alles bekommt, was er will? Und wem schadet dieses Verhalten? Über solche Gespräche kommen die Jugendlichen zu Fragen von sexualisierter Gewalt, Verantwortung und Empathie.
„Die Jungs sind offen für diese Gespräche und entwickeln dabei auch eine gewisse Weichheit sich selbst gegenüber“, sagt Ceska. Seine Erfahrung zeigt: Jungen migrantischen Männern muss kein bestimmter Weg vorgeschrieben werden. Sie sind durchaus bereit, ihr eigenes Verhalten kritisch zu hinterfragen. So lernen sie auch, sich in einer Welt zu bewegen, in der Diskriminierung Teil ihrer Realität ist – und lernen, diese Erfahrungen selbst nicht an andere weiterzugeben. Denn genau diese Haltung wünschen sie sich umgekehrt auch von der Mehrheitsgesellschaft.
Dennis Miskić ist freier Journalist aus Wien. Seine Anfänge machte er beim BIBER Magazin, heute schreibt er vor allem über den Balkan und Osteuropa und macht Beiträge für FM4, WZ und die FURCHE.
Unterstützen Sie jetzt unabhängigen Menschenrechtsjournalismus mit einem MO-Magazin-Solidaritäts-Abo



