Viel Tamtam um den Migramann
SERVUS ALAYKUM. Wer hat Angst vor dem Migramann? Der Mann, der angeblich gar nichts kann.
Kolumne: Menerva Hammad.
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Er ist frauenfeindlich, gewalttätig und dumm. Deutsch kann er auch nicht, aber das macht ihn keineswegs stumm.
Ein viel umstrittener Mann mit vielen Gesichtern, der gute Mohamed oder eigentlich Mo, denn um hierher zu passen, ändert man seinen Namen so. Der Bilal wird zum Bill, damit ihn die Stefanie auch will. Der erste Schritt zur gelungenen Integration ist nämlich das Ablegen der eigenen Identität – das beweist uns seine Motivation.
Es kommt drauf an, wo man auf den Migramann trifft, nicht überall erträgt man ihn nicht. Im Gym ist er zum Beispiel der Profi, der Gymbro, der, der sich auskennt und weiß, wie die Muckis am besten zu pumpen sind, dort wird er respektiert, begrüßt, um Rat gebeten. Sieht man ihn jedoch auf der Straße, mit dunkler Mähne, dichten Augenbrauen und diesen hochgekrempelten Hosen, wechselt man die Straßenseite, weil es ist, der Migramann, der alles Böse tut, aber eigentlich nichts kann.
Nicht etwa, weil sie tatsächlich nichts können – viele Migrakinder sprechen zwei Sprachen oder sogar mehr –, sondern weil sie in das Bild des „bösen Ausländers“ passen, das in der Öffentlichkeit immer wieder reproduziert wird. Herkunft und Ethnie scheinen nämlich nur dann über einen Menschen zu bestimmen, wenn dieser migrantisch ist. Alle anderen dürfen Individuen sein.
Arda Saatçi musste mehr als 600 Kilometer beim Ultramarathon in der kalifornischen Wüste laufen, bevor man ihn in den Medien als deutschen Mann bezeichnete. Andere Menschen sind noch viel weiter gelaufen, aber deren Sponsoren waren Angst vor Krieg und die Hoffnung auf ein würdevolles Leben, sie werden jedoch nie als Deutsche, Österreicher oder Europäer gesehen. Ihre Herkunft bleibt negativ instrumentalisiert, selbst dann, wenn sie längst Teil dieser Gesellschaft sind.
Ein Mohamed sagt etwas Sexistisches und sofort werden Kultur, Religion und Herkunft aller Mohameds und Aishas dafür verantwortlich gemacht. Ein Stefan sagt dasselbe und man lacht darüber, weil er es „eh nicht so meint“ oder weil doch jeder seine Meinung haben dürfe, außerdem „ist das doch der Stefan”. Alle Stefanies bleiben auch noch verschont, denn Stefan spricht nur für sich, während Mohamed es für alle tut. Dem einen wird Individualität zugestanden, dem anderen Repräsentation von Millionen Menschen aufgezwungen.
Und wie versucht man, dem Migramann das Fremde auszutreiben? Man schließt ihn aus. Zeigt ihm früh, dass er trotz Anpassung, trotz Sprache, trotz Arbeit niemals ganz dazugehören wird. Also sucht er sich Menschen, die denselben Blick kennen wie er. Andere Ausgestoßene. Menschen, die dieselbe Distanz und dieselbe ständige Erklärungspflicht erlebt haben. Aus diesem gemeinsamen Schmerz entsteht Zugehörigkeit – manchmal eine gesunde, manchmal eine zerstörerische. Denn Menschen formen aus ihren Erfahrungen und Schmerz unterschiedliche Leben, Geschichten und Schicksale. Vielleicht würden manche dieser Geschichten anders enden, wenn man sie von Anfang an als die Menschen betrachtet hätte, die sie individuell sind.
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