Wenn die Stimmen leiser werden
WELT. Radio Orange bietet als einer der größten freien Radio-Sender im deutschsprachigen Raum vor allem marginalisierten Stimmen eine Plattform. Nach dem überraschenden Förder-Stopp seitens der Stadt Wien steht der Sender vor einer ungewissen Zukunft.
Text: Naz Küçüktekin.
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Am Gaußplatz im zwanzigsten Wiener Gemeindebezirk wird in mehr als zwanzig Sprachen gesprochen, diskutiert und manchmal auch gestritten. Etwa auf Deutsch, Türkisch, Französisch, Kurdisch, Arabisch oder Polnisch. Die Sendung „Radio Afrika“ vermittelt unterschiedliche Perspektiven auf den afrikanischen Kontinent und berichtet über eine Wüstenwanderung in Namibia oder Schwimmen für Frauen in Tansania. Bei „Café LG – Grüße ins Gefängnis“ erreichen persönliche Nachrichten von Angehörigen die Gefangenen. „Radio Stimme“ beschäftigt sich mit Minderheitenthemen. Dazwischen geht es um Kultur, Politik und das Leben migrantischer Communitys. Was auf Radio Orange 94.0 zu hören ist, findet im klassischen Rundfunk oft wenig Platz. Doch genau dieser Platz kämpft aktuell um sein Überleben.

Bei Radio Orange hat jede:r die Möglichkeit mitzumachen. Diese Sprachen- und Perspektivenvielfalt fehlt in anderen Medien. | Foto: ORANGE 94.0 - das Freie Radio in WienJoseph Krpelan, www.derknopfdruecker.com
Mit Sparmaßnahmen hatte Geschäftsführerin Ulli Weish gerechnet. Das Team hatte Szenarien durchgespielt und sich auf Kürzungen von zehn bis fünfzehn Prozent vorbereitet. Zwar werden die etwa 220 Sendungsformate ehrenamtlich gestaltet. Damit daraus aber täglich Radio wird, braucht es ein Team im Hintergrund. 13 Teilzeitbeschäftigte kümmern sich um Technik, Programmkoordination und Administration. Finanziert wurde diese Infrastruktur bisher zu einem wesentlichen Teil durch die Stadt Wien. Doch damit soll 2027 Schluss sein. „Dass man uns komplett streichen will, damit haben wir nicht gerechnet“, sagt Weish über die überraschende Nachricht aus dem Rathaus.
Zuletzt erhielt Radio Orange laut Förderbericht 390.600 Euro über die Wiener MA 13 für Bildung und Jugend. Aus dem Büro der zuständigen NEOS-Stadträtin Bettina Emmerling verweist man auf die angespannte Budgetsituation der Stadt. Das Ressort wolle seine Mittel auf Maßnahmen konzentrieren, die unmittelbar faire Bildungschancen für Kinder und Jugendliche sichern. Für 2026 ist noch eine reduzierte Übergangsfinanzierung vorgesehen.
Demokratiepolitische Infrastruktur
Ausgerechnet ein Sender, der aus dem Kampf um freien Medienzugang entstanden ist, muss sich damit finanziell neu aufstellen. Die Geschichte von Radio Orange reicht zurück in die Zeit der Piratenradios, als privater Rundfunk in Österreich noch nicht vorgesehen war. 1998 ging der Sender offiziell on air. Die Idee hat sich seither kaum verändert: Wer Radio machen möchte, soll die Möglichkeit dazu bekommen. „Wir betrachten uns als Übungsraum, als Lernfeld, als demokratiepolitische Infrastruktur“, sagt die Geschäftsführerin.
Nun sucht Radio Orange nach einem Weg, diese Vielfalt weiter zu ermöglichen. Wie groß das Team künftig sein kann und wie der Betrieb finanziert wird, ist noch offen. „Wir arbeiten gerade an einer Lösung und sind in Verhandlungen“, sagt Weish.
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