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05. Sept.. 2026

Wenn Krankheit arm macht – und Armut krank

DOSSIER. Wer krank wird, riskiert oft mehr als seine Gesundheit. Umgekehrt erhöht Armut das Risiko, selbst zu erkranken. Über einen Kreislauf, der Tausende Menschen betrifft und dennoch oft unsichtbar bleibt. 
 

Text: Naz Küçüktekin.

Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.

 

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Wenn Daniela Brodesser heute über die Jahre vor ihrer Armut spricht, erzählt sie nicht von einem Leben am Existenzminimum. Sie erzählt von zwei Einkommen, zwei Autos, regelmäßigen Urlauben. „Wir waren eine Durchschnittsfamilie”, sagt sie. Doch dann kam ihre jüngste Tochter mit schwerem Lungenhochdruck zur Welt. Aus ein paar Wochen Krankenhaus wurden Jahre, in denen das Mädchen kaum eine Schulwoche am Stück schaffte. Brodesser stieg aus dem Berufsleben aus, um ihre Tochter zu pflegen. Ihr Mann versuchte, den Einkommensverlust aufzufangen, arbeitete Vollzeit und machte sich zusätzlich selbstständig. Wenig später erlitt er ein Burnout und verlor seinen Job. Mit ihm verschwand die letzte finanzielle Sicherheit der Familie. Und es begannen Jahre der Armut.

 

Einmal im Teufelskreislauf, ist der Weg hinaus schwierig: Eine Krankheit kann in Armut stürzen. Umgekehrt kann Armut weiter an der Gesundheit nagen. | llustration: erstellt mit ChatGPT


Jahre, in denen Brodesser Medikamente nicht kaufte, weil sie sie selbst bezahlen musste. Jahre, in denen sie Physiotherapie verschob, weil neben dem Selbstbehalt auch die Fahrt Geld kostete. Jahre, in denen sie Zahnbehandlungen absagte, weil sie vorher nie wusste, welche Behandlungen sie genau brauchen und wie hoch die Rechnung damit am Ende ausfallen würde. „Ich musste zuerst schauen, dass Essen auf dem Tisch steht“, erinnert sie sich zurück.


Auch der Einkauf folgte plötzlich anderen Regeln. „Ich habe geschaut, was im Minus-50-Prozent-Regal liegt. Und danach habe ich den Speiseplan gerichtet.“ Nicht das, worauf die Familie Lust hat. Sondern das, was leistbar ist, landete auf dem Tisch. Als sie aufgrund ihres Umzuges ihren Gemüsegarten aufgeben musste, merkte Brodesser erst, wie teuer frisches Gemüse eigentlich ist. „Jeder, der sagt, man kann sich auch mit ganz wenig Geld gesund ernähren, soll das bitte einmal ein halbes Jahr machen – wenn er nebenbei auch noch die ganzen Stressfaktoren hat.“

 

Gegenseitige Verstärkung
Was Brodesser erlebte, ist in der Armutsforschung bestens belegt. „Armut macht krank – nicht immer, aber oft. Und Krankheit macht arm – auch nicht immer, aber oft“, beschreibt die Soziologin Karin Heitzmann von der Wirtschaftsuniversität Wien die Korrelation. Menschen mit geringem Einkommen leiden häufiger an chronischen Erkrankungen, leben öfter mit gesundheitlichen Einschränkungen und schätzen ihren Gesundheitszustand schlechter ein als finanziell besser abgesicherte Menschen, erklärt die Expertin. Dieser Zusammenhang zeigt sich laut Heitzmann auch nicht erst im Erwachsenenalter. Schon bei Kindern und Jugendlichen unterscheiden sich Gesundheitsverhalten und Gesundheitszustand je nach Einkommens- und Bildungssituation ihrer Eltern. Umgekehrt könne Krankheit dazu führen, dass Menschen ihre Erwerbsarbeit einschränken oder ganz aufgeben müssen – und damit jenes Einkommen verlieren, das sie finanziell absichert. Laut Heitzmann verstärken sich dabei beide Seiten gegenseitig. Wer dauerhaft mit Geldsorgen lebt, steht unter Stress. Das belastet vor allem die psychische Gesundheit. Gleichzeitig erschwert genau dieser Stress den Weg zurück in den Beruf. „Um aus der Armut herauszukommen, ist die beste Möglichkeit nach wie vor das Erwerbseinkommen“, sagt sie. Wer aber krank sei oder mit einer Behinderung lebe, könne oft gar nicht oder nur eingeschränkt arbeiten. Aus Krankheit werde so Armut – und aus Armut wieder Krankheit.

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MENSCHEN MIT GERINGEM EINKOMMEN LEIDEN

HÄUFIGER AN CHRONISCHEN ERKRANKUNGEN.

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Daniela Brodesser war lange in genau diesem Kreislauf. Wenn das Geld gerade mal für das Nötigste reiche, werde Vorsorge und Selbstfürsorge schnell zum Luxus. „Sport machen kann jede:r und ist kostenlos, heißt es zum Beispiel oft. Aber nein, das ist es nicht”, betont sie. Gute Laufschuhe kosten Geld. Ein Fitnessstudio ebenfalls. „Und nicht jede:r schafft es, sich nach Jahren voller Sorgen allein zum Laufen aufzuraffen.“ Zusätzlich komme auch noch Scham dazu. „Ich hätte damals jemanden gebraucht, der sagt: Komm mit. Du wirst dort nicht blöd angeschaut.“ Wer lange in Armut lebt, sagt sie, ziehe sich zurück. Viele melden sich nicht einmal für kostenlose Angebote an. Nicht aus Geldgründen, sondern weil sie glauben, dort nicht dazuzugehören.


Doch Armut wirkt sich nicht nur auf Bewegung oder Ernährung aus. Sie prägt oft auch den Ort, an dem Menschen den größten Teil ihres Tages verbringen: ihre Wohnung. Fast jede dritte Person, die Sozialhilfe bezieht, lebt laut Statistik Austria in einer feuchten oder undichten Wohnung. In der Gesamtbevölkerung betrifft das jede zehnte Person. Schimmel, Feuchtigkeit und Kälte sind nicht bloß ein Komfortproblem. Sie erhöhen das Risiko für gesundheitliche Beschwerden. Wer am Existenzminimum lebt, kann sich einen Umzug oder eine Sanierung häufig nicht leisten – und bleibt dort, wo die Wohnung selbst krank macht. 

 

Autorin und Armutsexpertin Daniela Brodesser hat die Spirale zwischen Krankheit und Armut selbst erlebt. Heute klärt sie darüber auf. | Foto: Christopher Glanzl

 

Prävention entscheidend
Was Brodesser rückblickend am meisten verärgert: Viele hätten einen Spartipp parat. Während kaum jemand frage, warum eine Familie überhaupt in diese Situation geraten sei. „Kein Mensch wacht in der Früh auf und sagt: Ich lebe jetzt in Armut, weil es so bequem ist“, sagt sie. „Da muss schon so viel passiert sein.“


Wer einmal in diesem Kreislauf steckt, kämpft oft an mehreren Fronten gleichzeitig. Schmerzen machen das Arbeiten schwerer. Fehlendes Einkommen erschwert Behandlungen. Lange Wartezeiten auf Therapieplätze verschärfen psychische Belastungen zusätzlich. Für Soziologin Karin Heitzmann ist deshalb klar: Wer Armut bekämpfen will, muss auch Gesundheit mitdenken – und umgekehrt. Gesundheits-, Sozial- und Arbeitsmarktpolitik würden jedoch häufig getrennt voneinander gedacht, obwohl sich die Probleme in der Lebensrealität vieler Betroffener überschneiden. Prävention, eine niederschwellige Gesundheitsversorgung und ausreichend Angebote im psychischen Bereich seien entscheidend, um zu verhindern, dass sich gesundheitliche Probleme und finanzielle Not gegenseitig verstärken. Wer Krankheiten früh behandle oder ihnen vorbeuge, verhindere oft auch, dass Menschen dauerhaft aus dem Erwerbsleben ausscheiden und in Armut geraten.

 

Krankheit löse meist Mitgefühl aus, Armut werde hingegen oft mit persönlichem Versagen verbunden, sagt Soziologin Karin Heitzmann. | Foto: WU Wien


Wie wichtig solche Angebote sind, zeigen auch Einrichtungen wie die gemeinnützige Ambulanz AmberMed in Wien. Sie versorgen Menschen ohne Krankenversicherung medizinisch und schließen damit Versorgungslücken, die das reguläre Gesundheitssystem offenlässt. Für Heitzmann ist das kein Zufall. Wer sich an Einrichtungen der Armutsarbeit wendet, brauche oft weit mehr als finanzielle Unterstützung. Häufig gehe es auch darum, Menschen den Zugang zu medizinischer Versorgung zu ermöglichen oder Behandlungen überhaupt erst zu organisieren. Bei wohnungslosen Menschen gehören medizinische und zahnmedizinische Angebote vielerorts längst dazu. „Gesundheit ist ein ganz wichtiger Baustein“, sagt sie. Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussionen über Einsparungen im Sozial- und Gesundheitsbereich bekommt die Frage zusätzliche Brisanz, welche Folgen Kürzungen für Menschen haben werden, die ohnehin schon Schwierigkeiten haben, medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen. 


Doch Unterstützung endet nicht bei der medizinischen Versorgung. Oft braucht es auch jemanden, der Menschen durch ein komplexes Sozial- und Gesundheitssystem begleitet. Daniela Brodesser hätte sich damals keine weiteren Spartipps gewünscht. Sie hätte jemanden gebraucht, der mit ihr den nächsten Schritt plant. Jemanden, der erklärt, welche Unterstützung es gibt. Jemanden, der bei Anträgen hilft und den Weg durch Behörden mitgeht. „Wenn du jahrelang Beschämung erlebt hast, gehst du ganz anders auf eine Behörde zu“, sagt sie.


Karin Heitzmann überrascht Brodessers Erfahrung nicht. Krankheit löse meist Mitgefühl aus. Armut dagegen werde noch immer häufig mit persönlichem Versagen verbunden. Dabei zeigen Forschung und Statistik seit Jahren, wie eng soziale Lage und Gesundheit zusammenhängen. Und dass es sich oft um ein strukturelles und kein individuelles Versagen handelt.

 

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