Wer dazugehört
DOSSIER. Sechs Volksgruppen sind in Österreich bisher offiziell anerkannt. Ihre Geschichte erzählt viel über Identität, Verdrängung und den bis heute schwierigen Umgang mit Vielfalt in Österreich.
Text: Milena Österreicher.
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Es ist eine einfache Frage und doch bringt sie viele ins Stolpern: Wer sind die sechs anerkannten Volksgruppen in Österreich?
Wer sie richtig aufzählt – Burgenland-Kroat:innen, Kärntner Slowen:innen, Ungar:innen, Tschech:innen, Slowak:innen und Rom:nja – gehört wohl zu den wenigen, die im Geschichtsunterricht sehr gut aufgepasst haben oder selbst einer Volksgruppe angehören. Dabei erzählt diese scheinbar harmlose Wissensfrage viel über Österreich: über sein Verhältnis zur eigenen Geschichte, zur Vielfalt und zu jenen, die dazugehören. Oder für manche nicht dazugehören sollen.
Minderheit über Nacht
Doch was sind Volksgruppen eigentlich? Das Volksgruppengesetz von 1976 definiert sie als „Gruppen österreichischer Staatsbürger, die sich von der übrigen Bevölkerung durch Sprache und Volkstum unterscheiden und in einem Teil des Bundesgebietes ansässig sind“. Ziel war der Schutz historisch gewachsener Minderheiten, deren Präsenz bis in die Zeit der Habsburgermonarchie und darüber hinaus reicht. Denn im alten Österreich-Ungarn lebten Kroat:innen, Slowen:innen, Ungar:innen, Tschech:innen, Slowak:innen und Rom:nja seit Jahrhunderten mit- und nebeneinander. Mehrsprachigkeit war Alltag, Vorurteile und Reibungspunkte auch. Der Zerfall der Monarchie 1918 stellte diese Vielfalt auf eine neue Probe: Denn die Menschen blieben, die Grenzen nicht.
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DER ZERFALL DER MONARCHIE BEDEUTETE:
DIE MENSCHEN BLIEBEN, DIE GRENZEN NICHT.
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Die burgenländischen Kroat:innen etwa siedelten im 16. Jahrhundert im damaligen Westungarn, wohin sie vor den Türkenkriegen geflohen waren. Als das Burgenland 1921 Österreich angeschlossen wurde, blieben sie, wo sie waren – und galten über Nacht als Minderheit. Auch die ungarische Bevölkerung im Nordburgenland fand sich jenseits einer neuen Grenze wieder. Ähnlich die Kärntner Slowen:innen: Sie lebten seit Jahrhunderten im Süden des Landes. Nach dem Ersten Weltkrieg stritten Österreich und das neu gegründete Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen um das Gebiet. 1920 entschied eine Volksabstimmung, dass Kärnten bei Österreich blieb. In Wien wiederum lebten zu dieser Zeit zehntausende Tschech:innen und Slowak:innen, die im 19. Jahrhundert als Arbeiter:innen in die Hauptstadt gekommen waren. Mit der Gründung der Tschechoslowakei 1918 wurden sie zur Minderheit im eigenen Zuhause. Auch die Rom:nja, seit dem 15. Jahrhundert auf heutigem österreichischem Gebiet ansässig – sesshaft im Burgenland, reisend in anderen Regionen –, waren Teil der Habsburgermonarchie.

Richard Basler ist Vorsitzender der ARGE Volksgruppen und bemängelt das fehlende Wissen über Volksgruppen in Politik wie Gesellschaft.
Vom Staatsvertrag zum Symbolstreit
Der österreichische Staatsvertrag von 1955 schrieb den Schutz der slowenischen und kroatischen Minderheiten fest – einschließlich zweisprachiger Ortstafeln und der Verwendung ihrer Umgangssprache als Amtssprache. Doch erst 1976 wurde es in ein eigenes Gesetz gegossen. Die Umsetzung lief von Beginn an zäh: Das zeigte sich insbesondere im jahrzehntelangen Ortstafelstreit in Kärnten. Erst 2011 wurde eine politische Lösung erzielt. Doch noch heute werden zweisprachige Tafeln beschmiert. Mit dem Gesetz 1976 wurden auch sogenannte Volksgruppenbeiräte geschaffen. Sie bestehen aus Volkgsruppenangehörigen, Vertreter:innen der Parlamentsparteien sowie der Kirche. Die Beiräte unterbreiten dem für Volksgruppen zuständigen Bundeskanzleramt (BKA) jährlich Vorschläge, welchen Projekten die Volksgruppenförderung zugutekommen soll. An der Zusammensetzung und dem Bestellungsmodus der Beiräte gibt es jedoch Kritik. Einerseits am politischen und kirchlichen Einfluss, andererseits daran, dass Volksgruppenvertreter:innen nur von großen festgelegten Vereinen vorgeschlagen werden dürfen. Das BKA wählt sie anschließend aus. Die Folge: Manche Vertreter:innen sitzen seit Jahrzehnten im Beirat, während kritische oder jüngere Stimmen es oft gar nicht hineinschaffen, bemängeln Beobachter:innen. Mit der Schaffung von Volksgruppenbeiräten wurden 1976 auch die Volksgruppen der Ungar:innen und der (damals) Tschechoslowak:innen anerkannt, 1993 folgten die Rom:nja. Eine Volksgruppe gilt als anerkannt, sobald ein Beirat eingerichtet ist. Es ist ein politischer, kein rechtlich geregelter Prozess. Zwei Drittel im Nationalrat müssen einer Anerkennung zustimmen. Als Grundvoraussetzungen gelten: österreichische Staatsbürgerschaft, Pflege der eigenen Sprache und Kultur sowie eine historische Verwurzelung im Land.
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AN DER BESTELLUNG UND ZUSAMMENSETZUNG
DER VOLKSGRUPPENBEIRÄTE GIBT ES KRITIK.
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Volksgruppen haben in ihren „autochthonen“ Gebieten theoretisch einige Rechte wie zweisprachige topografische Aufschriften oder Unterricht in ihrer Erstsprache. Diese Rechte sind jedoch kollektiver Natur: Sie lassen sich nicht individuell einklagen und hängen stark vom politischen Willen ab. Ähnlich verhält es sich mit der finanziellen Förderung, die 2025 insgesamt 7,7 Millionen Euro betrug. „Es gibt keinen Rechtsanspruch, auch nicht auf eine bestimmte Höhe“, sagt Richard Basler, Vorsitzender der ARGE Volksgruppen, einem Dachverband der anerkannten Volksgruppen. Die Pflege der Volksgruppen bleibe damit politisch abhängig und beruhe weitgehend auf ehrenamtlichem Engagement. Basler ist Historiker und selbst Angehöriger der tschechischen Volksgruppe. Er wünscht sich mehr Bewusstsein und Wissen rund um die Volksgruppen – in Politik wie Gesellschaft. „Wenn es keine Konflikte gibt, ist das Thema unsichtbar. Nur wenn es Streit gibt, wie bei den Ortstafeln, dann wird es plötzlich politisch brisant.“
Eine Frage von Alter und Gender
Ähnlich sieht es Vera Buranits, Mitglied im Kroatischen Akademischen Klubs. Sie kam 2018 aus dem Burgenland nach Wien. „Ich bin in Mjenovo/Kroatisch Minihof aufgewachsen, wo Kroatisch selbstverständlich war: im Kindergarten, in der Schule, überall“, erzählt sie. Ihr Engagement sieht sie als diese Fortsetzung. „Viele meiner Generation haben das Gefühl: Wenn wir es nicht machen, macht es niemand mehr. Aber gleichzeitig ist es schwierig, neben Studium oder Job diese Arbeit zu leisten.“
Noch seien viele Vereine von älteren Männern geprägt. „Als wir 2018 das erste Mal einen reinen Frauenvorstand hatten, fragte jemand aus dem Publikum, ob sich denn kein Mann opfern wolle“, erzählt Buranits. „Das war absurd, aber bezeichnend.“ Auch gendergerechte Sprache im Burgenlandkroatischen – einer eigenen, historisch gewachsenen Varietät des Kroatischen, die sich seit dem 16. Jahrhundert getrennt vom Standardkroatischen entwickelt hat – regten die Jungen an und stießen auf Widerstand: „Viele sagen: Es ist schon schwierig genug, die Leute dazu zu bewegen, die Sprache zu lernen.“
Ein zäher Kampf
Während in den Vereinen diskutiert wird, ringt die Politik um Daten. Die letzte Volkszählung mit Angaben zur Umgangssprache fand 2001 statt. Seither werden keine ethnischen oder sprachlichen Daten mehr erhoben – ein sensibles Thema in Ländern wie Österreich oder Deutschland. „Ohne Daten fehlt jedoch die Grundlage für sinnvolle Minderheitenpolitik“, sagt Emma Lantschner, Minderheitenexpertin vom Zentrum für Südosteuropastudien der Universität Graz. „Man weiß schlicht nicht, wie sich die Volksgruppen entwickeln und wo sie heute wohnen.“ In anderen Ländern werde über freiwillige Angaben im Rahmen von Volkszählungen oder Kooperationen mit Forschungseinrichtungen gearbeitet. In Österreich dienen heute oft Vereinsmitgliederzahlen als gewisser Ersatzindikator. Wer viele Mitglieder hat, hat bei Förderungen und Beiratsbesetzungen mehr Gewicht. Wer klein ist oder sich lose organisiert, bleibt im politischen Schatten.
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JENISCHE, POL:INNEN UND BOSNIER:INNEN BEMÜHEN
SICH UM DIE ANERKENNUNG ALS VOLKSGRUPPE.
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Dort sind momentan auch Gruppen, die sich um die Anerkennung bemühen. Seit der Anerkennung der Rom:nja 1993 ist keine neue Volksgruppe hinzugekommen. Doch andere Gemeinschaften bemühen sich seit Jahren um denselben Status. Die Jenischen verweisen auf ihre jahrhundertelange Präsenz, polnische Organisationen auf ihre historischen Wurzeln in Österreich. Siradj Duhan, Vorsitzender der Gesellschaft bosnischer Akademiker in Österreich, kämpft für die Anerkennung der Bosnier:innen. 1993 fragte er erstmals im Bundeskanzleramt nach, wann „seine“ Gruppe an der Reihe sei. „Man sagte mir: In 25 bis 30 Jahren sprechen wir nochmal“, erinnert er sich. 2019 folgte ein neuer Anlauf: „Es war klar: Es gibt keine rechtlichen Hindernisse. Es braucht nur politischen Willen.“ Duhan verweist auf historische Gründe: Das gesamte Territorium des heutigen Bosnien und Herzegowina gehörte einst zum Habsburgerreich. Zudem war das zweite bosnisch-herzegowinische Regiment die höchstausgezeichnete Einheit der österreichisch-ungarischen Armee. Viele Familien leben nun seit Jahrzehnten in Österreich. „Wir wollen keine zweisprachigen Ortstafeln oder Unterricht“, sagt Duhan. „Wir wollen Schutz, Sichtbarkeit und Anerkennung unserer historischen Verdienste. Wenn wir heute ein bosnisches Kulturfest organisieren, möchte ich nicht hören: ‚Hörts auf damit, das ist nicht Österreich.‘ Wir wollen, dass anerkannt wird, dass wir Teil dieses Landes sind.“

Vera Buranits ist Vorstandsmitglied im Kroatischen Akademikerklub. Sie kämpft um den Erhalt des Burgenlandkroatischen, das laut UNESCO vom Aussterben bedroht ist.
Die Alten und die Neuen
Inoffiziell gilt zwar, dass Gruppen, die seit mindestens drei Generationen oder rund hundert Jahren im Land leben, anerkannt werden können. Neue Anerkennungen würden jedoch das bestehende System verändern: Jede neue Volksgruppe erhielte einen eigenen Beirat, einen Anteil am Budget und Mitsprache bei der Geldverteilung. Das macht die Frage zu einer politischen Gratwanderung. In Österreich bleibt die Unterscheidung zwischen „Volksgruppen“ und „Minderheiten“ tief verankert. Volksgruppen gelten als Teil der Geschichte, als die „guten“ Minderheiten, während neue Zuwanderungsgruppen oft als fremd markiert werden. Selbst FPÖ-Politiker wie Nationalratspräsident Walter Rosenkranz betonen dann, dass der Verlust von Sprachen auch ein Verlust von Kulturgut und Identität sei. Es liege nicht zuletzt am Parlament, die Sprachenvielfalt in Österreich zu schützen und zu fördern, sagte er im Frühjahr 2025 bei der vom Nationalrat veranstalteten „Dialogplattform autochthoner Volksgruppen“.
Vietnam in Tschechien
Andere Länder legen ihren Minderheitenschutz inzwischen breiter aus. So wurde 2013 in Tschechien die vietnamesische Community offiziell als nationale Minderheit anerkannt – neben Gruppen wie den Pol:innen, den Deutschen oder den Rom:nja. Die vietnamesische Bevölkerung war in den 1970er- und 1980er-Jahren als Vertragsarbeiter:innen aus der sozialistischen „Bruderstaaten“-Kooperation nach Tschechien gekommen und hat sich seither fest im Land etabliert. Ihre Anerkennung brachte Sichtbarkeit, aber auch die Vertretung im Regierungsrat für nationale Minderheiten sowie Förderung kultureller Initiativen. Die Entscheidung war ein Signal: Minderheitenschutz kann sich verändern und neue Realitäten, die durch gesellschaftliche Entwicklungen entstehen, anerkennen. Auch in Österreich gäbe es Gruppen, die jahrzehntelang hier beheimatet sind, etwa die türkischen Gastarbeiter:innen, die gezielt angeworben wurden. Doch dieses politische Sprengfass aufzumachen, traut sich bislang niemand auf höchster Ebene.
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TSCHECHIEN ERKANNTE 2013 DIE VIETNAMESISCHE
COMMUNITY ALS NATIONALE MINDERHEIT AN.
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Minderheiten im Schulterschluss
Während die Politik zögert, organisierte sich die Zivilgesellschaft bereits 1991 und gründete die Initiative Minderheiten. Das Ziel damals wie heute: Allianzen zwischen verschiedenen diskriminierten Gruppen zu bilden. „Wir wollten zeigen, dass verschiedene Minderheiten ähnliche Diskriminierungserfahrungen machen“, sagt Cornelia Kogoj, Geschäftsführerin der Initiative. „Volksgruppenangehörige, Migrant:innen, LGBTIQ-Personen, Menschen mit Behinderung – sie alle erleben Ausgrenzung.“ Viele ihrer Anliegen – von Bildung über Gleichstellung bis zu politischer Teilhabe – überschneiden sich. Der Ansatz stieß anfangs auf Widerstand, gerade bei konservativeren Volksgruppenvertreter:innen. Heute gebe es viel mehr Solidarität, sagt Kogoj.
Sie wuchs im zweisprachigen Kärnten auf, in Globasnitz/Globasnica, wo Slowenischunterricht in den 1970er-Jahren noch als politisches Bekenntnis galt. „Meine Mutter wurde geschnitten, weil sie in einem slowenischen Lebensmittelgeschäft arbeitete. Das hat mich u. a. geprägt“, erzählt sie. Heute erlebt sie, dass junge Menschen Mehrsprachigkeit selbstverständlich leben. „Und trotzdem sind alte Ressentiments schnell wieder da. Das sehen wir bei den jüngsten Beschmierungen von zweisprachigen Ortstafeln oder an der Beschädigung eines Gedenksteines, der vor dem kärnten.museum an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert.“ Minderheitenschutz, sagt Kogoj, müsse breit gedacht werden. Gemeinsam dauere es vielleicht manchmal länger, doch man sei auch schwerer aufzuhalten. Besonders die junge Generation habe verstanden, dass es eine intersektionale Perspektive und enge Zusammenarbeit braucht. So zeigt auch die Initiative Minderheiten: Österreich war immer ein Land der vielen Stimmen – und ist es noch immer. Ein Teil davon ließe sich künftig vielleicht auch mit neuen Technologien bewahren, etwa durch digitale Übersetzungen oder mehrsprachige Verwaltungsangebote. Doch die eigentliche Aufgabe bleibt menschlich: Sie heißt politischer Wille und gesellschaftliches Bewusstsein. Denn die Geschichte der Volksgruppen erzählt von einem Land, das nie so homogen war, wie es sich selbst gern erzählt. Und vielleicht liegt gerade darin seine Stärke.
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