„Wieso hast du dich nicht gewehrt?“
DOSSIER. Männer sind Täter, Frauen die Opfer. Dieses Bild prägt unsere Wahrnehmung von Gewalt so tief, dass wir dabei eine ganze Betroffenengruppe aus dem Blick verlieren: Burschen.
Text: Patricia Kornfeld.
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Man stelle sich vor: Eine 12-jährige Schülerin nimmt Nachhilfe bei einem 25-jährigen Lehrer, es kommt zu sexualisierter Gewalt. Wer hier Opfer und Täter ist, liegt auf der Hand. Dreht man den Spieß um – minderjähriger Schüler, erwachsene Lehrerin –, verschwimmt diese Eindeutigkeit. Er hätte sich doch wehren können, immerhin ist er ein Bursche. Hat es ihm nicht sogar gefallen?

Burschen seien oft gefährdeter für körperliche Misshandlung, da die Überforderung der Eltern steige, so Gewaltschutzexpertin Johanna Zimmerl von der möwe. | Foto: Jan Kopriva, Unsplash
Genau mit solchen Visualisierungen arbeitet Elli Scambor. Die Soziologin und Pädagogin leitet das Institut für Männer- und Geschlechterforschung (VGM) in der Steiermark. In Workshops führt sie den Bias in der Wahrnehmung vor Augen und zeigt: Sexualisierte Gewalt gegen Buben wird seltener als solche erkannt, vor allem, wenn sie von Frauen ausgeht. Und auch seltener gesehen. Dunkelfeldstudien in Österreich aus dem Jahr 2011 gehen von einem Anteil von 27,7 Prozent weiblichen und 12 Prozent männlichen Kindern aus. Aber: „Burschen als Betroffene von sexualisierter Gewalt sind im gesellschaftlichen Diskurs häufig ausgeschlossen“, meint Scambor. Bei der körperlichen Gewalt zeichnet sich nochmal ein anderes Bild: „Buben unter fünf Jahren sind eine der am stärksten gefährdeten Gruppen für Tötungsdelikte“, erklärt Johanna Zimmerl, Bereichsleiterin der möwe Kinderschutzzentren. Bei der möwe erhalten Kinder und Jugendliche an mehreren Standorten kostenlose Unterstützung nach physischer, psychischer oder sexualisierter Gewalt. Auch ihre Bezugspersonen.

Elli Scambor: "Sexualisierte Gewalt gegen Buben wird seltener als solche erkannt." | Foto: Siacus
Gewalt im sozialen Nahraum entsteht oft aus Überforderung. Bei Buben kommt ein Wechselspiel aus Genetik und Sozialisation hinzu. Einerseits werden sie zu Beginn häufiger mit „Schreibabys“ assoziiert, andererseits eher dazu erzogen, temperamentvoll zu sein. „Stark und wild sollen sie sein, aber ja nicht zu wild“, sagt Zimmerl. „Das bringt mit sich, dass Burschen mitunter auch anstrengend, laut und mühsam sind. Und dadurch gefährdeter für körperliche Misshandlung, weil die Überforderung der Eltern steigt.” Täter:innen gibt es dabei unter allen Geschlechtern. Doch Mütter werden häufiger gewalttätig gegenüber ihren Kindern, als die Öffentlichkeit es wahrnimmt, betont Zimmerl. Auch das hat mit Sozialisierung zu tun: Mütter tragen im Schnitt den Großteil der Betreuungsarbeit und haben damit auch ein höheres Risiko für Überforderung. Kommt Gewalt durch den Partner hinzu, steigt der Stress weiter. Ein Teufelskreis.
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ES BRAUCHT DIE OFFENHEIT VON BERATER:INNEN,
NICHT IN STEREOTYPE ZU FALLEN.
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Knapp 30 Prozent der in Wien von der möwe betreuten Kinder waren 2025 männlich, sagt Zimmerl. Dass Mädchen mit 70 Prozent in der Statistik dominieren, liege an ihrer häufigeren Betroffenheit von sexualisierter Gewalt und länger andauernden Gewaltspiralen. Bei Buben könne die zunehmende körperliche Stärke im Jugendalter als Schutzfaktor gegen misshandelnde Eltern wirken. Zudem sei die Hemmschwelle, als Mädchen Hilfe anzunehmen, gesellschaftlich niedriger.

Sertan Batur begleitet Burschen, die eine Anzeige stellen, durch das Strafverfahren. | Foto: privat
Das Kontinuum der Gewalt
Elli Scambor begreift Gewalt gegen Buben als Kontinuum: An einem Ende die Rauferei unter sich, die als „zu normal“ gilt, um als Gewalt erkannt und benannt zu werden. Burschen müssten sich eben durchsetzen, heißt es da schnell. Am anderen Ende sexualisierte Gewalt, die so stark tabuisiert ist, dass sie nicht ausgesprochen werden darf. Die Tragweite des Tabus sieht der klinische Psychologe Sertan Batur in der Praxis. Er arbeitet bei der Männerberatung Wien und begleitet Burschen, die eine Anzeige stellen, durch das Strafverfahren. Um sich zu öffnen, spielt Vertrauen eine große Rolle. Jugendliche aus dem arabischen oder türkischen Raum zum Beispiel hätten oft nicht das Gefühl, als Opfer, sondern eher als Täter wahrgenommen zu werden, erklärt er. „Struktureller Rassismus spielt dabei eine Rolle.“ Während körperliche Gewalt von Betroffenen oft verharmlost oder verdrängt wird, gehen sexualisierte Gewalttaten mit massiver Traumatisierung einher. Und meist mit später Aufarbeitung: „Betroffene melden sich häufig erst als Erwachsene mit einer Anzeige.“ Damit verbunden sind Täter:innenstrategien, die Betroffene mundtot machen. „Zu den Täter:innen kann man auch gute Gefühle haben“, ergänzt er. Wenn es zum Beispiel ein Elternteil ist, hängt an einer Aufdeckung das gesamte Familiensystem.

Johanna Zimmerl: Mütter werden häufiger gewalttätig als die Öffentlichkeit es wahrnimmt. | Foto: Sabine Klimt
Sprechen Betroffene über das Erlebte, stoßen sie oft auf Unverständnis. Soziologin Scambor veröffentlichte dazu 2018 mit einem Forschungsteam eine Studie zum Weg von der Tat bis zur Hilfe und befragte dafür 31 Männer im Alter zwischen 24 und 85 Jahren, die als Kind oder Jugendlicher von sexualisierter Gewalt betroffen waren. Manche erzählten, dass sie nach der Offenlegung des Geschehenen von ihrem nahen Umfeld gefragt wurden, warum sie sich nicht gewehrt hätten. Manche wurden nach einem Übergriff durch einen männlichen Täter gefragt: „Bist du jetzt schwul?“ Bei einer weiblichen Täterin wurde das Erlebte als etwas Erstrebenswertes umgedeutet, als „Every Man‘s Dream“. Besonders perfide: „Es ist eine Täter:innenstrategie, eine Erektion als Beweis dafür zu nutzen, dass der Bub es auch so gewollt und genossen habe”, sagt Scambor. Doch eine Erektion ist ein automatischer Körperreflex, der weder Lust noch Wollen oder Einverständnis bedeutet. Damit Betroffene die Hemmung verlieren, sich Hilfe zu holen, plädiert Psychologe Batur dafür, die Opferrolle in der Beratung neu zu denken: „Gewalt ist eine Situation, in der man die Kontrolle verliert.“ Die Burschen sollen daher in ihrem eigenen Tempo bestimmen können, wie es weitergeht. Auch Informationsvermittlung ist wichtig, etwa zu Beratungs- und Hilfsmöglichkeiten. Präventiv sinnvoll sei auch gendersensible Pädagogik: „Es braucht, unabhängig vom biologischen oder sozialen Geschlecht, die Offenheit von Berater:innen, nicht in Stereotype zu fallen”, sagt Johanna Zimmerl. Und neue Männlichkeitsbilder, zum Beispiel das der Caring Masculinity, wie Sertan Batur betont. Denn was in der Öffentlichkeit häufig übersehen wird: „Auch Männer leiden unter dem Patriarchat.“
Patricia Kornfeld ist freie Journalistin und recherchiert zu Gesellschaft, Kultur und psychischer Gesundheit.
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