„Wir wissen nicht mehr, was wir machen sollen“
NACHGEFRAGT. Seit Jänner 2026 erhalten rund 10.000 subsidiär Schutzberechtigte in Wien statt der Mindestsicherung nur noch Leistungen aus der deutlich niedrigeren Grundversorgung. Mario Alam, Leitung der Sozialberatung beim Verein Ute Bock, erzählt von den Folgen.
Interview: Milena Österreicher.
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Inwieweit sind die Kürzungen in Ihren Beratungen ein Thema?
Wir spüren das Thema sehr: Im ersten Halbjahr 2026 haben wir rund 22 Prozent mehr Beratungsgespräche verzeichnet. Dabei ging es fast ausschließlich um Existenzsicherung. Insgesamt haben wir bisher rund 3.500 Beratungsgespräche geführt. Dahinter stehen etwa 600 Familien. Aber es geht nicht nur um die Mindestsicherung. Gleichzeitig sind auch andere Auffangnetze wie der Wohnschirm für subsidiär Schutzberechtigte weggefallen. Wir haben also überhaupt keine Ausweichmöglichkeiten.

Mario Alam erlebt in der Sozialberatung täglich die Auswirkungen der Kürzungen. | Foto: Christoph Liebentritt
Wer ist besonders betroffen?
Kinder, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen: Mehr als 2.700 Kinder, rund 370 Menschen über 65 Jahre und etwa 380 Menschen mit Behinderungen sind das in Wien. Besonders dramatisch erleben wir die Situation bei Familien mit Kindern: Die Eltern haben existenzielle Ängste, Kinder und Jugendliche sehen keine Perspektive. Integrationsarbeit können wir uns so in die Haare schmieren.
Eine alleinstehende Person erhielt zuvor bis zu rund 1.230 Euro Mindestsicherung, in der Grundversorgung sind es bei privater Unterbringung maximal 425 Euro. Wie zeigt sich diese Differenz in Ihrem Beratungsalltag?
Ich denke etwa an eine 79-jährige Frau: Sie muss ihre gesamten Kosten mit nur 260 Euro decken, weil sie nicht mal den Mietzuschuss bekommt. Oder eine alleinstehende Mutter mit drei beeinträchtigten Kindern. Wir wissen bei solchen Fällen schlicht nicht mehr, was wir mit den Menschen machen sollen.
Wie reagieren Sie bei Ute Bock insgesamt auf die Situation?
Wir haben unsere Lebensmittelausgabe von einem auf zwei Tage pro Woche erweitert. Mittlerweile versorgen wir rund 600 Menschen pro Woche. Gleichzeitig beantragen wir viel mehr Soforthilfen bei Licht ins Dunkel. Bis Juli haben wir bereits 300 Anträge gestellt – so viele wie im gesamten Vorjahr.
Das AMS meldete im Frühjahr einen Rückgang bei den vorgemerkten Asyl- und subsidiär Schutzberechtigten sowie mehr Arbeitsaufnahmen. Spricht das nicht für einen Erfolg der Maßnahme?
Es freut mich, wenn Menschen Arbeit finden. Aber meine vulnerable Zielgruppe bleibt davon ausgeschlossen. Ein alleinstehender junger Mensch kann vielleicht ein Risiko eingehen und eine prekäre Beschäftigung annehmen. Ein Familienvater beispielsweise kann das nicht. Wenn er nach kurzer Zeit den Job verliert, dauert es Monate, bis wieder Leistungen fließen. Er riskiert nicht nur seine eigene Existenz, sondern auch die seiner Kinder. Ältere Menschen oder Menschen mit Behinderung stehen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung und müssen dennoch über die Runden kommen.
Ich frage mich, was wir erreicht haben. Wir verlieren Kaufkraft, wir erschweren Integration und am Ende zahlen wir die Rechnung trotzdem. Wir dürfen nicht vergessen: Hinter all diesen Zahlen stehen immer noch Menschen mit unterschiedlichen Biografien, Erfahrungen und Bedürfnissen.
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