Wo man Mann sein darf
DOSSIER. Immer mehr Männer wollen sich bewusst von traditionellen und dominanten Männlichkeitsbildern trennen. Doch was ist eine Alternative? „Caring Masculinity“ stellt Fürsorglichkeit, Empathie und emotionale Offenheit in den Vordergrund. Eine Begegnung mit zwei Initiativen, die diese Männlichkeit stärken wollen.
Reportage: Dennis Miskić.
Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.
Jetzt mit einem MO-Solidaritäts-Abo unterstützen!
Gleich zu Beginn werden die Schuhe ausgezogen. Zur Begrüßung gibt es Umarmungen. Teils sehr lang und innig, gefolgt von einem „Wie geht es dir?“ Die Antwort ist überlegt und ehrlich. Nicht das typische und fast schon obligatorische: „Gut, danke, und selbst?“ Hier reden Männer offen über ihre Gefühle. Einmal im Monat treffen sich die Männer in einer geschlossenen Runde bei einem Workshop, der vom Verein CoBros (Conscious Brothers) organisiert wird. Eröffnet wird der Workshop von Michael Pfeiffenstein. Die Männer versammeln sich in einem Kreis und blicken kurz in die Runde. „Uns wird beigebracht, dass wir uns um materielle Dinge kümmern müssen, aber weniger um unsere Beziehungen und Freundschaften. Hier sollt ihr aber geschätzt werden und anerkannt, dass ihr nicht perfekt seid“, sagt Pfeiffenstein, der eine Ausbildung zum Business Coach gemacht hat.
Dann werden die Augen geschlossen. Und in der Runde in kurzen Wortmeldungen beschrieben, mit welchem Gefühl man heute hier ist. Da sind viele Emotionen dabei. Stress von der Arbeit, Müdigkeit oder auch Aufregung. Aber alle sind glücklich, beim Workshop der CoBros zu sein.

Bei den "CoBros" wird erst mal in Ruhe angekommen und die aktuelle Gefühlslage in der Runde geteilt. | Foto: Dennis Miskić
Orientierungslosigkeit stärkt toxische Bilder
In Zeiten, in denen toxische Männlichkeitsbilder in Form von Andrew Tate –ehemaliger Kickboxer und Social Media-Influencer, der Gerichtsverfahren wegen Menschenhandel, Vergewaltigung und Körperverletzung anhängig hat – und anderen Influencern längst im Mainstream angekommen sind, versuchen diese Männer sich bewusst als Gegenstück dazu zu positionieren. „Es gibt eine generelle Orientierungslosigkeit, bei der sich viele fragen, wohin es mit ihrer Männlichkeit geht. Das hat auch dazu geführt, dass diese toxischen Männer so populär werden konnten“, sagt Jakob Allinger, Mitgründer und stellvertretender Obmann der CoBros.
Die CoBros verfolgen das Bild einer fürsorglichen Männlichkeit. Der Begriff entstand im Rahmen der feministischen und kritischen Männlichkeitsstudien Anfang der 2000er-Jahre. Statt Dominanz und Härte als Kern männlicher Identität wird die positive Bedeutung und Verantwortung von emotionaler Offenheit, Fürsorge und Care-Arbeit betont. Allinger beschreibt es auch als „bewussten Versuch, mit dem Gegenüber eine wertschätzende Beziehung aufzubauen“. Männer würden sich bei ihnen in Umbruchphasen, etwa nach einer Trennung oder großen Veränderungen im Leben, melden. Andere wollen einfach an ihrer Persönlichkeit arbeiten und sich als Mann bewusster weiterentwickeln. Sie kämen nicht wegen eines Defizits, sondern vielmehr, weil sie auf der Suche nach etwas Neuem wären, erzählen einige von ihnen.
Doch um zu einer fürsorglichen und verantwortungsvollen Männlichkeit zu gelangen, müsse es weiter gehen als reine Ideologiekritik, findet der CoBros-Mitgründer. „Das Patriarchat wirkt sich für die meisten Menschen negativ aus. Es fehlt oft die positive Gegenerzählung, woran man sich stattdessen orientieren kann“, sagt er. Diese Lücke wollen die CoBros mit ihren Workshops füllen. Dafür gehen sie auch an Schulen. „Es ist eine persönliche und teils auch sehr intensive Arbeit. Es braucht aber mehr Männer, die sich bereit erklären, andere Männer dabei zu unterstützen“, sagt Allinger.

Der Boys' Day liefert seit 2008 praxisnahe Einblicke in soziale, pflegerische und pädagogische Berufe. Der Aktionstag findet jedes Jahr im November statt. | Foto: Patrick Riese
Vorbilder aus der Praxis
Fürsorglichkeit und (bezahlte) Care-Arbeit stehen auch beim Boys’ Day im Fokus. Die Initiative des Sozialministeriums setzt sich seit 2008 für mehr Burschen und junge Männer in Berufen wie der Pflege, der Pädagogik und im Sozialbereich ein. Der Boys’ Day ermöglicht Einblicke rund um soziale Berufe, die traditionell vorwiegend von Frauen ausgeübt werden. Mit regionalen Partnern in den Bundesländern werden dazu Workshops umgesetzt. Den Höhepunkt bildet jeden zweiten Donnerstag im November ein Aktionstag, den weitere Angebote ganzjährig begleiten.
_______
UM ZUR FÜRSORGLICHEN MÄNNLICHKEIT ZU
KOMMEN, BRAUCHT ES MEHR ALS IDEOLOGIEKRITIK.
_______
Christian Kofler arbeitet in der Männerberatung und ist Regionalverantwortlicher für den Boys’ Day in Wien. In den Workshops beobachtet er, dass auch heute noch viele junge Männer der Rolle des Beschützers und Versorgers nachkommen möchten. Viele würden Druck verspüren, sich später um die finanzielle Versorgung der Familie kümmern zu müssen.
Dazu kommt ein weiterer Anspruch: Männer sollen funktionieren. Sie sollen stark sein, Probleme lösen und möglichst wenig über eigene Bedürfnisse sprechen. „Mit unseren Workshops gelingt es gut, diese Bilder zu hinterfragen und zu relativieren, sodass auch nach wenigen Stunden schon ein Raum entsteht, wo realistischere Vorstellungen Platz finden“, sagt Kofler.
Wichtig sind dabei männliche Vorbilder aus der Praxis. Wenn ein Pfleger, Elementarpädagoge oder Sozialarbeiter erzählt, warum er seine Arbeit gerne macht, wirkt das oft stärker als jede theoretische Diskussion. Besonders wirksam seien deshalb Einrichtungsbesuche. Wenn Burschen einen Blick hinter die Kulissen bekommen und Berufe konkret erleben, könne sich ihr Bild von Männlichkeit verändern. Vorurteile gegenüber der Jobs beginnen bei den Burschen oft bei einfachen Annahmen. Etwa: Im Kindergarten werde „nur gespielt“. Oder: Krankenpflege habe nur mit alten Menschen zu tun. Auch beim Einkommen gebe es falsche Vorstellungen. Viele Burschen glaubten, dass handwerkliche Berufe automatisch besser bezahlt seien als Care-Berufe. Der Boys’ Day versucht, solche Bilder mit Information und persönlicher Begegnung zu korrigieren.
Mario Unterköfler, Co-Projektleiter des Boys’ Day, betont den praktischen Ansatz. In den Workshops werde viel diskutiert, aber es gehe auch darum, eigene soziale Stärken zu erkennen. Viele Burschen seien etwa im Sportverein oder bei der Feuerwehr aktiv. Dort unterstützen sie andere, übernehmen Verantwortung und sind füreinander da. Dass dafür Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenz nötig sind, sei vielen gar nicht bewusst. „Das herauszuarbeiten, erzeugt oft schon ein anderes Bild von Männlichkeit“, sagt er.
_______
8.000 TEILNEHMER WAREN 2025 BEIM BOYS' DAY.
450 EINRICHTUNGEN ÖFFNETEN DAZU IHRE TÜREN.
_______
2025 erreichte der Boys’ Day österreichweit mehr als 8.000 Teilnehmer, über 450 Einrichtungen öffneten ihre Türen. Unterköfler erinnert sich an eine Rückmeldung aus einer Einrichtung für Gesundheits- und Krankenpflege: Zwei Burschen, die am Vortag im Rahmen des Boys’ Day zu Besuch waren, standen am nächsten Tag wieder dort. Sie wollten Unterlagen und Informationen zur Ausbildung.
„Männerrollen werden sicher differenzierter gesehen, nachdem man mit dem Boys’ Day zu tun hatte. Einfach, weil man sieht, das sind ja auch Männer im Tageszentrum und in der Volksschule – und die sind gern dort und können es auch klar formulieren“, sagt Unterköfler. Rollenbilder veränderten sich nicht nur durch Appelle. Sondern durch Erfahrung. Durch Begegnung. Durch Räume, in denen Burschen Fragen stellen dürfen, ohne ausgelacht oder bewertet zu werden.

Bei Einrichtungsbesuchen im Rahmen des Boys’ Day können Burschen in Berufe wie jenen des Krankenpflegers schnuppern. | Foto: Patrick Riese
Eine neue Stärke entwickeln
Fürsorgliche Männlichkeit bedeutet nicht, dass Männer nicht mehr stark sein sollen. Vielmehr geht es darum, Stärke anders zu verstehen: Nicht als Härte gegen sich selbst und andere, sondern als Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, Beziehungen zu pflegen und auch Verletzlichkeit zuzulassen. Dafür braucht es Räume wie jene der CoBros, in denen Männer offen sprechen können, und Initiativen wie den Boys’ Day, die Burschen früh zeigen, dass Fürsorge, Empathie und soziale Verantwortung selbstverständlich zur Männlichkeit gehören – und auch eine berufliche Perspektive sein können.
Männern wird dabei nicht vorgeschrieben, wie sie zu sein haben, oder sie unter einen neuen Anspruchsdruck gesetzt. Es geht darum, ihnen mehr Möglichkeiten aufzuzeigen. Mannsein darf dann vieles bedeuten: stark sein, zweifeln, zuhören, helfen, versorgen, sich kümmern. Und manchmal auch einfach im Kreis stehen, die Augen schließen und ehrlich sagen, wie es einem gerade geht, ohne Angst vor Verurteilung.
Unterstützen Sie jetzt unabhängigen Menschenrechtsjournalismus mit einem MO-Magazin-Solidaritäts-Abo




