Zwei Identitäten, ein Land
DOSSIER. Während die Zweisprachigkeit in Kärnten präsenter wird, reißt der Polizeieinsatz am Peršmanhof in der Volksgruppe der Kärntner Slowen:innen alte Wunden auf.
Text: Magdalena Pichler.
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Am 27. Juli 2025 fand am Peršmanhof in Kärnten ein umstrittener Einsatz statt: Polizei, Fremdenamt und Bezirkshauptmannschaft stürmten an jenem Tag mit einer großen Mannschaft den Hof, wo sich gerade Teilnehmer:innen eines vom KSŠŠD (Klub slovenskih študentk*študentov na Dunaju), dem Studierendenverein Kärntner Slowen:innen in Wien, organisierten internationalen antifaschistischen Sommercamps befanden. Die Begründung war unter anderem: Illegales Campen und Verstöße gegen das Naturschutzgesetz. Eine Kommission des Innenministeriums stellte nun drei Monate später in ihrem Abschlussbericht fest, dass der Einsatz in vielerlei Hinsicht rechtswidrig und unverhältnismäßig war.
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1945 STÜRMTE DIE SS DEN PERŠMANHOF UND
ERMORDETE ELF MENSCHEN, DARUNTER SIEBEN KINDER.
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Der Peršmanhof ist nicht irgendein Hof in Kärnten. 1945 stürmten SS-Männer des Polizei-Gebirgsjäger-Regiments den Hof und ermordeten dort elf Menschen, darunter sieben Kinder. Die Bewohner:innen des Hofes unterstützten damals die Partisan:innenbewegung, die als einziger bewaffneter Widerstand in Österreich gegen das NS-Regime gilt. Heute ist der Peršmanhof ein Gedenkort und beherbergt ein Museum zum Widerstand der Kärntner Slowen:innen gegen das NS-Regime.

Der Gedenkort an den Widerstand der Kärntner Slowen:innen gegen das NS-Regime wurde im Juli 2025 Schauplatz eines Polizeieinsatzes, inklusive Hubschrauber und Polizeihundeführerin.
Wenig Wissen vorhanden
Bis heute mangelt es vielen in Österreich an Wissen rund um die Geschichte Kärntens und die der slowenischsprachigen Volksgruppe. Zentral ist dabei der 10. Oktober als Tag der Volksabstimmung. Der Tag ist bis heute ein Feiertag in Kärnten.
Am 10. Oktober 1920 fand die im Vertrag von St. Germain festgelegte Volksabstimmung über die Zugehörigkeit der besetzen Gebiete statt. Damals stimmten 59 Prozent der Bevölkerung in der Abstimmungszone für den Verbleib bei Österreich und die Abspaltung vom damaligen Jugoslawien. Kurz zuvor waren der slowenischen Volksgruppe in Kärnten noch sprachliche und kulturelle Eigenheiten versprochen worden. Historikerin Tina Bahovec von der Uni Klagenfurt sagt, dass es von beiden Seiten viel Propaganda gegeben habe. In dieser Hochzeit des Nationalismus seien viele in eine eindeutige nationale Identität gedrängt worden. Davor war es etwa möglich, Slowenisch in einem, Deutsch im anderen Kontext zu sprechen.
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IN DER HOCHZEIT DES NATIONALISMUS WURDEN
VIELE IN EINE NATIONALE IDENTITÄT GEDRÄNGT.
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Festgelegt wurden bestimmte Rechte für Kärntner Slowen:innen dann u. a. im Friedensvertrag von St. Germain – Schutzbestimmungen bezogen sich etwa auf die Gerichtssprache und Volksschulen. Schon kurz nach der Volksabstimmung gab es Bestrebungen, die Kärntner Slowen:innen zu assimilieren, wie Bahovec erzählt. Dabei erinnert sie etwa an ein Zitat des Landesverwesers – einer Art Vertreter des Landeshauptmanns – Arthur Lemisch aus 1920: „Bei der Wiederaufrichtung der Heimat dürfen nicht jene 15.278 vergessen bleiben, die bei der Volksabstimmung für den Anschluss an SHS (Anm.: Staat der Slowenen, Kroaten und Serben) stimmten. Wir glauben, dass davon wohl viele Tausende Verführte sind, die wir wieder zu Kärntnern zu machen haben“, so das Zitat Lemischs.
Walter Wratschko lebt in Klagenfurt und bezeichnet sich als „assimilierter Viertel Kärntner Slowene“. Der ehemalige Jugend- und Landessprecher des Liberalen Forums ist als Kind nicht mit Slowenisch aufgewachsen, lernt aber die Sprache jetzt. Wratschko versucht, die Positionen Deutsch sprechender Kärntner:innen und der Kärntner Slowen:innen einzubeziehen und spricht von durch Krieg „traumatisierten Orten“. Sein persönlicher Ansatz für Verbesserung ist „reden, reden, reden“ und vermehrte Schulbildung zu dem Thema.

Aleks Smolnik engagiert sich beim Studierendenverin Kärntner Slowen:innen in Klagenfurt. Dort könne man Slowenisch sprechen, ohne komisch angeschaut zu werden.
Aufgeladene Ortstafeln
Dass der 10. Oktober weiterhin ein umstrittener Tag und nicht für alle ein Tag zum Feiern ist, zeigt auch das Gespräch mit dem KSŠŠK, dem Studierendenverein Kärntner Slowen:innen in Klagenfurt. Weil die Uni Klagenfurt, so Hanna Novak, sich mit ihrer Volksgruppe solidarisiere, sei der 10. Oktober kein lehrveranstaltungsfreier Tag mehr. Und sie erzählt: „Wir haben zum 10. Oktober seit 2023 dreimal ein großes Banner mit der Aufschrift „Kärnten – Koroška“ gemacht, so quasi als riesige Ortstafel.” Dazu seien Aufklärungstexte zur Geschichte gestaltet worden. Historikerin Bahovec hebt Veranstaltungen der Uni als positiv im Sinne eines Raums für die Volksgruppe hervor. Sie zeigt sich aber besorgt über Überlegungen zu Einsparungen bei der Slawistik.
Ortstafeln sind noch immer sehr symbolisch für die Lage vor Ort. 1972 wurden nach dem Ortstafelgesetz von der Bundesregierung in Kärnten 205 Ortstafeln aufgestellt. Und im Rahmen des „Ortstafelsturms“ wieder ausgerissen. Als Jörg Haider Anfang der 2000er Jahre Kärnter Landeshauptmann war, kochte das Thema wieder hoch, unter anderem, weil zur gleichen Zeit im Burgenland deutsch-kroatische Ortstafeln errichtet wurden.

Hanna Novak ist bis heute über den Polizeieinsatz am Peršmanhof entsetzt. Niemand habe sich bisher bei den anwesenden Jugendlichen entschuldigt.
Slowenisch im Alltag
Zweisprachig sind auch die Kappen des KSŠŠK, auf denen “Kärnten – Koroška” steht. Aleks Smolnik, Vertreter des Vereins, berichtet von vermehrter Achtsamkeit, wenn er sie trägt, aber auch von deutsprechenden Kärntner:innen, die vor Kurzem erfreut auf die Kappen reagiert und von einem Besuch im Kärntner Landesmuseum erzählt hätten. Dieses macht zunehmend zweisprachige Ausstellungen. Kürzlich etwa Hinschaun! Poglejmo. Kärnten und der Nationalsozialismus | Koroška in nacionalsocializem.
Er und Hanna Novak vom KSŠŠK sprechen sich auch für Zweisprachigkeit in mehr Kontexten aus. Häufig werden etwa in Museen vier Sprachen angeführt (mit Italienisch und Englisch) und dabei der Alpen-Adria-Raum in den Vordergrund gerückt. Im Rahmen des Vereins mache man auch Kulturarbeit wie slowenische Tage und lade zum Beispiel Newcomer:innen und bekannte Künstler:innen ein.
Der Studierendenverein wolle ein Ort sein, der zeige: „Es gibt Orte in Kärnten und in Klagenfurt, wo man auch Slowenisch sprechen kann, wo man sich keine Gedanken machen muss, dass man komisch angeschaut wird”, sagt Smolnik. Für Hanna Novak ist es besonders wichtig, „dass man irgendwo einen Raum hat, wo slowenische Sprache gelebt wird. Für mich war das persönlich sehr wichtig, weil in meinem Studium nach der Schule auf einmal alles nur mehr deutschsprachig war, nachdem ich acht Jahre slowenische Schulsprache gehabt habe.”
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HISTORIKERIN TINA BAHOVEC ERINNERT AN
WILLKÜRLICHE POLIZEIVERHÖRE IN DEN 1920ER-JAHREN.
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Offene Diskriminierung sei derzeit für beide im Alltag weniger wahrnehmbar, was aber auch daran liege, dass sie sich viel in ihrer Bubble und auf der Uni bewegten. Ihre Eltern und Großeltern seien hingegen noch verprügelt worden. In der eigenen Schulzeit vor zehn Jahren, wenn Aleks und Hanna etwa am Neuen Platz in Klagenfurt Slowenisch sprachen, seien noch sehr oft Reaktionen gekommen wie: „Ihr Tschuschen, was tut’s ihr da, geht’s über die Grenze, geht’s ham, wo ihr her kommt’s.“ Solche Aussagen hat auch die Historikerin und Slowenin Tina Bahovec erlebt, wenn sie in Klagenfurt Slowenisch gesprochen hat. Die Studierendenvertreter:innen berichten, dass sich anti-slowenische Kommentare mittlerweile ins Netz verlagerten.
Neue alte Traumata
Der Einsatz im Sommer 2025 hat für viele alte Traumata wieder aufleben lassen. Tina Bahovec zeigt sich bestürzt, besonders angesichts der vielen Jahre der Unterdrückung der Erinnerung an den Widerstand und der Vertreibung von Kärntner Slowen:innen. Sie erinnert auch an lokale Gendarmerie-Kontrollen in den 1920ern, wenn etwa Kärntner Slowen:innen slowenische Fähnchen bei Veranstaltungen in Kuchen gesteckt hätten.
Hanna Novak bezeichnet den Einsatz als retraumatisierend und zeigt sich entsetzt, „dass man in ein Haus reingeht, wo vor ein paar Jahrzehnten so ein krass einschneidendes Massaker passiert ist, das tiefe Wunden in der ganzen Minderheit zeigt“. Aleks Smolnik berichtet, dass alle, aber vor allem auch ältere Herrschaften aus der Minderheit zutiefst getroffen gewesen seien. Beide Vertreter:innen kritisieren zudem, dass sich bisher niemand bei den Jugendlichen, die am Peršmanhof gewesen sind, entschuldigt habe.
Magdalena Pichler ist freie Journalistin mit einem Schwerpunkt auf Kultur und Gesellschaft.
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