Zwischen TikTok und Intensivstation
DOSSIER. Auf Social Media erreicht sie über hunderttausend Menschen, im Krankenhaus erlebt sie die Schwächen des Gesundheitswesens aus nächster Nähe: Pflegerin und Influencerin Hatice Koca über den Bias gegenüber Patient:innen, fehlende Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung und ein System, das vor allem dann investiert, wenn Menschen bereits krank sind.
Interview: Milena Österreicher.
Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.
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Foto: Valerie Voithofer
Du arbeitest seit 2022 als Intensivpflegerin in einem Wiener Spital. Warum hast du dich für Pflege entschieden?
Ich wollte unbedingt Hebamme werden, bin aber nicht ins Studium gekommen. Pflege fand ich interessant, konnte mir darunter aber wenig vorstellen. Also habe ich auf Social Media nach Einblicken gesucht. Im deutschsprachigen Raum gab es dazu damals kaum etwas, nur aus dem englischsprachigen Raum. Doch die haben mich überzeugt, das Studium anzufangen. Deshalb mache ich nun selbst auf TikTok Content dazu, denn Pflege ist viel mehr als die meisten denken. Ich war selbst überrascht, wie viel medizinisches Fachwissen man dafür braucht. Ich muss Symptome und Krankheitsbilder verstehen. Wenn jemand kaltschweißig wird, grau um den Mund ist und eine Herzerkrankung in der Vorgeschichte hat, muss ich erkennen können, was gerade passieren könnte.
Du erreichst damit viele Menschen und hast inzwischen über 150.000 Follower:innen.
Mittlerweile gibt es einige Creator:innen. Wir wollen zeigen: Pflege ist cool. Dieser Beruf kann Spaß machen. Es gibt Untersuchungen aus dem englischsprachigen Raum, die zeigen, wie die Repräsentation von Pflege in sozialen Medien die Berufswahl beeinflussen kann. In Österreich werden nun auch zunehmend große Klinikverbünde und Pflegeheime auf Social Media aktiv.
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AUF TIKTOK ERREICHT SIE MIT PFLEGECONTENT
ÜBER 150.000 FOLLOWER:INNEN.
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Was macht Pflege attraktiv für junge Menschen?
Pflege ist ein relativ sicherer Beruf. Egal, was mit KI passiert und wie sich unsere Gesellschaft demografisch entwickelt: Menschen werden Pflege brauchen. In Österreich kann man verglichen mit anderen Jobs außerdem ganz gut verdienen. Ob die Bezahlung der Leistung entspricht, ist eine andere Frage. Es gibt auch Flexibilität: 12,5-Stunden-Dienste sind nicht easy, bedeuten aber mehr freie Tage in der Woche.
Pflege gilt nach wie vor eher als Frauenberuf. Mehr als 80 Prozent der Pflegekräfte in Österreich sind weiblich. Welche Rolle spielt Gender hier im Berufsalltag?
Mit männlichen Pflegekräften wird von Patient:innenseite oft anders gesprochen. Auf unserer Intensivstation tragen Ärzt:innen und Pflegekräfte ähnliche Kleidung. Man erkennt also nicht automatisch, wer welche Funktion hat. Wir hatten eine junge Ärztin, die von Patienten ständig „Schwester“ genannt wurde. Umgekehrt wird ein männlicher Krankenpfleger schnell zum „Herrn Doktor“ gemacht.
Ich denke, auch bei den Arbeitsbedingungen werden Eigenschaften ausgenutzt, die Frauen gesellschaftlich zugeschrieben werden: Die kümmern sich, die machen das schon. Interessant ist außerdem, dass die Führungsebene ausgeglichener ist, obwohl der Beruf selbst so stark weiblich dominiert ist. Männer, die in die Pflege gehen, landen verhältnismäßig schneller in Führungspositionen.
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Auf TikTok teilt Hatice Koca Einblicke: Die 32-Jährige zeigt schöne wie herausfordernde Seiten ihres Berufsalltags, erklärt Fachbegriffe und möchte auch zur allgemeinen Gesundheitskompetenz beitragen. | Fotos: Screenshots
Du hast dich auch in deiner Abschlussarbeit mit Gender beschäftigt. Worum ging es?
Mich hat interessiert: Gibt es einen Nursing Gender Gap, also treffen Pflegekräfte andere Entscheidungen, je nachdem, wer vor ihnen liegt? Und ja, es gibt Unterschiede, etwa bei der Einschätzung von Schmerzen. Frauen bekommen zum Teil weniger oder weniger starke Schmerzmittel. Dieser Prozess kann schon bei der Ersteinschätzung durch die Pflege beginnen. Geschlecht allein reicht aber nicht, um die Ungleichheiten zu verstehen.
In Praktika und Gesprächen mit Kolleg:innen habe ich insgesamt einen deutlichen Herkunftsbias erlebt. Sobald jemand nicht ausreichend Deutsch spricht, hört man Kommentare wie: Ich habe keine Nerven dafür. Dabei haben wir heute Übersetzungstools und Videodolmetscher:innen. Das Problem ist nicht immer, dass Kommunikation unmöglich wäre. Manchmal fehlt schlicht die Bereitschaft, die vorhandenen Möglichkeiten zu nutzen.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Da war etwa eine junge Mutter aus Afghanistan auf der Neonatologie. Sie war über verschiedene Länder geflohen, seit neun Monaten in Österreich und hatte ein schwer krankes Kind. Sie sprach fünf Sprachen – nur kaum Deutsch. Pflegekräfte haben sich darüber sehr aufgeregt. Doch weil sie Türkisch konnte, konnte ich mit ihr sprechen. Irgendwann habe ich die Kollegin gefragt: Wie viele Sprachen sprichst du eigentlich? Sie sprach nur Deutsch, nicht einmal Englisch. Da habe ich gesagt: Diese Frau ist 23, hat eine massive Fluchtgeschichte hinter sich, spricht fünf Sprachen und hat ein schwer krankes Kind. Aber statt ihre Gesamtsituation zu sehen, wird sie auf einen Mangel reduziert.
Alles, was draußen existiert, gibt es auch bei uns: Rassismus, Sexismus, Klassismus, Altersdiskriminierung. Deshalb brauchen wir Schulungen. Aber wenn sich die Gesellschaft nicht verändert, wird das Krankenhaus dies auch weiter spiegeln.
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„IN PRAKTIKA UND GESPRÄCHEN HABE
ICH EINEN HERKUNFTSBIAS ERLEBT.“
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In deinem Buch sprichst du von verschiedenen Schwachstellen im Gesundheitswesen. Was läuft hier schief?
Es ist sehr politisch: Prioritäten und Gelder verändern sich mit der Regierung. Jetzt erleben wir wieder massive Kürzungen, Betten werden gestrichen, Stationen geschlossen. Die Belastung auf die übrigen Pflegekräfte steigt. Gleichzeitig heißt es ständig, wir haben einen Pflegemangel. Aber wenn man auf Jobseiten schaut, findet man erstaunlich wenige ausgeschriebene Stellen.
Was viele außerdem nicht verstehen: Ihnen geht es nur so gut, wie es dem Gesundheitssystem geht. Und Pflege ist der größte Teil dieser Gesundheitsversorgung. Wir haben den meisten Patient:innenkontakt und sind häufig die erste Ansprechperson. Früher oder später hat praktisch jeder Mensch mit einer Pflegekraft zu tun. Wenn Pflegekräfte auf die Straße gehen, müssten eigentlich alle mitgehen.
Du sprichst auch von mangelnder Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung. Worauf beziehst du dich hier?
Das beginnt bei banalen Dingen: Menschen gehen mit einem grippalen Infekt ins Krankenhaus, weil sie nicht wissen, wann sie Ibuprofen oder Paracetamol nehmen können und wann der Hausarzt die richtige Anlaufstelle ist. Oder Menschen leben jahrelang mit Diabetes, ohne wirklich zu verstehen, was ihre Erkrankung bedeutet. Sie nehmen ihre Medikamente, essen weiter unkontrolliert Süßigkeiten, messen nicht regelmäßig und sind schlecht eingestellt. Viele Mädchen und junge Frauen wissen auch kaum etwas über die Menstruation. Deshalb finde ich School Nurses so wichtig, die es mittlerweile an einigen Schulen gibt. Wenn Kinder schon in der Schule Gesundheitskompetenz lernen und auch Eltern eingebunden werden, setzt man viel früher an. Österreich ist sehr stark auf Akutmedizin ausgerichtet. Wir sind gut darin, Menschen zu behandeln, wenn sie bereits schwer krank sind. Aber wir investieren vergleichsweise wenig darin, zu verhindern, dass sie das werden. Und das ist sehr teuer: Ein Tag in der Intensivmedizin kostet schnell so viel wie ein Kleinwagen.
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„EIN TAG IN DER INTENSIVMEDIZIN KOSTET
SCHNELL SO VIEL WIE EIN KLEINWAGEN.“
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In deinem Buch berichtest du, dass auch die zunehmende Aggression durch Patient:innen den Joballtag erschwert. Woran liegt das?
Einer der Faktoren ist für mich der mangelhafte Zugang zu psychotherapeutischer Versorgung. Wenn Therapieplätze fehlen, werden Probleme teilweise medikamentös aufgefangen. Bei älteren Patient:innen ist besonders Einsamkeit ein Thema. Sie sind mit ihren Gedanken allein, geraten in eine Abwärtsspirale. Das kann auch die Umgangsformen beeinflussen. Hinzu kommt das Internet: Patient:innen und Angehörige recherchieren jeden Schritt und hinterfragen das Fachpersonal. Prinzipiell finde ich es gut, wenn Menschen informiert sind und Fragen stellen. Aber es kann ein Ausmaß erreichen, bei dem man seine Arbeit kaum noch machen kann.
Trotz all dieser Herausforderungen nennst du Pflege einen der schönsten Berufe der Welt. Wie passt das zusammen?
Ein normaler Arbeitstag für uns ist möglicherweise der traumatischste Tag im Leben eines anderen Menschen. Das verändert die Perspektive auf das eigene Leben und die eigenen Probleme. Du kannst nach einem Dienst völlig erschöpft nach Hause gehen und trotzdem wissen: Ich habe heute einem Menschen geholfen und etwas Sinnvolles gemacht. Pflege fordert Kopf und Körper und sie bietet eine Art Wertschätzung, die kaum ein anderer Beruf bietet.
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In ihrem Buch „In besten Händen“ (edition a 2025)berichtet Hatice Koca über ihren Weg und den Berufsalltag einer Pflegekraft. |
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