„Es macht einen Unterschied, was wir lesen“
DOSSIER. O*books im Wiener Nordbahnviertel ist eine Buchhandlung mit Haltung: Im Gespräch erklärt Co-Gründerin Bianca-Maria Braunshofer, warum queere Literatur sichtbarer gemacht werden muss und welche Welten das Lesen eröffnen kann.
Interview: Lotte Blumenberg.
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MO-Magazin: Gemeinsam mit Katja Fetty hast du 2022 o*books eröffnet. Worauf legt ihr Wert, wenn ihr eure Bücher auswählt?
Bianca-Maria Braunshofer: Bei der Auswahl schauen wir darauf, ob es eine queere oder feministische Geschichte ist, ob die schreibende Person selbst queer und/oder eine Person of Color ist. Auch Menschen mit Behinderungen werden normalerweise überhaupt nicht im Buchhandel repräsentiert. Marginalisierte Menschen bekommen daher bei uns einen besonderen Status.
Der queerfeministische Fokus ist für uns wichtig, weil er unterrepräsentiert bzw. gar nicht repräsentiert ist, aber es viele Menschen gibt, die so eine Anlaufstelle brauchen.
Ich persönlich lese seit vielen Jahren keine männlichen, also cis-männlichen, Autoren mehr. Nicht weil sie nicht schreiben können, sondern weil diese eh von so vielen Menschen gelesen werden, mir geht dabei nicht viel verloren. Wir kaufen aber natürlich trotzdem Wolf Haas, Dan Brown oder Elias Hirschl ein. Die Verkäufe von diesen Büchern ermöglichen es uns, dass wir die Bücher anderer Autor:innen anbieten können.
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ANDERSEN SCHRIEB "DIE KLEINE MEERJUNGFRAU"
ALS ER LIEBESKUMMER WEGEN EINES MANNES HATTE.
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Warum ist es wichtig, diverse und queere Literatur zu lesen, zu verkaufen und sichtbar zu machen?
Ich kenne keine Person, die Literatur liest, um unempathischer zu werden. Ganz im Gegenteil: Lesen bringt dich in verschiedene Welten, lässt dich mit einer Figur mitgehen, auf deren Lebensweg, den du vielleicht sonst nie gegangen wärst. Es muss nicht realistisch sein, es kann super fiktional sein und plötzlich eröffnen sich dir neue Räume und vielleicht auch Gefühlslagen. Wie schade wäre es, wenn man das nicht kennenlernen würde, wenn man es verbietet, wie es in vielen Teilen dieser Welt leider an der Tagesordnung steht. Dieses hohe Identifizierungspotenzial von Büchern vergisst man manchmal.
Und es gibt genug Stimmen, die unterdrückt und leise gemacht werden, deswegen muss man nochmal mehr darauf hinweisen: Es gibt queere Literatur und andere Lebensentwürfe, die nichts mit der klassischen Paarbeziehung zu tun haben.
Gibt es ein häufiges Missverständnis in Bezug auf queere Literatur?
Das Häufigste, das uns begegnet, ist: „Ich bin nicht queer, ich brauche das nicht lesen.” Da fängt das Missverständnis an, weil ich zum Beispiel queer bin und dauernd heteronormative Geschichten lese.
Du hast gemeinsam mit Marlon Brand und Tobi Schiller das Buch „Und jetzt Queer! Lesen jenseits der Norm“ geschrieben. Darin fragt ihr auch, was queere Literatur ist. Braucht es dieses Label überhaupt?
Es ist auf keinen Fall obsolet, erst recht nicht in unserer heutigen Zeit. Wir haben uns oft darüber unterhalten, dass es keine einheitliche Definition queerer Literatur geben kann, weil queer selbst fluide ist und sich immer weiter entwickeln darf. Ein wichtiger Teil von Queerness ist es ja, starre Identitätskategorien aufzubrechen.
Für mich persönlich bedeutet queere Literatur, dass Figuren und Momente vorkommen, die nicht dem Heteronormativen entsprechen. Am besten queere Hauptcharaktere, aber es können auch wichtige Nebenfiguren sein, wie in „Kitchen“ von Banana Yoshimoto, wo eine wichtige Nebenfigur trans Person ist. Toll finde ich es auch, wenn die queeren Momente sich nicht auf Sexualität beschränken. Es dürfen Dinge sein, die etwas aus dem Rahmen fallen. Ganz oft gibt es in queerer Literatur auch einen spielerischen Umgang mit Sprache. Man hält sich teilweise nicht an Normen und es gibt Repräsentation außerhalb vom Mainstream. „Blutbuch“ von Kim de l’Horizon ist ein tolles Beispiel dafür.

Bianca-Maria Braunshofer ist Co-Gründerin der Buchhandlung o*books mit Fokus auf queere, feministische und inklusive Literatur für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Sie ist diplomierte Sozialpädagogin und studierte Germanistin. | Foto: Susanne Einzenberger
Queere Literatur ist weder neu noch ein Randphänomen, das wird in eurem Buch deutlich. Welches queere Potenzial liegt im klassischen Literaturkanon?
Es gibt eine hohe Dichte von queerer Literatur dort beziehungsweise sehr viel Potenzial: Homer, Sappho, Michelangelo, Shakespeare. „Die kleine Meerjungfrau“ schrieb Hans Christian Andersen beispielsweise als er Liebeskummer wegen eines Mannes hatte. Die Meerjungfrau hat nie den richtigen Unterleib für den Prinzen: das ist eine queere Lesart. Gerade im „klassischen Kanon“ ist wichtig zu wissen: Queerness wurde oft maskiert, verhüllt und mit Codes versehen. Queerness wurde verfolgt und wird es immer noch, weshalb diese Codes notwendig waren.
Im Vorwort schreibt ihr, dass queere Literatur auch heute noch alles andere als selbstverständlich und ihre bloße Existenz politisch ist. Was bedeutet das für o*books als Buchhandlung?
Ich glaube, dass wir als Buchhandlung – und alle anderen Buchhandlungen, die solche Bücher sichtbar machen – uns positionieren: gegen den Rechtsruck, gegen Backlashes. Gegen das, was gerade allerorts passiert: ein Auflodern von faschistischem, homofeindlichem, transfeindlichem und auch FLINTA*-feindlichem Gedankengut. Es ist ein Zeichen, wenn man das macht. Bei uns in Österreich ist es noch nicht so gefährlich, aber man muss nur ein paar hundert Kilometer weiter nach Ungarn schauen: Dort kann man solche Bücher nicht einfach auflegen. Es macht einen Unterschied, was man liest. Es macht einen Unterschied, wofür man sich entscheidet und welche Haltung man hat.
Lotte Blumenberg ist freie Journalistin in Wien und schreibt u. a. über Ungleichheit, Rassismus, Feminismus und Literatur. Sie hat Politikwissenschaft und Internationale Entwicklung studiert.
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Gut zu wissen:
Cis bezeichnet Menschen, die sich mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht identifizieren. Als Cis-Mann gilt eine Person, die sich als Mann identifiziert und bei der Geburt als männlich eingeordnet wurde.
Heteronormativ bezeichnet gesellschaftliche Vorstellungen und Strukturen, die Heterosexualität sowie die Einteilung in zwei Geschlechter als selbstverständlich voraussetzen.
Queerfeminismus ist eine Strömung des Feminismus, die sich explizit für die Anerkennung von Menschen einsetzt, die sich nicht in traditionelle Geschlechterrollen oder sexuelle Orientierungen einordnen lassen (wollen). Er kritisiert die binäre und heteronormative Sichtweise der Gesellschaft, die andere Identitäten ausgrenzt oder abwertet.
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Das Buch „Und jetzt Queer!“ ist am 3. März 2026 bei Kremayr & Scheriau erschienen. |




