Gefangen im Kafala-System
WELT. Arbeiten ohne Schutz, Leben ohne Rechte: Das Kafala-System macht viele äthiopische Migrantinnen im Libanon zu rechtlosen Arbeitskräften. Doch einige beginnen, sich zu wehren.
Reportage: Markus Schauta, Fotos: Markus Korenjak.
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Rahel Zegeye bestieg vor über zwanzig Jahren ein Flugzeug von Addis Abeba nach Beirut. Sie hoffte auf Arbeit im Libanon. Zegeye hatte Glück. Nach einigen Anfangsschwierigkeiten bekam sie eine Stelle als Haushälterin. „Mein Arbeitgeber hat selbst Familie in Äthiopien und behandelte mich wie ein Vater“, erzählt sie. Doch tausende andere Frauen haben nicht so viel Glück. Zegeye kennt all die Fallstricke und Abgründe, denen Migrantinnen im Libanon ausgesetzt sind. 2014 gründete sie den Verein Mesewat, eine Selbsthilfegruppe für äthiopische Hausangestellte.
Wir treffen Zegeye im dritten Stock eines Wohnhauses im Stadtviertel Hamra. Ein Duft von Weihrauch liegt in der Luft. Unter der Woche ist das Apartment ein gewöhnliches Büro. Jeden Samstag und Sonntag treffen sich hier Äthiopierinnen, um Erfahrungen auszutauschen, einander beizustehen oder dem Alltag für eine Weile zu entkommen. Ein Dutzend Frauen ist bereits hier. Einige stoßen nach der Sonntagsmesse dazu. „Die Frauen kommen in den Libanon in der Hoffnung auf ein besseres Leben – nur um festzustellen, dass die Realität weit schlimmer ist als alles, was sie zurückgelassen haben“, sagt Zegeye.

Rahel Zegeye setzt sich für die Rechte migrantischer Arbeiterinnen ein, als (Drehbuch-)Schreiberin verarbeitet sie das Thema in ihren Texten und Filmen. | Foto: Markus Korenjak
Ausbeutung mit System
Laut der Internationalen Organisation für Migration (IOM) hielten sich im Jahr 2024 rund 176.500 Migrant:innen im Libanon auf. Die größte Gruppe stammt aus Äthiopien (38 Prozent) und setzt sich mit überwiegender Mehrheit aus Frauen zusammen (98 Prozent). Mehr als 85.000, also knapp die Hälfte aller Migrant:innen, geben an, bei ihrem Arbeitgeber zu leben. Es ist daher wahrscheinlich, dass ein großer Teil der migrantischen Arbeitskräfte als Hausangestellte arbeitet.
Suchen äthiopische Frauen Arbeit im Ausland, wenden sie sich meist an eine Agentur. Ist der Libanon das Zielland, werden sie über Vermittler an einen sogenannten Sponsor weitergereicht. Ein Libanese, der ein Honorar an die Agentur bezahlt – üblicherweise etwa 500 US-Dollar – und das Flugticket nach Beirut übernimmt.
Viele Frauen verfügen aufgrund ihrer sozioökonomischen Situation über nur geringe Bildung. Die Vermittler nutzen die Unwissenheit der Frauen schamlos aus. Sie versprechen anständige Arbeitsbedingungen und lassen sie bzgl. ihres rechtlichen Status völlig im Unklaren. Was die meisten Frauen nicht wissen: Indem sie auf diese Weise in den Libanon einreisen, begeben sie sich in das Kafala-System. Kafala ist das arabische Wort für Bürgschaft: Ihre Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis dauert an, solange der Arbeitgeber sie anstellt. Endet der Vertrag oder verlässt die Frau ihren Arbeitgeber, droht die Abschiebung.
Obwohl sie als Arbeitskräfte ins Land kommen, sind Migrantinnen im Kafala-System vom Arbeitnehmerschutz ausgenommen. Es gibt keinen gesetzlichen Mindestlohn, ihre Gehälter sind durchwegs niedrig – im Schnitt 180 US-Dollar pro Monat. Die Frauen leben und arbeiten im Haushalt des Arbeitgebers, der ihnen üblicherweise am Beginn der Anstellung den Reisepass abnimmt. Das öffnet Tür und Tor für Ausbeutung und Missbrauch. Geht etwas schief, gebe es von der äthiopischen Botschaft kaum Hilfe, so Zegeye: „Alleine in einem fremden Land, dessen Sprache sie nicht sprechen, ohne soziales Netzwerk sind die Frauen ihrem Arbeitgeber völlig ausgeliefert.“

Helenwork wurde von ihrer Arbeitgeberfamilie ausgebeutet: „Ich war für sie kein Mensch, sondern eine Maschine.“ | Foto: Markus Korenjak
„Ich war für sie kein Mensch“
Eine der Frauen, die das durchlebt haben, ist Helenwork. Zögerlich nimmt sie auf der Couch Platz. Fotografiert möchte sie nicht werden, erklärt sie mit leiser Stimme. Als Helenwork mit Anfang 20 in Beirut am Flughafen ankam, wurde sie von einem Fahrer abgeholt. „Niemand erklärte mir irgendetwas“, sagt sie. Sie wusste weder wohin die Autofahrt ging, noch, was sie dort erwarten würde. Ihr Arbeitstag begann früh. „Noch vor Sonnenaufgang musste ich den Müll ausleeren“, sagt sie. Dann gab es Hausarbeiten ohne Ende, Kinder zur Schule bringen und wieder abholen. Helenwork putzte nicht nur die Wohnung, sondern erledigte auch Arbeiten rund ums Haus, wie etwa den Parkplatz kehren. Obwohl die Familie über eine Waschmaschine verfügte, musste sie die Wäsche mit der Hand waschen. Schlaf gab es für sie erst, wenn die Familie spät nachts zu Bett gegangen war.
Es wirkte, als wolle die Familie für jeden in Helenwork investierten US-Dollar ein Vielfaches an Arbeitsleistung aus ihr herauspressen. Und gleichzeitig möglichst viel einsparen: „Außer dem Frühstück gab es für mich keine weitere Mahlzeit“, erzählt Helenwork. Bot man ihr doch einmal zusätzliches Essen an, war dieses Tage alt: „Iss es oder wirf es weg“, lautete die Aufforderung der Hausfrau. „Ich war für sie kein Mensch, sondern eine Maschine.“
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Es gibt auch positive Veränderungen:
Migrantische Frauen vernetzen sich nun,
auch über die Nationalitäten hinweg.
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Isolation als Strategie
Wie eine Studie der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zeigt, belegen Arbeitgeber ihre Hausangestellten mit endlosen Aufgaben, um ihnen möglichst wenig Freizeit zu lassen. Dadurch sollen die Frauen davon abgehalten werden, soziale Kontakte zu knüpfen. Diese Bewegungskontrollen nehmen den Frauen nicht nur ihre Freiheit – sie isolieren sie auch von möglicher Hilfe.
Zum Übermaß an aufgebürdeter Arbeit kam der psychische Druck: „Sie behandelten mich wie eine Diebin“, so Helenwork. Die Familie hatte Kinder. Die liefen im Haus herum, verlegten Dinge, brachten nie etwas an seinen Platz zurück. Doch alles, was verschwand, wurde ihr angelastet. „Ich wurde verhört, ständig befragt, durchsucht“, berichtet Helenwork. Blieb etwas verschwunden, hieß es: „Mir egal, woher du es bekommst – du bringst es zurück.“
Der Stress zehrte an ihr. Helenwork war ständig müde und verlor Gewicht. Das Gefühl, in einem fremden Land einer erdrückenden Situation gegenüber völlig ausgeliefert zu sein, machte sie kaputt: „Ich dachte an Selbstmord.“

Neben Austausch und Gemeinschaft bietet Mesewat auch Schulungen an, wie Sprachunterricht oder das Arbeiten mit Nähmaschinen. | Foto: Markus Korenjak
Unsicherer Neuanfang
Als Helenwork es nicht mehr aushielt, packte sie ihre Sachen und rannte davon. Über Umwege erfuhr sie vom Verein Mesewat. Seitdem kommt sie an den Wochenenden regelmäßig in das kleine Apartment. An Rückkehr nach Äthiopien denkt sie noch nicht. Sie habe dort Geld für ihren Arbeitsaufenthalt im Libanon ausgeborgt. Das wolle sie zuerst verdienen, um es zurückzahlen zu können. Zegeye vermittelte Helenwork an eine neue Familie. „Es ist nicht perfekt“, sagt sie: „Aber ich werde nicht mehr ausgebeutet wie bei der letzten Familie.“ 350 US-Dollar erhält sie monatlich – für europäische Verhältnisse wenig, für Helenwork überlebenswichtig. Wie es ihr ursprünglicher Plan war, kann sie nun einen Teil des Geldes an ihre Familie in Äthiopien schicken, um diese zu unterstützen. Reisepass hat sie freilich keinen. Den nahm ihr der erste Arbeitgeber ab. Rein rechtlich hält sie sich illegal im Libanon auf.
Gefragt, was sich ändern müsste, um das Los der Frauen zu verbessern, antwortet Zegeye: „Das Kafala-System ist Ursache vieler Missstände.“ Es müsste daher überprüft und reformiert werden. Hilfreich wären außerdem unabhängige staatliche Kontrollen, die sicherstellen, dass die Arbeitgeber die Rechte der Frauen beachten.
Zegeye sieht aber auch positive Veränderungen: „Migrantische Frauen beginnen sich zu vernetzen, auch über die Nationalitäten hinweg.“ Dadurch würden immer mehr Frauen ausbeuterische Haushalte verlassen – etwas, das früher kaum vorkam, so Zegeye: „Die Frauen sind aufgewacht.“
Markus Schauta berichtet seit 2011 als freier Journalist aus dem Nahen Osten. Seine Artikel erscheinen u. a. in Der Standard, Die Furche und der Wiener Zeitung. Im Dezember 2015 erhielt er für seine Reportage „Kairos kleine Freiheiten“ den Dr. Karl Renner-Publizistikpreis.
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