Harte Kerle, die sich küssen
DOSSIER. Fußballplätze gelten als eine der letzten Bastionen des „wahrhaft männlichen Mannes“. Doch ausgerechnet dort fallen harte Kerle aus ihren Rollen.
Text: Johannes Greß.
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Ein Klaps auf den Po, ein Küsschen, eine innige Umarmung. Fußballplätze erwecken manchmal den Eindruck, als seien auf und um den Rasen gesellschaftliche Normen außer Kraft. Hier dürfen Männer vor Glück schreien oder sich weinend in den Armen liegen.

Fußball liefert Rituale und Zugehörigkeit. Aufgrund der Größe des Sports und des Angebots landen junge Männer hier viel eher als bei anderen Sportarten wie Basketball oder Eishockey. | Foto: Alfonso Scarpa, Unsplash
Doch zum Fußball gehören auch Episoden wie diese: Nachdem der Schiedsrichter Pascal Kaiser seinem Freund im Stadion des 1. FC Köln einen Heiratsantrag macht, erhält er zahlreiche Drohungen und homophobe Anfeindungen, zwei Mal lauern ihm in den Tagen danach Unbekannte auf und prügeln ihn nieder.
Wie passt das zusammen: Fußball, der Sport für „echte“ Männer sein will und mit homophoben Skandalen Schlagzeilen macht; und Fußball, bei dem sich Männer tätscheln und küssen? Ist Fußball für Männer so attraktiv, weil oder obwohl Emotionen erwünscht sind?
Hort der Männlichkeit
Während die großen gesellschaftlichen Institutionen des 20. Jahrhunderts – Parteien, Gewerkschaften, Kirchen – Jahr für Jahr Mitglieder verlieren, blüht das Fußballvereinsleben nach wie vor. Laut ÖFB gibt es „kaum einen Ort in Österreich, der nicht zumindest einen eigenen ortsansässigen Fußballverein besitzt“. Gerade für heranwachsende Männer gilt der Fußballplatz, egal ob als Fan oder als Spieler, als der zentrale Ort ihrer Sozialisation.
Dass Fußball ein „Hort von Männlichkeit, ein Symbol für Männlichkeit“ ist, reicht weit zurück, erklärt Nicole Selmer, Chefredakteurin des Fußballmagazins ballesterer. Seine erstmalige Blüte erlebte der Fußball nach dem Ersten Weltkrieg, die enge Verbindung zum Militär spiegelt sich noch heute in der Betonung von Werten wie Härte, Ehre, Kameradschaft und eben Männlichkeit wider. „Es handelt sich dabei um Konstrukte“, betont Selmer. Denn im Vergleich zu anderen Sportarten ist Fußball körperlich kein besonders harter Sport. Beispielsweise ist Handball weniger männlich konnotiert, auch wenn es dort deutlich härter zur Sache geht.

Auf dem Fußballplatz schwer erwünscht: Innige Umarmungen zwischen Männern. | Foto: Nihar Reddy Jangam, Unsplash
Es ist eine ganz bestimmte Art der „Männlichkeit“ – die von heterosexuellen, rauen Kerlen – die am Fußballplatz gelebt und zelebriert wird. Laut der Amazon-Doku „Das letzte Tabu“ gab es Anfang 2024 unter 500.000 Profifußballern in 190 Ländern gerade einmal sieben, die sich öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannten.
An seiner Anziehungskraft hat der Fußball bis heute kaum verloren. „Für junge Männer ist der Fußball attraktiv, weil sie dort Gruppen finden, in denen sie nochmal andere Erfahrungen machen können als in der Schule, in der Familie, wo sie sich in unterschiedlicher Art und Weise ausprobieren können“, erklärt Christian Brandt. Der Sportsoziologe der Universität Bayreuth forscht seit Jahren zu Fußball und seiner Kultur, begleitet Fanszenen mitunter mehrere Jahre und dokumentiert ihr Verhalten. Dabei beobachtet er, wie Fußball vor allem die Funktion hat, „Zugehörigkeit“ zu stiften. „Fußball liefert ein festes Ritual“, beispielsweise jedes Wochenende ein Spiel, „und ein relativ klares, emotionales Erlebnis“, man verliert oder man gewinnt gemeinsam. Damit unterscheidet sich der Fußball zwar kaum von anderen Sportarten wie Basketball oder Eishockey, aber schon aufgrund der schieren Größe des Sports und des Angebots landen junge Männer eher beim Fußball als anderswo.
Kontrollierte Eskalation
Doch Zugehörigkeit will verdient sein. Wer beispielsweise als „echter“ Fan gelten will, muss bestimmte Erwartungen erfüllen (regelmäßig Spiele verfolgen), gewisse Codes kennen (Handschlag, Kleidungsmarke) und zur richtigen Zeit die richtigen Emotionen zeigen (Torjubel, Beschimpfung). „Wenn ich nicht die gewünschte Emotion zeige, dann kann ich auch wieder rausfallen aus einer bestimmten Gruppe“, erklärt Brandt.
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ALS SPIELER ODER FAN: FÜR VIELE IST DER
FUSSBALLPLATZ ZENTRALER ORT DER SOZIALISATION.
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Dieses komplexe Regelwerk aus informellen Codes und Symbolen führt dazu, dass am und um den Fußballplatz Verhaltensweisen akzeptiert werden, die andernorts mindestens für Irritationen sorgen würden. Der Fußballplatz fungiert, so die Soziologin Franziska Körner in einem Aufsatz, als eine Art Zufluchtsort, in der „die Vorherrschaft des rauen und ‚wahrhaft männlichen‘ Mannes aufrecht gehalten“ wird.
Und inmitten dieser letzten Bastion „wahrhaft männlicher Männlichkeit“ wird auch das militärische Erbe des Fußballs konserviert. Das zeigt sich heute noch, wenn Spieler die schlechte Leistung ihrer Mannschaft als „mädchenhaft“ geißeln oder wenn homophobe Schmähgesänge durchs Stadion schallen. Das hat einen paradoxen Effekt: Es gibt kaum einen so „männlich“ dominierten Ort wie den Fußballplatz. Und deswegen stört sich gerade dort niemand daran, wenn sich Männer weinend in den Armen liegen. Der Fußballplatz ist so „männlich“, dass er über jeden Verdacht des „Unmännlichen“, „Weiblichen“ oder „Schwulen“ erhaben ist.
Fortschritt und Backlash
Wie in der Gesellschaft als Ganzes brechen diese starren Rollenbilder am Fußballplatz langsam auf, während es gleichzeitig Gegenbewegungen gibt. Die Popularität des Frauenfußballs, schlichtweg die Präsenz von mehr Frauen im Fußball, ist ein Grund dafür, warum Fußballplätze an toxischer Männlichkeit verlieren. Auch einige – aber längst nicht alle – Fangruppen befördern diese Entwicklung. In Reaktion auf einen Mord an einer Grazerin durch ihren Ex-Freund präsentierten die Ultras von Sturm Graz im Dezember 2025 ein Spruchband mit der Aufschrift „Man(n) tötet nicht aus Liebe – Femizide stoppen!“. „Da verändert sich etwas“, beobachtet ballesterer-Chefredakteurin Selmer.
Gleichzeitig sagt sie: „Das Innere des Männerfußballs ist sehr starr.“ In den Fußballakademien, den Kaderschmieden arbeiten Frauen als Köchinnen und Physiotherapeutinnen, während männliche Präsidenten und Geschäftsführer den Ton angeben. „In dieser Profi-Bubble lernen Burschen Frauen nur in ganz bestimmten Rollen kennen.“
Bis diese Strukturen endlich aufbrechen, werden sich auf Fußballplätzen wohl noch einige harte Kerle küssen.
Johannes Greß arbeitet als freier Journalist in Wien und besucht – selbstverständlich! – die Spiele des Wiener Sportclubs, der eine der wenigen offen queeren Fanszenen im deutschsprachigen Raum beherbergt.
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