Kind, du bist queer?
DOSSIER. Queere Menschen wissen meist früh, dass sie nicht in gängige Kategorien passen. Entscheidend ist dann, wie Eltern und ihr Umfeld sie unterstützen.
Text: Milena Österreicher.
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Wie spricht man mit einem Kind über Liebe und Sex, wenn man nicht weiß, wen es einmal lieben wird? Wie reagiert man, wenn die eigene Tochter sagt, sie fühle sich vielleicht nicht als Mädchen? Und was bedeutet eigentlich „altersgerecht“, wenn es um Sexualität geht?
„Man denkt oft, diese Themen werden ohnehin in der Schule behandelt“, sagt die Klinische Psychologin und Sexualpädagogin Tina Längle. Doch Sexualität und Identität begleiten Kinder von Anfang an. Längle rät Eltern, Gespräche nicht als einmalige „Aufklärung“ zu verstehen, sondern als fortlaufenden Austausch, etwa auf dem Heimweg vom Sportkurs oder beim gemeinsamen Essen. Mit einer offenen Frage wie „Gibt es gerade jemanden, der dir besonders viel bedeutet?“ entsteht Raum für ein Gespräch – ganz ohne Erwartungen.
In ihrer Praxis erlebt Tina Längle, dass viele Eltern unsicher sind: „Was ist, wenn ich keine Antwort habe?“ Dann informiert man sich eben gemeinsam: liest Bücher, recherchiert bei seriösen Quellen online, sucht Unterstützung bei Fachpersonal. Authentizität sei wichtiger als Perfektion. Entscheidend sei, dass Kinder spüren: Hier darf ich fragen. Hier darf ich sagen, was ich empfinde.
Auch eine klare Sprache sei zentral. Das kann bereits beim Windelwechseln beginnen: dem Kind ankündigen, dass man es nun im Genitalbereich berührt, und Vulva oder Penis korrekt benennen. So entsteht Selbstverständlichkeit – für das Kind ebenso wie für Erwachsene. Was banal klingt, ist zugleich Schutz. Wer seinen Körper benennen kann, ist später eher in der Lage, auch eine Grenzüberschreitung zu benennen.

Kinder nehmen ihre Geschlechtsidentität schon früh wahr, auch wenn diese aneckt. | Foto: Phillip Goldsberry, Unsplash
„Auch Erwachsene in Bildungseinrichtungen spielen eine wichtige Rolle: von der Elementarpädagogik bis zur Schule“, sagt Johannes Wahala, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Sexualwissenschaften und Leiter von COURAGE, österreichweiten Beratungsstellen zu LGBTIQ-Themen, Partnerschaft, Familie und Sexualität. In öffentlichen Debatten fallen schnell Schlagwörter wie „Frühsexualisierung“. „Das halte ich für einen absoluten Unsinn“, sagt Wahala. Die Vorstellung, Kinder hätten bis zur Pubertät kein Empfinden für Körperlichkeit oder kindliche Formen von Sexualität, sei wissenschaftlich nicht haltbar. Kinder erlebten Intimität altersadäquat und wenn sie dafür beschämt würden, entstünden erst die eigentlichen Probleme: Scham, Unsicherheit, das Gefühl, mit dem eigenen Körper oder den eigenen Gefühlen nicht in Ordnung zu sein. „Weder zur Homosexualität noch zu einer Transgeschlechtlichkeit kann man verführt oder erzogen werden“, betont der Psychotherapeut. Es handle sich um Normvarianten menschlichen Lebens. Sexuelle Orientierung werde oft schon rund um das zehnte Lebensjahr wahrgenommen, zunächst als diffuses Gefühl des Andersseins. In der Pubertät werde diese Wahrnehmung dann klarer. Ob daraus eine Selbstverständlichkeit wird oder das, was der Sexualwissenschaftler Udo Rauchfleisch „innere Heimatlosigkeit“ nennt, hänge stark vom Umfeld ab. Auch die Geschlechtsidentität zeige sich oft früh. Manche Kinder äußern bereits im Kindergartenalter Irritationen, andere erst mit Beginn der Pubertät, wenn sich der Körper in eine Richtung entwickelt, die sich falsch anfühlt. Von einer Geschlechtsinkongruenz spricht man erst, wenn dieses Unbehagen massiv wird. Aktuellen Zahlen zufolge betrifft das etwa 0,7 bis 0,8 Prozent der Menschen. Der öffentliche Diskurs konzentriert sich meist fast ausschließlich auf diese kleine Gruppe. Dabei geht es im Alltag vieler Jugendlicher weniger um medizinische Maßnahmen als um eine grundlegendere Frage: Darf ich so sein, wie ich mich erlebe?
Dass diese Frage existenziell ist, zeigen Studien. Queere Jugendliche haben im Coming-out-Prozess ein deutlich erhöhtes Risiko für Suizidgedanken und -versuche – in manchen Untersuchungen bis zu fünfmal höher als heterosexuelle Gleichaltrige. Hinter diesen Zahlen stehen junge Menschen, die sich zurückziehen, unter Ängsten leiden oder depressive Symptome entwickeln, weil sie erleben, dass ihr Queersein irritiert, relativiert oder verschwiegen wird.
Dieses Schweigen kann sich bis ins Erwachsenenalter fortsetzen. „Gewusst habe ich es eh immer“, hört Psychotherapeut Wahala in seiner Praxis von Menschen, die mit vierzig oder fünfzig zurückblicken. Doch sie hätten sich angepasst, „funktioniert“, Erwartungen (über-)erfüllt, waren in heterosexuellen Beziehungen, haben vielleicht Kinder bekommen – bis der Leidensdruck zu groß wurde.
Damit es nicht so weit kommt, beginnt Unterstützung lange bevor ein Coming-out ausgesprochen wird. Die deutsche Journalistin Verena Carl beschreibt in ihrem Buch „Queere Kinder“, wie sich das im eigenen Zuhause gestalten kann. Sie erzählt von ihren zwei Kindern – eines queer, eines cis und hetero – und davon, dass sie oft gefragt wird, ob es dieses eine große Coming-out gegeben habe. Es seien eher kleine Bemerkungen gewesen, die hier und da fielen. Mal habe sie ausführlicher reagiert, mal beiläufiger. Lange hielt Carl ihre Gelassenheit für Souveränität. Später merkte sie, dass „keine große Sache daraus machen“ auch bedeuten kann, einem Thema auszuweichen. Es sei etwas anderes, den netten schwulen Kollegen einmal zur Gartenparty einzuladen, als selbst ein Kind zu haben, das täglich die eigenen Vorstellungen von Männlichkeit, Weiblichkeit, Liebe und Sexualität herausfordert. Und das sei selbst für die wohlwollendsten, liebevollsten Eltern oft erst einmal eines: gewöhnungsbedürftig. Doch auch Carl betont: Wie Eltern reagieren, kann für ihre Kinder buchstäblich lebensentscheidend sein.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Antwort. Nicht in perfekten Formulierungen oder vollständigem Wissen, sondern in der Bereitschaft zuzuhören, Unsicherheiten auszuhalten und Vielfalt als Realität anzuerkennen. Und in einem Alltag, in dem Kinder und Jugendliche erfahren: Ich darf so sein, wie ich mich erlebe
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Die Schweizer Journalistin und Soziologin Christina Caprez porträtiert in "Queer Kids" (Limmat Verlag 2024) auf einfühlsame Weise 15 queere Kinder und Jugendliche. |
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Die Journalistin Verena Carl schrieb gemeinsam mit der Sexualwissenschaftlerin Christiane Kolb den Familienratgeber "Queere Kinder" (Verlag Beltz 2023). |
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