Migrantisch und queer
DOSSIER. Angst vor der Reaktion der Familie, die nie endende Frage nach der eigenen Identität und Zugehörigkeit – queere Migrant:innen müssen sich oft mehr Unsicherheiten stellen als andere. Drei von ihnen erzählen von ihren Erfahrungen. In ihren eigenen Worten.
Aufgezeichnet von: Dennis Miskić.
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Lucas Tuan-Anh Nguyen, 23 Jahre
„Mir sieht man natürlich an, dass ich nicht als Österreicher gelesen werde. Ich bin aber in Wien geboren, habe vietnamesische Eltern, katholisch, die in den 70ern/80ern nach Österreich gekommen sind. Ich bin hier aufgewachsen, österreichisch sozialisiert. Das alles nenne ich mein Migrationserbe. Es soll kein Hintergrund sein, sondern im Vordergrund stehen. Vietnamesisch spreche ich, aber es ist die Sprache meiner Eltern, ein Vietnamesisch aus dem Süden. Die Sprache hat sich aber verändert. Wenn ich heute nach Vietnam fahre, hört man, dass ich die Sprache einer anderen Generation gelernt habe. Es ist dann auch manchmal schwierig, die anderen zu verstehen. Ich bin trotzdem sehr in touch mit meiner Kultur. Es ist doch generell bei der zweiten Generation so, dass man die eigene Kultur mit der westlichen vereinen muss.

Mit neun oder zehn Jahren wusste Lucas Tuan-Anh Nguyen, dass er nicht heteronormativ ist. Als queerer Vietnamese, geboren in Österreich, habe er sich mit seiner Erfahrung sehr alleine gefühlt. | Foto: Dennis Miskić
Als Jugendlicher habe ich die meiste Zeit mit meiner Familie verbracht. Das war normal. Am Wochenende treffe ich mich eben nicht mit Thomas aus meiner Klasse, sondern bin mit meinen Cousins und Cousinen im Haus meiner Oma. Dadurch wurde auch diese Bindung zu unserer vietnamesischen Kultur gestärkt.
Queer zu sein, kam früh. Mit neun oder zehn wusste ich, dass ich nicht heteronormativ bin. Trotzdem habe ich lange gebraucht, um Worte dafür zu finden. Zuerst habe ich mich bei Freund:innen geoutet, viel später bei meiner Familie. Aus Vorsicht, ich wusste nicht, wie sie reagieren würden. Man wächst auf mit Horrorgeschichten von Rauswurf, Enterbung, Kontaktabbruch. Ich hatte dann als Teenager ernsthaft einen Rucksack gepackt – für den Fall, dass ich gehen muss.
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"IN QUEEREN RÄUMEN ERFAHRE ICH MANCHMAL RASSISMUS,
IN VIETNAMESISCHEN HOMOPHOBIE."
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Als queerer Vietnamese, der in Österreich geboren und aufgewachsen ist, habe ich mich sehr allein gefühlt in meiner Erfahrung. Das sind zwei paar Handschuhe, mit denen man umgehen muss. In der queeren Szene erfahre ich vielleicht manchmal ein bisschen Rassismus, in der vietnamesischen Community Homophobie. Schönheitsideale und Diskriminierung werden eben nicht nur in der Heterowelt reproduziert. Ich lese dann öfter „No Asians“ auf Datingprofilen.
Wien ist für mich ein sicherer Ort. Kommt es mal vor, dass ich komische Blicke bekomme, wenn ich einen Rock trage oder einfach so aussehe, wie ich aussehe? Ja, natürlich. Ich bleibe dann oft stehen und versuche mit der Person zu reden und im Endeffekt stellt sich heraus, dass die Person das aus Unsicherheit sagt. Wenn man tiefer reingeht, verstehen die Leute oft nicht, warum sie es sagen. Und ich glaube, Menschen anzustoßen, darüber nachzudenken, lässt einen fühlen, als hätte man so ein bisschen gewonnen.“

Als Muslima sah sie nie ein Problem darin, queer zu sein, sagt Larissa Lojic. Dennoch sei es schwierig, das Thema bei manchen konservativ-muslimischen Menschen anzusprechen. | Foto: Alice Lojić
Larissa Lojić, 26 Jahre
„Ich rede gerne vom queeren Outing, weil ich es mir wie eine Zwiebel vorstelle, bei der man Schalen abzieht und dann einzelne Schichten runtergehen. Das ist immer so ein Prozess. Die erste Schicht für mich war, zu verstehen, dass ich FLINTA liebe und mich am besten mit ihnen fühle. Den Male-Gaze, der uns immer eingeredet wurde und auf den man vielleicht unbewusst schon geachtet hat, brauchte ich dann auch nicht mehr in meinem Leben. Mein ganzes Selbstbewusstsein hat sich geändert und ich habe angefangen, auch mich selbst anders anzuschauen. Dafür braucht es aber immer ein gutes Umfeld. Ich habe mit vier Jahren im Kindergarten gecheckt, dass ich lesbisch bin. Da hatte ich meine erste Freundin. Irgendwann bekommt man aber von außen vermittelt, dass das etwas Komisches sei. Dann habe ich nicht wirklich länger darüber nachgedacht. Ich habe später auch nur Männer gedatet und auch wirklich geliebt. Es war aber schon dieses Gefühl da, dass ich Frauen anziehend finde. Die Frage ist dann: Wie geht man mit seinem Umfeld um? Ich wusste, wenn ich mich oute, wird ein Teil meiner Familie nicht mehr mit mir reden. Und das ist extrem schmerzhaft und macht extrem einsam.
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"ICH WUSSTE, WENN ICH MICH OUTE, WIRD EIN
TEIL MEINER FAMILIE NICHT MEHR MIT MIR REDEN."
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Mein Freundeskreis war sehr wichtig für mich in dieser Zeit. Meiner Mama konnte ich es auch schnell sagen. Als Muslima sah ich nie ein Problem darin, queer zu sein. Religion war für mich nie etwas Einschränkendes. Eher das Gegenteil. Mir wurde beigebracht, dass Glaube etwas Schönes ist und für mich auch ein Ruhepol. Bildlich vorgestellt ist mein Glaube ein schöner, blauer Himmel mit strahlender Sonne. Auf der anderen Seite weiß ich, dass ich, wenn ich in einer Moschee bin oder am Balkan konservativ-muslimische Menschen treffe, einen Teil von mir nicht immer preisgeben kann. Weil es eben auch nach hinten losgehen könnte. Meistens gehen die Leute sofort davon aus, dass ich nicht gläubig bin. Da hat man oft das Gefühl, dass man sich rechtfertigen muss und es ist nicht so leicht, richtig darauf zu reagieren. Weil sich meine Identität auch für mich ändert. Es ist eben keine gerade Linie.“

Mit der Zeit werde es einfacher, offen queer in Wien zu sein, sagt Emir Dizdarevic. Dennoch stellen sich Fragen: Wie kommuniziert man es in der Arbeit? Wie mit Menschen, die man neu kennenlernt? | Foto: Martin Dam
Emir Dizdarević, 36 Jahre
„Mein Name ist Emir. Ich bin 36, in Bosnien geboren, in Österreich aufgewachsen, schwul. Punkt. Ich komme aus einer muslimischen Familie, bin nicht gläubig, aber ich identifiziere mich als Muslim. Mein Name wurde mir von meiner Mutter gegeben und heißt „Prinz“. Der Name ist muslimisch und ich bin stolz darauf. Das widerspricht sich für mich nicht.
Ich wusste als Kind schon, dass ich queer bin. Ich war flamboyant, sichtbar, eigentlich war es allen klar – nur nicht meinen Eltern. Mein Coming-out war geplant. Ich habe Erasmus in Zagreb gemacht, was kein Zufall war. Einerseits wollte ich wieder etwas Nähe zum ex-jugoslawischen Raum. Vor allem ging es mir aber darum, einen sicheren Ort zu haben. Ich wusste nicht, wie die Leute reagieren werden, wenn ich mich oute. So hatte ich wenigstens gleich eine Wohnung.
Am lustigsten war mein Coming-out bei meiner Oma. Ich habe 30 Jahre gebraucht, sie nur fünf Sekunden, um es zu akzeptieren, und war sehr gechillt. Für mich war es witzig, weil ich mir dachte, wie cool sie ist. Vieles in diesem ganzen Prozess war in meinem Kopf größer als dann in der Realität. Was nicht heißen soll, dass viele Sorgen nicht berechtigt sind. Leute haben eben Angst vor der Reaktion aus ihrem Umfeld, vor allem am Balkan.
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"MEINE OMA BRAUCHTE NUR FÜNF SEKUNDEN,
UM ZU AKZEPTIEREN, WOFÜR ICH 30 JAHRE BRAUCHTE."
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Dass ich mich als Moslem identifiziere und queer bin, irritiert vielleicht einige. Aber ich denke mir: Wer bist du, um dich in diese Beziehung zwischen mir und Gott einzumischen? Mit der Zeit wird es einfacher, offen queer zu sein in Wien. Du baust dir halt ein Leben auf. Man erklärt es den Freund:innen. Irgendwann musst du überlegen, ob und wie du es in der Arbeit kommunizierst. Wie du es Leuten kommunizierst, die neu in dein Leben treten.
Es sind Fragen, die ich mir ständig neu stellen muss. Vieles an Identität wird einem gegeben: wo du geboren bist, wie du aufwächst, welche Geschichte du mitträgst – und ja, auch dein Name. Vieles davon kann man ändern, vieles nicht. Dieser Prozess ist nie abgeschlossen, weil Identität sich nicht darin erschöpft, was einem widerfährt.
Das ist ähnlich wie mit meinem Namen. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht. Aber ich habe entschieden, Emir mit Stolz zu tragen – und genauso mit meiner Identität umzugehen, auch wenn das heißt, bestehende Machtverhältnisse infrage zu stellen.“
Dennis Miskić ist freier Journalist aus Wien. Seine Anfänge machte er beim BIBER Magazin, heute schreibt er vor allem über den Balkan und Osteuropa und macht Beiträge für FM4, WZ und die FURCHE.
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Gut zu wissen:
Coming-out ist der selbstbestimmte Prozess, in dem eine Person ihre sexuelle Orientierung und/oder geschlechtliche Identität offenlegt.
Flamboyant beschreibt eine Person, die sich in Auftreten, Kleidung oder Gestik oft jenseits klassischer Geschlechternormen extravagant und farbenfroh zeigt. Diese Selbstdarstellung wird mit queerer Identität verbunden. Aber: Nicht jede flamboyante Person ist queer und nicht jede queere Person flamboyant.
FLINTA steht für Frauen, Lesben, inter Personen, nicht-binäre Personen, trans Personen und agender Personen.
Male Gaze (dt. „männlicher Blick“) bezeichnet einen Begriff der Film- und Medienkritik: wenn Frauen aus einer heterosexuell-männlichen Perspektive als Lustobjekt präsentiert und auf ihren Körper reduziert werden.



