Wie viel Kultur steckt in einer Diagnose?
DOSSIER. Muss medizinisches Personal im ohnehin überlasteten Alltag auch noch kulturelle Codes, Religionen und unterschiedliche Lebenswelten kennen? Ja, sagt die Ärztin Türkan Akkaya-Kalayci, Leiterin des Universitätslehrgangs „Transkulturelle Medizin“. Denn wer Patient:innen nicht versteht, riskiert Fehlinterpretationen – auf Kosten ihrer Gesundheit und der knappen Ressourcen im Gesundheitssystem.
Interview: Milena Österreicher, Fotos: Karin Wasner.
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Kaum ein Ort bringt so unterschiedliche Menschen zusammen wie ein Krankenhaus. Alter, Herkunft, Religion, verschiedene Sprachen treffen hier aufeinander – oft in Situationen, in denen wenig Zeit bleibt und viel auf dem Spiel steht. An der MedUni Wien beschäftigt sich deshalb seit 2015 ein eigener Universitätslehrgang mit „Transkultureller Medizin und Diversity Care“. Wissenschaftlich geleitet wird er von der Psychiaterin Türkan Akkaya-Kalayci, die auch die Transkulturelle Ambulanz an der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie leitet.

Türkan Akkaya-Kalayci leitet seit mehr als zehn Jahren den Universitätslehrgang „Transkulturelle Medizin“. Er sei die erste umfassende Ausbildung dieser Art in Europa, sagt die Psychiaterin.
Sie bilden Fachkräfte aus dem Gesundheits- und Sozialbereich in transkultureller Medizin aus. Was versteht man darunter?
Transkulturelle Medizin beschäftigt sich damit, wie kulturelle, soziale, religiöse und individuelle Hintergründe Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit, Kommunikation, Diagnostik und Behandlung beeinflussen. Dabei geht es nicht nur um Menschen mit Migrationsgeschichte, auch Alter, Gender, Bildung oder soziale Lebensbedingungen können eine Rolle spielen. Entscheidend ist, nicht automatisch davon auszugehen, dass die eigene Vorstellung von Gesundheit und Krankheit für alle Menschen gilt.
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„DIE EIGENE VORSTELLUNG VON GESUNDHEIT UND KRANKHEIT GILT NICHT FÜR ALLE MENSCHEN.“
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Was kann passieren, wenn diese Unterschiede nicht berücksichtigt werden?
Wenn ich nicht verstehe, welches Krankheitskonzept ein Mensch hat, kann die Zusammenarbeit schon bei der Diagnostik schwierig werden. Menschen mit Migrationserfahrung werden manchmal als „schwierig“ beschrieben oder es heißt, jemand betreibe „Doctor Shopping“. Es gibt Patient:innen, die die Zusammenarbeit verweigern, aber bei anderen war vielleicht das medizinische Angebot einfach nicht passend. Und wenn jemand nicht adäquat medizinisch betreut wird, hat das gesundheitliche Folgen für den Betroffenen, aber wirkt sich auch insgesamt auf unser Gesundheitssystem aus.
Wie unterschiedlich können Vorstellungen von Krankheit sein?
Sehr unterschiedlich. In der Psychiatrie erleben wir etwa, dass eine Psychose nicht unbedingt als Erkrankung verstanden wird. Vielleicht interpretiert die Familie ein Verhalten als besondere Begabung. Dann stellt sich aus ihrer Sicht die Frage: Warum sollte diese Person behandelt werden? Manche Menschen drücken psychische Belastungen vor allem durch körperliche Beschwerden aus. Das Wort „psychisch“ kann für sie bedeuten: Das bilde ich mir nur ein. Wenn sie glaubwürdig sein wollen, beschreiben sie deshalb körperliche Symptome. Dann suchen sie unterschiedliche Fachrichtungen auf, ohne an eine psychische Ursache zu denken. Wir sehen auch stark religiöse Menschen, egal welcher Konfession, die manchmal glauben, dass ihnen eine Krankheit als Bestrafung von Gott geschickt wurde. Heikel ist es dann vor allem, wenn sie denken, dass nur beten Abhilfe schafft. All das klingt nach Extremfällen, aber es begegnet uns oft.
Welche Rolle spielt Sprache?
Beschwerden werden nicht überall auf dieselbe Weise beschrieben, zum Beispiel verwenden manche Menschen in ihrer Sprache oft Metaphern. Jemand sagt dann nicht: „Ich habe Kopfschmerzen“, sondern beschreibt, dass sich sein Kopf geschwollen anfühlt. Solche Beschreibungen wurden laut Studien in Deutschland teilweise fälschlicherweise auch schon als Hinweise auf eine Psychose interpretiert. Wenn ich eine Aussage nur durch meine eigene kulturelle Brille deute, kann ich zu einem falschen Ergebnis kommen.
Können hier KI-Tools in der Kommunikation helfen?
Ja, aber sie ersetzen keine menschlichen Dolmetscher:innen. Diese bringen Kontextwissen mit und können vor Ort Gestik, Mimik oder Körperhaltung wahrnehmen. Wir nutzen im Krankenhaus mittlerweile oft auch Videodolmetschung. Ansonsten können auch Übersetzungsapps eine Hilfe sein.
Ihr Lehrgang behandelt unter anderem Patient:innen aus Südostasien, afrikanischen Ländern oder muslimisch geprägten Gesellschaften. Läuft man damit nicht Gefahr, Stereotype zu produzieren?
Es gibt natürlich keine typisch muslimischen, arabischen, afrikanischen, türkischen oder chinesischen Patient:innen. Allgemeines Wissen über Regionen, Religionen und Kommunikationsformen hilft jedoch, mit einem Menschen in Kontakt zu kommen und ihn besser zu verstehen. Ich brauche Grundwissen und muss dann herausfinden: Was davon ist nun für unsere Situation relevant, damit ich bestmöglich unterstützen kann. Wir haben uns in den Modulen auf Regionen konzentriert, aus denen viele Menschen in Österreich leben, und mit denen wir in unserem Arbeitsalltag zu tun haben.

Akkaya-Kalayci freut sich über das wachsende Interesse an transkultureller Medizin. Den Lehrgang besuchen aktuell Krankenpfleger:innen, Ärzt:innen, Hebammen und andere Berufsgruppen.
Wann kann religiöses Wissen wichtig werden?
Zum Beispiel bei Ernährungsfragen oder beim Umgang mit Tod und Trauer. Im Türkischen gibt es den Begriff „Sebep“, also einen Grund oder Anlass. Dahinter steht die Vorstellung: Wenn die Zeit für den letzten Atem gekommen ist, dann geht ein Mensch. Der konkrete Anlass kann ein Unfall, eine Krankheit oder auch ein Suizid sein. Für Angehörige kann die Vorstellung wichtig sein, dass sie den Tod letztlich nicht hätten verhindern können. Dieses Wissen kann bei der Trauerarbeit helfen.
Ärzt:innen und Pflegekräfte könnten jetzt einwenden: Unser Alltag ist ohnehin überlastet. Wozu sollen wir zusätzlich noch Religionen, kulturelle Codes und LGBTQI*-Lebensrealitäten studieren?
Unsere Gesellschaft ist vielfältig. Das können wir nicht ändern und nicht ignorieren. Wir haben Menschen mit Migrationsgeschichte, sprachliche historische Minderheiten, unterschiedliche Religionen, Genderidentitäten und Formen von Neurodiversität. Diese Vielfalt beginnt also nicht erst an einer Staatsgrenze. Auch zwischen dem Burgenland und Wien gibt es Unterschiede, und selbst innerhalb Wiens unterscheiden sich soziale Milieus und Kommunikationsformen, auch in der sogenannten autochthonen Bevölkerung. Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Haben wir Zeit für Diversität? Sondern: Wie viel Zeit verlieren wir, wenn wir sie ignorieren? Wenn eine halbe Stunde gute Kommunikation mehrere Untersuchungen, Weiterverweisungen oder Krankenhausaufenthalte verhindert, reden wir über erhebliche Ressourcen. Transkulturelle Kompetenz ist deshalb kein nettes Zusatzwissen. Sie kann für eine korrekte Diagnose und eine funktionierende Behandlung entscheidend sein.
Zusatzausbildungen sind auch eine finanzielle Frage. 15.000 Euro für den fünfsemestrigen Lehrgang kann sich nicht jede:r leisten.
Das stimmt, dessen sind wir uns bewusst. Nach der Pandemie sind die Kosten leider noch gestiegen. Wir haben verschiedene Lehrende aus unterschiedlichen Ländern: Ärzt:innen, Pflegekräfte, Sozialarbeiter:innen, Theolog:innen. Bei einer Teilnehmerin, einer Ärztin, übernimmt nun der Arbeitgeber die Ausbildungskosten. Es wäre wünschenswert, wenn Arbeitgeber solche Weiterbildungen öfter finanzieren würden.
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„RELIGIÖSES WISSEN HILFT BEI ERNÄHRUNGSFRAGEN, ABER AUCH BEIM UMGANG MIT TOD UND TRAUER.“
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Wenn Sie einen Lehrgang in Südamerika halten und dort ein Modul über „österreichische Patient:innen“ anbieten würden, was würden Sie erzählen?
Auch da reicht Österreich als Kategorie allein nicht aus. Man könnte aber beispielsweise über Kommunikationsstile sprechen. Westliche Gesellschaften in Europa oder Nordamerika sind stärker individualistisch geprägt. In kollektivistisch geprägten Gesellschaften stehen hingegen Familie und Gemeinschaft stärker im Vordergrund, oft wird auch von einem „wir“ statt „ich“ gesprochen. In der Türkei oder in Indien werden teilweise sogar fremde Menschen mit familiären Begriffen angesprochen: große Schwester, großer Bruder, Tante, Onkel. Wenn jemand aus dem Nahen Osten zu mir sagt: „Frau Doktor, Sie sind wie eine Schwester für mich“, irritiert mich das nicht. In Zentraleuropa tendieren wir eher zu einem distanzierten Verhältnis. Auch Lautstärke, Sprachmelodie, körperliche Nähe und Berührungen werden unterschiedlich wahrgenommen. Deshalb muss ich meine eigene Normalität als kulturell geprägt erkennen. Und das gilt überall.
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