Wir Gewohnheitstiere
RE-CHEK. Wenn Umlernen zur Notwendigkeit wird.
Vanessa Spanbauer checkt mehrfach: Eine Kolumne über
Diversität, Feminismus und Migration.
Ein Beitrag im neuen MO - Magazin für Menschenrechte.
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„Der Mensch ist ein Gewohnheitstier“ – ein Satz, der richtiger nicht sein könnte. Ob es ums Gendern geht, um die Verwendung der richtigen Pronomen oder um rassismuskritische Ausdrucksweisen, nichts davon ist schwer umzusetzen oder zu verstehen, wie es die selbsternannte „Anti-Woke“-Bubble prophezeit. Und genau deshalb ist jeglicher Sprachwandel relativ einfach zu erreichen – durch Umgewöhnung.
Allein der Fakt, dass die Kritiker das Wort „Woke“ in ihren Sprachgebrauch übernommen haben, zeugt davon, dass der Sprachwandel und die Übernahme von Begriffen für sie ebenfalls ganz normal ist. Denn „Woke“ kommt eigentlich aus dem afroamerikanischen Wortschatz des 20. Jahrhunderts und bedeutet, dass jemand in Bezug auf Rassismus wachsam geworden ist – im positiven Sinne. Rechte und Konservative formten das Wort für sich so um, dass es zu einem neuen Begriff mit mehreren Zuschreibungen wurde, der eine negative Konnotation erhielt.
In der Coronazeit lernten wir ebenfalls schnell neue Begriffe und übernahmen sie in unseren Sprachgebrauch. Von Lockdown bis Inzidenz und Social Distancing ist mittlerweile alles selbstverständlich in Verwendung. Wir können unsere sprachliche Ausdrucksform sehr schnell anpassen – wenn wir wollen. Daher ist es gegenstandslos rassismuskritische Sprache, Gendern oder andere nicht-diskriminierende Begriffe und Praktiken als unverständlich abzutun. Manchmal bedeutet es ein Umlernen bereits gelernter Muster. Das braucht Zeit, ist allerdings nicht unmöglich.
Auch ich musste irgendwann feststellen, dass ich mir anfangs etwas schwertat nicht-binäre Begrifflichkeiten zu finden. Allein das Wort „Freund/Freundin“ zu ersetzen, löste einen Knoten im Kopf aus. Es dauerte etwas bis mir die Umschreibung „Person mit der ich befreundet bin“ einfiel, oder die oft dankbare englische Version „Friend“. Mit der Zeit fielen mir immer mehr Begriffe auf, die ich selbstverständlich binär verwende und wo ich, um mehr Personen zu inkludieren, andere Begriffe verwenden könnte. Es ist okay, wenn uns manche Änderungen anfangs schwerfallen. Wir haben es vielfach anders gelernt. Doch weil wir es gelernt haben, können wir auch umlernen.
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Vanessa Spanbauer ist Journalistin und Historikerin aus Wien.
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