Burschen befreien
DOSSIER. Was brauchen Burschen, um selbstbestimmt und möglichst frei von patriarchalen Männlichkeitsvorstellungen aufwachsen zu können? Welchen Beitrag können Schulen dazu leisten?
Text: Redaktion.
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Der Großteil der Schüler:innen, die in der HTL Wien West ein- und ausgehen, sind junge Burschen. Im Gespräch über den Einfluss und die Sichtbarkeit toxischer Männlichkeitsbilder und Radikalisierung an seiner Schule, wird Schulleiter Thomas Angerer emotional: „Seien wir uns ehrlich, die jungen Burschen sind doch alle nicht von Natur aus böse, die sind liebe Burschen und man muss ihnen zeigen, dass sie liebe Burschen sind.“ Das Gespräch mit dem HTL-Direktor fand im Zuge einer Expert:innen-Befragung durch SOS Mitmensch statt. Es ging darum, wie Schulen und andere Einrichtungen gleichberechtigte Männlichkeitsbilder fördern können. Neben Personen aus der sozialarbeiterischen Burschenarbeit wurden dabei auch Schulleiter:innen und Lehrer:innen befragt.
Angerer ist überzeugt: „Wenn man ihnen respektvoll und auf Augenhöhe gegenübertritt, hat man schon viel gewonnen. Die Burschen wollen ernst genommen werden. Geben wir ihnen das Gefühl, dass wir sie brauchen.“ Nur auf dieser Basis könne es Lehrpersonen auch gelingen, eine positive Vorbildwirkung zu entfalten.

Wichtig: Burschen nicht mit problematischen Einflüssen und Rollenerwartungen alleinlassen. | Illustration: SOS Mitmensch
Der große Wert von Vorbildern, die den Burschen Alternativen zu patriarchalen Männlichkeitsbildern vorleben, wird von allen Expert:innen geteilt. So auch von Mittelschuldirektorin Erika Tiefenbacher. Sie betont, dass es dafür wichtig sei, die Diversität im Schulpersonal zu erhöhen: „Burschen brauchen Vorbilder, mit denen sie sich identifizieren können.“ Das betont auch Volksschuldirektorin Petra Feldhofer-Mahmoudian. Darüber hinaus sieht sie bei Burschen tendenziell vermehrt Bedarf an der Förderung von Impulskontrolle und Frustrationstoleranz: „Dafür braucht es Begegnung und Zeit für Beziehung und Selbstreflexion, die schrittweise angelernt werden muss, ebenso die Auseinandersetzung mit Gefühlen.“
Patrick Osterkorn, Lehrer an der AHS Rahlgasse, konstatiert einen starken Bedarf an mehr Platz für soziales Lernen, speziell bei Jugendlichen zwischen der 5. und 8. Schulstufe. Das sollte in Form eigener Fächer wie „Kommunikation-Kooperation-Konfliktlösung“, aber auch integriert in allen anderen Unterrichtsfächern passieren. Ähnlich Simon Hirt, Lehrer an der Schüler:innenschule im WUK: „Wenn wir in die Zukunft blicken, dann müsste soziales Lernen auch im Regelschul-Lehrplan viel mehr Aufmerksamkeit und Platz bekommen.“
Für Alexander Blaschek, Beratungslehrer an der Floridsdorfer „Bildungseinrichtung Willi Resetarits“, ist wichtig, dass Burschen Räume haben, „in denen sie ein breites Spektrum an Gefühlen über Wut hinaus ausdrücken können. Auch Angst, Trauer und Unsicherheit sollten als legitime Gefühle für Burschen anerkannt werden.“ Es brauche den Fokus auf emotionale Hintergründe von Verhalten. Gefühle wie Unsicherheit, Kränkung oder Angst müssten ernst genommen werden.
Alle befragten Expert:innen betonen, dass Burschen mit dem Schwall an problematischen Einflüssen und Rollenerwartungen, denen sie oft ausgesetzt sind, auf keinen Fall alleingelassen werden dürfen. Der vollständige Bericht wird voraussichtlich Ende Juni auf der Webseite von SOS Mitmensch veröffentlicht.
Der „Burschen befreien“-Bericht schließt an den im Herbst von SOS Mitmensch veröffentlichten „Wie Mädchen stärken“-Bericht an (www.sosmitmensch.at/maedchen-staerken).
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