Halima S.*: „Seid ein gutes Vorbild für die nächste Generation!“
Halima S.* kam mit ihren drei Töchtern über die Familienzusammenführung nach Österreich und war dort der Gewalt ihres Mannes ausgesetzt. Als er ihre jüngste Tochter verletzte, ging sie zur Polizei und erstattete Anzeige. Dies war der Anfang eines selbstbestimmten Lebens für sie und ihre Töchter. Hinweis: Die Erzählung enthält Schilderungen von häuslicher Gewalt.
Redaktion: Sonja Kittel
„Es gab nur Probleme“
„Mein Name ist Halima S. und ich komme aus Syrien. Ich bin mit meinem Ex-Mann und meiner ersten Tochter schon vor neun Jahren in die Türkei geflohen. Dort lebten wir in Istanbul und bekamen noch zwei weitere Töchter. Mein Ex-Mann kam 2021 nach Österreich und holte uns zwei Jahre später über die Familienzusammenführung zu sich nach Wien. Er lebte dort mit seinem Bruder in einer Zweizimmerwohnung, und wir mussten zu fünft dort Platz finden. Es gab von Anfang an nur Probleme. Mein Ex-Mann beschimpfte mich und schlug mich. Die Schimpfwörter waren manchmal noch härter als die Schläge.
„Ich musste ins Spital“
Mein Ex-Mann schloss die Kinder und mich in der Wohnung ein. Er wollte, dass ich zuhause bleibe, kein Deutsch lerne, keine Freundschaften aufbaue. Ich durfte nur die Kinder in die Schule und den Kindergarten bringen, aber wir machten nie einen Ausflug oder besuchten jemanden. Er erzählte mir immer wieder, dass das Jugendamt und die Polizei hier sehr böse seien und mir die Kinder wegnehmen würden, wenn ich etwas erzählen würde von meiner Situation. Eines Abends schlug er mich so fest, dass eine Gesichtshälfte gelähmt war und ich ins Spital musste. Da ich auch blaue Flecken hatte, verständigten sie die Polizei. Mein Mann befahl mir zu sagen, dass es meiner Mutter sehr schlecht gehe und ich mir aus Gram darüber selbst ins Gesicht geschlagen hätte. Er drohte wieder damit, dass die Polizei die Kinder wegnehmen würde, wenn ich die Wahrheit sage, daher erzählte ich diese Geschichte.
„Für mich hatte ich die Gewalt akzeptiert“
Nach dem Aufenthalt habe ich ihm gesagt, dass er mich nie wieder schlagen solle und ich habe mich geweigert, Sex mit ihm zu haben. Als wir meine Schwester im Ausland besuchten, drohte er mir, die Pässe an sich zu nehmen, mit meinen Kindern nach Österreich zurückzufahren und mich hierzulassen, wenn ich nicht mehr mit ihm schlafe. Deshalb musste ich nachgeben und er ist mit uns zurück nach Österreich. Er hat mich erst nur leicht geschlagen, damit keine Spuren zurückbleiben. Doch dann hatten wir einen Streit, weil ich mein Handy laden wollte, und er versuchte, das zu verhindern. Das Kabel ging bei dem Streit kaputt und er nahm es und schlug mich so fest damit, dass die Lähmung im Gesicht zurückkehrte. Er hat uns wieder eingeschlossen und als er zurückkam, hat meine jüngste Tochter stark geweint. Er drückte ihr seine Hand auf Mund und Nase, bis sie blau anlief. Ich ging dazwischen und er ist wieder weg. Für mich hatte ich die Gewalt akzeptiert und geschwiegen, aber in dem Moment, in dem es um meine Kinder ging, konnte ich das nicht mehr akzeptieren.
„Die Polizei gab uns etwas zu trinken und warme Kleidung“
Irgendwann in den nächsten Tagen vergaß er dann einmal, die Tür abzuschließen. Ich nutzte die Chance sofort und wir sind abends um acht, so wie wir waren, raus. Ich schaute auf dem Handy, wo die nächste Polizeistation war, und dort sind wir hin. Natürlich hatte ich große Angst, dass die Polizei mir die Kinder wegnehmen würde, gleichzeitig sah ich keine andere Möglichkeit mehr, als dort Hilfe zu suchen. Sie verstanden kein Arabisch, aber ein wenig türkisch und als sie begriffen, dass ich Probleme mit meinem Mann habe, ließen sie uns rein, gaben uns etwas zu trinken und warme Kleidung. Sie holten einen Dolmetscher für Arabisch und der beruhigte erstmal meine Kinder. Sie waren panisch, weil auch sie glaubten, dass die Polizei böse sei und sie wegholen wolle.
„Ich entschied mich fürs Frauenhaus“
Ich konnte vor Ort eine Anzeige machen und sie gaben mir zwei Möglichkeiten: Entweder ich gehe zurück in die Wohnung und sie machen eine Wegweisung für meinen Mann oder ich gehe ins Frauenhaus. Ich wusste, dass wir in der Wohnung nicht sicher sein würden, und entschied mich fürs Frauenhaus. Wir blieben dort ein Jahr. Mein Mann kam in Untersuchungshaft und bald kontaktierte mich meine Familie. Sie machten mir große Vorwürfe, weil es eine Schande sei, seinen eigenen Mann anzuzeigen. Sie sagten mir, dass ich die Anzeige zurückziehen müsse, sonst würden sie kommen und mich töten. Mir blieb keine andere Wahl, und so zog ich die Anzeige zurück und mein Mann kam wieder raus.
„Ich bin endlich angekommen“
Ich bekam übers Frauenhaus eine Wohnung und lebte dort erstmals ganz allein mit meinen Kindern. Das war am Anfang schwer, aber es war ein Leben in Sicherheit und ohne Gewalt für uns. Die Mitarbeiterinnen des Frauenhauses unterstützten mich bei allen Behördengängen, bei der Schulanmeldung der Kinder und bei der Suche nach einer Gemeindewohnung, die ich jetzt bekommen habe. Ich habe sie ganz allein eingerichtet und bin endlich angekommen. Ich will mich erstmal stabilisieren und dann gerne eine Ausbildung zur Friseurin machen. Ich gehe auch in einen Deutschkurs und möchte die Sprache lernen. Unterstützung bekommen wir jetzt bei den Nachbarinnen. Anderen Frauen in meiner Situation möchte ich raten, die Gewalt, den Druck und die Angst nicht zu akzeptieren. Ihr seid erwachsen und wisst, was richtig und was falsch ist. Macht das, was das Beste ist für euch und eure Kinder ist. Wenn ihr die Gewalt weiter akzeptiert, werdet ihr immer am Boden bleiben. Erzieht eure Kinder so, dass sie keine Gewalt akzeptieren, und seid ein gutes Vorbild für die nächste Generation!
„Meine Älteste will Polizistin werden“
Ich will bei meinen Kindern auch alles anders machen. Sie haben mir die Kraft gegeben, das alles durchzuhalten. Ich durfte in Syrien nur bis zur neunten Klasse in die Schule gehen und musste dann zuhause bleiben. Meinen Kindern wünsche ich eine bessere Zukunft. Nie sollen sie in so eine schlimme Situation kommen wie ich. Meine fünfjährige Tochter möchte Lehrerin werden, meine achtjährige Tochter Ärztin und meine älteste, sie ist jetzt zehn, will Polizistin werden. Sie hat damals mitbekommen, wie die Polizei uns geholfen hat, und sie will später selbst andere Frauen in solchen Situationen unterstützen und verhindern, dass sie weiter Gewalt ausgesetzt sind.“
* Name von der Redaktion geändert.
Die aktuelle Hier-Angekommen-Porträtreihe von SOS Mitmensch gibt Frauen eine Stimme, die sich nach ihrer Flucht in Österreich ein neues Leben aufgebaut haben und gleichzeitig die Herausforderungen als Alleinerziehende meistern müssen. Wie haben sie es geschafft, sich in einem neuen Land mit neuer Sprache zurechtzufinden und gleichzeitig das Familienleben zu meistern? Was waren die größten Hürden? Und was hat ihnen die Kraft gegeben, durchzuhalten? Die Porträts der aktuellen Reihe sowie die Porträtreihen der letzten Jahre sind hier nachzulesen: www.hierangekommen.at. Wenn Sie Geflüchtete unterstützen wollen, finden Sie hier Infos und Kontakte.
Wir danken dem Verein "Nachbarinnen in Wien" für die Unterstützung bei der Porträtserie.
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